Leichte Sprache

Direktkandidaten? – Kenn ich nicht!

Parteiurgesteine, die in Juristendeutsch über digitale Gerechtigkeit für die junge Generation referieren, werden uns nicht hinter dem Ofen hervorlocken, meint Danilo Zoschnik. Der 19-Jährige denkt über Direktkandidaten vor Ort nach - von denen er nicht einen Einzigen kennt.
Leeres Wahlplakat

Die Hälfte der Abgeordneten des Bundestages – das sind 299 Männer und Frauen – wird direkt gewählt. Ihre Gesichter sind auf den Wahlplakaten zu sehen, sie werben mit ihrer Person um Wählerstimmen. Ich behaupte mal, praktisch jeder junge Mensch sieht sie dort auch zum ersten Mal. Denn die Direktkandidat*innen sind für Jugendliche nicht greifbar. Sie sitzen weder in Kreismitgliederversammlungen noch bei Ausschusssitzungen dabei, und die meisten werden den Namen des Kandidaten oder der Kandidatin, den sie am 24. September ankreuzen, erstmals auf dem Wahlzettel lesen. Vielleicht entscheidet dann die Sympathie für die Partei, für die die Kandidierenden stehen, oder auch nur der Klang des Namens.

Eine Riege älterer Männer

Ein Wunder wäre das nicht. Erst in der zwölften Klasse traf meine Jahrgangsstufe – organisiert über die Schule – auf Abgeordnete des Landtages. Die Bilanz war ernüchternd: Parlamentarier, die lieber darüber sprachen, wie lange sie bereits politisch arbeiteten, als darüber wie oder wozu. Eine AfD-Frau, die versuchte, uns für Thesen zu gewinnen, bei denen sie sich innerhalb von Minuten mehrfach selbst widersprach. Eine Riege älterer Männer von den übrigen Landtagsparteien, die uns vorkam, als hätte man sie zwingen müssen, zu diesem Termin zu erscheinen und die kein Interesse daran zeigte, über die Parteilinie hinaus inhaltliche Diskussionen zu ermöglichen.

Mein Lieblingssatz während des Treffens war: „Darüber diskutiere ich gar nicht“. Ich fand das unglaublich, denn diese Leute waren von ihrer Landtagsfraktion gerade für den Austausch mit Schüler*innen ausgewählt worden. Mir wird schwindelig, wenn ich mir vorstelle, wie die Rhetorik der anderen Mitglieder des Landtages dann wohl ausgesehen hätte.

Danilo Zoschnik

Der Autor
Danilo Zoschnik hat gerade sein Abitur in Eberswalde gemacht und nun Zeit, die Wochen bis zur Bundestagswahl bei uns durchzubloggen.

Menschen mit politischen Gestaltungsmöglichkeiten, oft über fünfzig, tun sich augenscheinlich schwer, einen Draht zu der jungen Generation herzustellen. Warum ist das so? Ich weiß es nicht. Sagt’s mir.

Ist es verschmerzbar, wenn man bedenkt, dass Jugendliche nicht gerade oft „hier“ schreien, wenn es um Politik geht? Wohl kaum. Die Direktkandidat*innen aus meinem Wahlkreis kenne ich jedenfalls bisher nicht – und ich bin politisch hochinteressiert, lese und höre lokale Medien, informiere mich über Parteitage, Sitzungen, Abgeordnete und so weiter. Wie soll der durchschnittliche junge Mensch sich da mit diesen Plakat-Menschen identifizieren?

Es müsste mehr junge Gesichter geben. Ab und an schaffen es ja junge Kandidat*innen auf die Wahlplakate. In Brandenburg sind derzeit mit Martin Wandrey für die Bündnisgrünen oder Laura Schieritz für die FDP tatsächlich junge Menschen zu sehen.

Zu viel Theorie, zu wenig Praxis

Aber das reicht mir nicht. Der politische Bildungsunterricht müsste sich, insbesondere in einem Wahljahr, nicht nur mit der Theorie von Demokratien beschäftigen, sondern auch mit der Praxis vor der Haustür. Und dazu gehören eben auch die Direktkandidat*innen, weil sie die unmittelbarste Art der Mitbestimmung in diesem Staat ermöglichen.

Meine Stimme gebe ich „meinem“ Kandidaten oder „meiner“ Kandidatin, das heißt der Person, der ich zutraue, meine Interessen am besten zu vertreten. Das ist den wenigsten bewusst, glaube ich. Die Kommunikation muss sich hier daher grundlegend ändern. Parteiurgesteine, die in Juristendeutsch über digitale Gerechtigkeit für die junge Generation referieren, werden uns nicht hinter dem Ofen hervorlocken.

 

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Kommentare

Politik ohne Jugend

Das Format der Podiumsdiskussion gefalle ihm schon, allerdings sehe er vor allem ein Problem in der Sprache der Politiker. „Gerade für die 15- und 16-Jährigen könnten sie auch genauso gut Swahili reden.“
Teilnehmer einer Veranstaltung mit Direktkandidaten in Potsdam

Direktkandidaten für Potsdam: Politik ohne Jugend

PNN, 17.08.2017

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