Leichte Sprache

Irrtum NPD

Der ehemalige NPD-Chef Holger Apfel will mit dem Buch „Irrtum NPD“ seine Zeit in der rechtsextremen Partei aufarbeiten. Der Begleittext verspricht keinen Rachefeldzug. Doch Apfel ist sich treu geblieben: Er teilt vor allem aus.
Ausschnitt aus dem Buchcover

Holger Apfel war viele Jahre einer der wichtigsten Funktionäre der NPD. Der 1970 in Hildesheim geborene Apfel war in der Nachwuchsorganisation „Junge Nationaldemokraten“ aktiv, stieg zum Vorsitzenden auf, zog in den NPD-Bundesvorstand ein, wurde Fraktions- und Landeschef in Sachsen, Wahlkampfmanager in Mecklenburg-Vorpommern, Chefredakteur der Parteizeitung „Deutsche Stimme“ und schließlich noch Bundesvorsitzender. Er war somit einer der einflussreichsten Funktionäre, der den Weg der NPD in ihrer Hochphase von Anfang der 00er Jahre bis zu ihrem Niedergang maßgeblich geprägt hat. 2013 erklärte Apfel seinen Abschied – unter unappetitlichen und bis heute nicht ganz geklärten Umständen. 

Vier Jahre später blickt Apfel zurück auf seine Zeit in der NPD. Sein Resümee: „Wer sich mit einer Klapperschlange ins Bett legt, der muss sich nicht wundern, wenn er gebissen wird!“ Bemerkenswert, wollte Apfel in dem Buch eigentlich keine schmutzige Wäsche waschen. Doch das Fazit passt zu dem 400-seitigen Buch: Apfel skizziert eine Geschichte, in der er aus jugendlichem Überschwang zur Radikalisierung der NPD beigetragen habe, danach aber stets eine Art Stimme der Vernunft in der rechtsextremen Bewegung gewesen sei.

Undank ist der Welten Lohn

Apfel beschreibt großzügig seinen Einsatz für die Partei– doch zumeist erntete er demnach nur Undank: „Auch mit den JN gab es zunehmend Zoff. Dieselbe JN, der ich mich als langjähriger Vorsitzender über viele Jahre so verbunden gefühlt und sie über die Partei finanziell und personell selbst dann noch gefördert hatte, als es längst nicht mehr angemessen war.“ Sogar seine (mittlerweile gescheiterte) Ehe habe er für die NPD vernachlässigt, schreibt Apfel. Und über seinen Einsatz beim Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern berichtet Apfel, er sei dort von den Kameraden wohl auch respektiert worden, „da ich es als Fraktionschef ja nicht gerade „nötig“ hatte, mich ehrenamtlich über Monate an der Wahlkampffront zu engagieren, untergebracht in einer Billigpension, verpflegt in der gemeinsamen „Feldküche““.

Während Apfel seine eigenen Verdienste also deutlich betont, geht er mit Mitstreitern hart ins Gericht. Über einen ehemaligen Fraktionskollegen in Sachsen schreibt er: „[Jürgen] Schön wurde zu einer immer größeren Belastung. Bei Plenarsitzungen musste er aus dem Verkehr gezogen werden, da er sich mit Flachmännern auf der Toilette einen zwitscherte, offen im Plenum herumlallte und durch fragwürdige Zwischenrufe auffiel.“ 

Apfel rechnet immer wieder mit seinen innerparteilichen Gegnern ab, beispielsweise mit Udo Voigt. Über den heutigen Europaabgeordneten berichtet Apfel, der damalige NPD-Vize habe „am Rande der Feierlichkeiten für General Franco in einer Kaschemme in Madrid nach Herunterlassen der Rolladen mit ins Horst-Wessel-Lied“ eingestimmt. Auch Udo Pastörs bekommt immer wieder sein Fett weg. Über den Brandenburger NPD-Funktionär Klaus Beier urteilte Apfel, dieser agiere „seit Jahren erfolglos“.

