Leichte Sprache

Die Balance des Zusammenlebens

Demokratie beruht auf der Überwindung der Instinkte, ja auch der Angst, durch Vernunft. Lassen Sie uns das auch 2018 wieder versuchen, sagt Martina Weyrauch.
Dr. Martina Weyrauch ist Leiterin der Landeszentrale

Noch nie suchten so viele Menschen das persönliche Gespräch mit uns wie im Jahr 2017 - durch Anrufe, E-Mails, Debattenbeiträge, online oder von Angesicht zu Angesicht. Sie wollten sich direkt informieren, Projekte anschieben, sich über ihre Bürgermeister aufregen oder selbst einer werden, die Kreisgebietsreform stoppen oder vorwärts bringen. Manche wollten in den Bundestag, direkt und ohne Partei.

Noch nie waren die Positionen so kontrovers, interessiert und anregend. Zugleich wurden sie aber auch deutlich zugespitzt, aggressiver und wütender vorgetragen, als wir es bisher gewohnt waren. Durch Ruhe, Zugewandtheit und ernsthaftes Interesse an der Position des Bürgers konnten wir oft die Emotionen beruhigen, fühlten uns aber nicht selten wie Ansprechpartner am Krisentelefon.

Die Gespräche machen das Vertrauen in unsere Arbeit deutlich. Und dafür möchten wir uns bei Ihnen ausdrücklich bedanken.

Wir spüren aber auch Verunsicherung, Groll und man muss es so sagen: Angst. Angst, die Welt nicht mehr zu verstehen, nicht mehr die Lage zu beherrschen, überfordert zu sein. Überfordert von der Komplexität der Antworten auf scheinbar einfache Fragen.

Der kluge Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde machte 1976 darauf aufmerksam, dass der freiheitliche und kirchenferne Staat, der keinem eine Religion, eine Anschauung vorschreibt, von Voraussetzungen lebt, die er nicht erzwingen, nicht anordnen kann. Er lebt von der moralischen Substanz des Einzelnen, vom Engagement der Demokraten (1).

Was heißt das heute für uns, für uns als Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung? Als überparteiliche, gleichwohl staatlich finanzierte Institution möchten wir die Bürger zur Demokratie und zum gesellschaftlichen Engagement ermutigen. Überparteilichkeit schließt für uns Haltung nicht aus. Eine Haltung, die geprägt ist von den Grundgedanken der Aufklärung, der Toleranz und der Bejahung der Menschenrechte. Wir sind dafür, Missstände zu benennen, aber dabei Hass und Ressentiments konsequent zu vermeiden. Respekt füreinander, auch bei inhaltlichen Differenzen, ist für uns ein Muss. Denn alles andere vergiftet den Diskurs, unsere Gesellschaft und das persönliche Zusammenleben.

1989 hat der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ postuliert, vorschnell, wie wir heute wissen. Auch nicht wenige von uns glaubten, dass mit der „Einheit in Freiheit“ alles besser werden würde. Doch neue Herausforderungen stehen ins Haus. Glücksgefühle, das Gefühl von Zusammengehörigkeit und das von Heimat sehen viele Menschen gefährdet. Sie wünschen sich einen abgeschotteten Nationalstaat. Andere breiten die Arme aus und heißen Zuwanderer und Geflüchtete willkommen. Das heißt, die innere Balance unseres Zusammenlebens in Freiheit muss immer wieder neu debattiert werden. Sie ist nicht statisch. Auch wir sind Teil dieser Debatte und ringen immer wieder neu um Orientierung, indem wir versuchen, schwierige Zusammenhänge für uns und für Sie ins „gut Verständliche“ zu übersetzen.

Die Demokratie beruht auf der Überwindung der Instinkte, ja auch der Angst, durch Vernunft. Lassen Sie uns das auch 2018 wieder versuchen!

 


 
(1) „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“ (Ernst-Wolfgang Böckenförde: Staat, Gesellschaft, Freiheit. 1976, S. 60.)
 

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Kommentare

Die Balance des Zusammenlebens

Ja, ich habe auch in diesem Jahr erlebt, wie das persönliche Gespräch in der Beratung und bei Bildungsveranstaltungen an Bedeutung gewonnen hat. Der Leiter des Max-Weber-Kollegs Erfurt Prof. Dr. Hartmut Rosa hat in diesem Jahr mehrfach öffentlich darauf hingewiesen, das die Krise von Demokratie und Religion zusammenhängen. In diesem Sinne ist die politische Bildung besonders herausgefordert - und darf zugleich gelassen sein: religiöse Bildung ist nicht ihr Metier. Es darf Weihnachten werden. Danke Dr. Martina Weyrauch für die gute Arbeit!
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Balance des Zusammenlebens

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Personen wie Dr. Martina Weyrauch! Also von Personen, die beide Deutschen Staaten erlebt, erlitten und mitgestaltet haben, die wissen, dass Veränderungen ein Zusammenspiel vieler Faktoren sind und die sich bemühten, richtungweisend daran teilzuhaben. Es waren nicht nur die bärtigen Zwangstheologen und die informierten unzufriedenen unsichtbaren HVA´ler, die uns einen neuen Anfang ermöglichten sondern auch viele engagierte Mitbürger auf beiden Seiten der ehemaligen Zonengrenze, die mit viel Einsatz standhielten! Auch wenn manches anders gekommen ist als gewünscht. Auch wenn Emporkömmlinge wie der Schwiegersohn eines ehemaligen NRW-Innenministers oder unerwischte Apparatschikabkömmlinge sich für den Nabel der Welt hielten. Darum Dank der politischen Bildung des Landes Brandenburg - die weder vegan noch fleischlich eine aufklärende Richtung hat!
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Danke!

Danke für diese besonnenen Worte und die tolle Arbeit, die die Landeszentrale leistet! Das ist der richtige Weg!
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