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Soziale Ungleichheit

Lexikon Politische BildungSoziale Ungleichheit beschreibt, ob bestimmte Gruppen von Menschen in einer Gesellschaft besser oder schlechter gestellt sind als andere. Sie entsteht, wenn Ressourcen in einer Gesellschaft so verteilt sind, dass bestimmte Bevölkerungsteile regelmäßig bessere oder schlechtere Lebens- und Verwirklichungschancen haben als andere Gruppierungen. Diese Ressourcen können materiell sein wie zum Beispiel Einkommen oder Vermögen, aber auch immateriell wie zum Beispiel Bildung und Aufstiegschancen.

Der Begriff stammt aus den Sozialwissenschaften. Er enthält keine Wertung, ob die Verteilung von Ressourcen gerecht oder ungerecht ist. Dies ist in der gesellschaftspolitischen Diskussion anders. Soziale Ungleichheit steht hier in einem engen Zusammenhang mit den Vorstellungen von Gerechtigkeit in einer Gesellschaft, denn aus der unterschiedlichen Verteilung von Ressourcen ergeben sich auch unterschiedliche Möglichkeiten und Chancen für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Einkommensverteilung

Soziale Ungleichheit lässt sich mit verschiedenen Methoden bestimmen. Die bekannteste Methode ist die Messung der Einkommensverteilung. Die Darstellung erfolgt mit dem Gini-Koeffizienten. Je größer dieser Koeffizient, desto ungleicher ist die Einkommensverteilung.

In allen westlichen Industriestaaten hat die Ungleichverteilung der Einkommensverhältnisse zugenommen. Über die Ursachen streiten die Wissenschaftler. Die meisten Ökonomen machen drei voneinander unabhängige Entwicklungen für den Anstieg sozialer Ungleichheit verantwortlich: den technologischen Fortschritt, die Politik der Deregulierung und die wachsende Konkurrenz durch Länder wie China oder Indien. Andere, wie der amerikanische Ökonom Branko Milanovic, nennen in erster Linie die Globalisierung und ihre Folgen.

Der französische Ökonom Thomas Piketty sieht die Hauptursache für die steigende soziale Ungleichheit in dem unterschiedlichen Wachstum von Vermögen und Einkommen: Wer Geld hat, kann in Aktien oder Immobilien investieren und erhält daraus höhere Einkünfte als Beschäftigte aus ihrer Arbeit.

In Deutschland ist diese Entwicklung in den letzten 20 Jahren deutlich zu beobachten. Die Löhne und Gehälter der Beschäftigten stiegen langsamer (um 48 Prozent) als die Gewinne der Unternehmen und die Einkommen aus Vermögen (zum Beispiel Mieten und Kapitalerträge), die im gleichen Zeitraum um 67 Prozent zulegten.

Zusätzlich verläuft noch immer ein durchschnittliches Wohlstandsgefälle zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Als eine Ursache gilt die Ungleichheit zwischen den Gehältern. Diese sind im Osten im Vergleich zu den mittleren Einkommen in Westdeutschland um 300 Euro niedriger. Neben den Gehältern der abhängig Beschäftigten werden zudem die Einkommensverhältnisse vieler Selbstständiger und Freiberufler zunehmend prekär.

Chancengleichheit

Neben der Einkommens- und Vermögensverteilung wird soziale Ungleichheit auch an der Chancengleichheit gemessen. Je nach der Perspektive des Betrachters gibt es gravierende Unterschiede in der Bewertung der jeweiligen Zahlen zur sozialen Ungleichheit. So wird der Armutsbericht, den der Paritätische Wohlfahrtsverband jährlich für Deutschland vorlegt, in der Presse mit ebenso heftig zustimmenden wie ablehnenden Kommentaren und Meinungsäußerungen diskutiert.

Einigkeit herrscht aber in einem Punkt: Sowohl arbeitgebernahe Einrichtungen wie zum Beispiel das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln als auch Wohlfahrtsverbände sind sich darin einig, dass Deutschland im Bildungsbereich Nachholbedarf hat, um die Chancenungleichheit zu senken und damit auch die Teilhabemöglichkeiten sozial benachteiligter Gruppen zu erhöhen.