Keine Distanzierung vom Rechtsextremismus

Ehrlicherweise hat Apfel nie angekündigt, er werde sich sonderlich kritisch mit der rechtsextremen Ideologie auseinandersetzen. Und tatsächlich sind seine Feindbilder die alten geblieben: Eine vermeintlich rote Republik, die Antifa und vor allem die Medien, denen er geradezu eine Allmacht andichtet. Wie wenig Distanz er tatsächlich zu der Zeit in der rechtsextremen Bewegung aufgebaut hat, wird immer wieder deutlich. Über den rechtsextremen „Trauermarsch“ in Dresden schreib er rückblickend: „Der Trauermarsch stellte alles bisher erlebte in den Schatten. Zur großen Empörung der Antifa war provokativ eine Route in das Herz der Neustadt gewählt worden. Der fast unendlich wirkende Zug am Terrassenufer entlang über Carola- und Albertbrücke stellte für viele ein großes Erlebnis mit Gänsehaut-Faktor dar.“ Auch das klare Freund-Feind-Denken, das für extreme Ideologien so typisch ist, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch.

Offen bleibt, für wen Apfel dieses Buch eigentlich geschrieben hat. Für ein größeres Publikum ist es viel zu kleinteilig. In der Szene wird sich Apfel auch wenig Freunde gemacht haben, wenn er alte Gräben wieder aufreißt. So bleiben eigentlich nur interessierte Beobachter, die die Entwicklung der NPD in den vergangenen Jahren genau verfolgt haben.

NPD scheiterte an sich selbst

Vor allem bestätigt sich aber durch die Lektüre, dass die NPD in den 00er Jahren eine historische Gelegenheit verpasste, sich zu etablieren, weil sie an sich selbst scheiterte. Profilneurosen, narzisstische Charaktere, maßlose Selbstüberschätzung und moralische Selbsterhöhung sind offenkundig an der Tagesordnung gewesen. Apfels Selbstwahrnehmung passt nur zu gut ins Bild. Bis heute ist er überzeugt, unter seinem Kurs wäre die NPD erfolgreicher gewesen; gescheitert sei er an Illoyalität und der Unfähigkeit seiner Mitstreiter.

Ein typischer Befund in der extremen Rechten, wo viele Protagonisten überzeugt sind, sie hätten die absolute Wahrheit gepachtet. Wenn man so eine Weltsicht in sich trägt, ist es schwierig, andere Positionen zu respektieren und Kompromisse zu schließen, selbst im eigenen Lager.

„Mit Politik abgeschlossen“

Heute ist Apfel Wirt auf Mallorca, am Zapfhahn hat er das alleinige Sagen. Mit der Politik habe er abgeschlossen, sagt Apfel der „Mallorca Zeitung“ im Mai 2017. „Ich verfolge das zwar noch mit Interesse, aber distanzierter als früher. Ich weiß auch gar nicht, ob ich wählen gehe." Apfel gibt sich genauso, wie sein Buch wirkt: unentschlossen und orientierungslos.

Apfels langjährige Ehefrau Jasmin war da konsequenter, sie sagte der „Leipziger Volkszeitung“, sie wolle nichts mehr mit Holger Apfel „und seiner Gesinnung, die sich wahrscheinlich nie wandeln wird, zu tun haben.“ Apfels Buch „Irrtum NPD“ bestätigt ihre Einschätzung. Holger Apfel scheint seinen eigenen Weg ohne die Partei noch nicht gefunden zu haben, sein Buch ist eher ein Nachtreten gegen die alten Gegner als eine ehrliche Aufarbeitung oder ein echter Neuanfang.
 

Patrick GensingPatrick Gensing ist Blogger, Journalist und Nachrichtenredakteur. Für die Netzinitiative publikative.org – eine Seite, die zunächst als NPD-Watchblog bekannt wurde, wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er schreibt zu Fachthemen wie Antisemitismus, Medien, Rechtspopulismus und -extremismus.

 


 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 3.3 (3 Bewertungen)

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Druckversion Send by email