Einheitlichkeit oder Gleichwertigkeit. Unser Grundgesetz hat, ebenso wie der Begriff vom Wohlstand eine Entwicklung durchgemacht. Bis zur Grundgesetzreform von 1994 war in der Verfassung noch von der Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse die Rede. Seitdem spricht Artikel 72, Absatz 2 von der „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet“. 


Wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen der Ungleichheit

Der Internationale Währungsfonds stellte 2014 in einer Studie fest, dass Volkswirtschaften mit geringerer sozialer Ungleichheit ein höheres Wachstum haben als Volkswirtschaften mit ausgeprägter sozialer Ungleichheit.

Experten warnen vor einer Dominanz des Marktes und den Folgen für die Gesellschaft, wenn soziale Ungleichheit unkontrolliert explodiert. Gesellschaftlich sind die Folgen zum Beispiel in einer Abwendung von etablierten Parteien und Politikern, der Nichtteilnahme an Wahlen und der Hinwendung zu alternativen Politikangeboten bemerkbar. Vor allem rechtspopulistische Debatten erhalten Zulauf. Zu kurz greift aber die Vermutung, dass nur die sogenannten Abgehängten, die Arbeits- und Zukunftslosen, die prekär Beschäftigten dafür ansprechbar sind. Es ist vielmehr ein breites Spektrum der Mittelschicht in Bewegung geraten – auch die noch Beschäftigten und Aktiven, die durchaus nicht abgehängt sind, aber dies fürchten.

Wege zu mehr Gleichheit

Die Frage danach, wie sich soziale Ungleichheit verringern lässt, wird ebenso kontrovers diskutiert wie die Bereiche, in denen Handlungsbedarf besteht. Vorschläge reichen von Modellen zur Vermögens- und Erbschaftssteuer über Sondersteuern auf Luxusgüter bis zum Wunsch nach staatlichen Sparbriefen mit Zinsgarantie oder einer Mindestkapitalausstattung für jeden volljährigen Bürger. Auch die Begrenzung von Spitzengehältern wird immer wieder diskutiert.

Im Bereich der Bildung sehen Kritiker kaum Handlungsspielraum, weil viele reiche Gesellschaften das Bildungsangebot qualitativ kaum noch verbessern könnten und viele Beschäftigte im Dienstleistungssektor für ihre Tätigkeiten schon jetzt überqualifiziert seien.

Soziale Ungleichheit verringern

Einige Vorschläge sind in Deutschland bereits in staatliche Politik übersetzt worden. So wurde 2015 der Mindestlohn per Gesetz eingeführt. Er sollte die Armut senken und für mehr Einkommensgleichheit sorgen, sein Erfolg bleibt aber umstritten. Deutlich verbessert haben sich hingegen die Einkommenschancen von Frauen. Dazu haben gesetzliche Regelungen zur Gleichbezahlung und die garantierte Teilhabe von Frauen an Führungsaufgaben beigetragen.

Soziale Medien haben einen ausgleichenden Effekt. An jedem Punkt der Welt kann praktisch jedermann die Lebensverhältnisse in Nordamerika oder Westeuropa beobachten. Auch in den afrikanischen Staaten des Maghreb und in den desolaten Volkswirtschaften südlich der Sahel-Zone, auch in den Kriegsgebieten Syriens und Iraks. Informationen über unseren Lebensstil verbreiten sich quasi schlagartig. Aber eben auch nur schlaglichtartig.

Eine grundlegende Frage in der Auseinandersetzung darüber, was man gegen soziale Ungleichheit tun kann, brachte der britische Wirtschaftsforscher Anthony B. Atkinson 2016 zurück in die Debatte:

Während meines Studiums in Cambridge, England, und Cambridge, Massachusetts, hat man mich gelehrt, bei einer wirtschaftlichen Veränderung oder Maßnahme zu fragen: ‚Wer gewinnt und wer verliert?‘– eine Frage, die ich in den heutigen Mediendiskussionen und politischen Debatten häufig vermisse. Viele Wirtschaftsmodelle … klammern Verteilungsprobleme dabei aus. Dadurch bleibt kein Raum, um nach der Gerechtigkeit der Ergebnisse zu fragen.“

 

TW, Januar 2017