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Zwangsarbeit in Berlin und Brandenburg

Nach dem Krieg erinnerte sich die deutsche Öffentlichkeit an den massenhaften "Ausländereinsatz" meist nur als bedauerliche Begleiterscheinung des Krieges, nicht aber als brutales Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Belgischer Zwangsarbeiter bei Siemens

In Berlin mussten im Verlauf des Zweiten Weltkriegs über eine halbe Million Menschen Zwangsarbeit leisten. Sie arbeiteten auf dem Bau, bei der Eisenbahn, in privaten Haushalten, bei der Trümmerbeseitigung, im Handwerk, vor allem aber in der Industrie. Berlin war nicht nur die Hauptstadt des Dritten Reiches, sondern auch seine wichtigste Rüstungsschmiede. Die ausländischen ZwangsarbeiterInnen machten rund 20 % der Berliner Beschäftigten aus, in den Großbetrieben der Maschinenbau- und Elektroindustrie wie Siemens oder AEG noch erheblich mehr.

Kaum ein Groß-, Mittel- oder Kleinbetrieb verzichtete auf sie. Vorreiter beim Ausländereinsatz war schon seit 1938 die Behörde des  ́Generalbauinspektors für die Neugestaltung der Reichshauptstadt ́ unter Albert Speer. Darüber hinaus wurden 21.000 jüdische BerlinerInnen zur Arbeit gezwungen, ehe sie bis Anfang 1943 in die Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt wurden. Die Gestapo hatte zwar Sicherheitsbedenken gegen die Beschäftigung von Nichtdeutschen in der Reichshauptstadt, dennoch stieg deren Zahl von 140.000 (1941) auf mehr als 380.000 (1943); ein Viertel davon waren Frauen. Sie wurden - verteilt über das gesamte Stadtgebiet - in fast 3.000 Lagern und Unterkünften untergebracht.

Wie in ganz Deutschland waren Polen und die Sowjetunion die wichtigsten Herkunftsländer; in Berlin waren aber im Vergleich zum Reichsdurchschnitt relativ viele der überwiegend männlichen Arbeiter aus Frankreich, Holland und Belgien eingesetzt. Wegen der verstärkten Luftangriffe verlagerten 1944 viele Berliner Betriebe ihre Fertigungen mitsamt der Belegschaft an die Peripherie der Stadt und in das bis dato eher agrarisch geprägte Brandenburg.

Im Gauarbeitsamtsbezirk Brandenburg waren im September 1943 über 316.000 zivile ausländische Arbeitskräfte eingesetzt, davon ein Drittel Frauen. Im damaligen Regierungsbezirk Potsdam (ohne die Kreise Niederbarnim und Prenzlau) sind für den April 1943 mindestens 615 Zwangsarbeiterlager nachgewiesen.

Auf dem um die Hälfte größeren Gebiet des heutigen Bundeslands Brandenburg dürften weit über 1.000 Lager existiert haben. Knapp die Hälfte der ZwangsarbeiterInnen waren in der Landwirtschaft eingesetzt und in der Regel auf dem Bauernhof untergebracht.


Für die Überwachung der ausländischen Arbeitskräfte waren vor allem die regionalen Abteilungen der Geheimen Staatspolizei, also die Stapoleitstelle Berlin und die Stapostellen Potsdam und Frankfurt/Oder zuständig. Festgenommene ZwangsarbeiterInnen wurden selten der  ́regulären ́ Strafjustiz überantwortet, sondern entweder in den Polizeigefängnissen und Arbeitserziehungslagern inhaftiert oder der SS übergeben und in ein KZ eingewiesen.

In den beiden großen brandenburgischen Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück waren über 200.000 Männer und rund 130.000 Frauen inhaftiert. Neben der Zwangsarbeit für die SS und in den 1942 bei den KZ eingerichteten Fabriken (Henkel in Oranienburg und Siemens in Ravensbrück) entstanden vor allem im Jahr 1944 immer mehr Außenlager bei zahllosen Unternehmen Berlins und Brandenburgs.

Zwangsarbeit. Die Zeitzeugen-App der Berliner GeschichtswerkstattÜberall in Berlin und Brandenburg wurden auch die Kriegsgefangenen der Mannschaftsstammlager in Luckenwalde (Stalag III A), Fürstenberg/Oder, heute Eisenhüttenstadt (III B), Alt-Drewitz bei Küstrin (III C) und Berlin (III D) auf Gütern und in Fabriken zur Zwangsarbeit eingesetzt. Schon im Herbst 1939 arbeiteten polnische Kriegsgefangene als Landarbeiter; 1943 sind in Brandenburg nur für die sowjetischen Kriegsgefangenen 215 quer über das Land verteilte Einsatzorte nachgewiesen.

Das Stalag III D in Berlin unterhielt 1944 allein für die Italienischen Militärinternierten mindestens 120 Arbeitskommandos in der Reichshauptstadt. Die Zwangsarbeiterbaracken lagen häufig direkt vor den Fenstern der deutschen Bevölkerung. Die ́Fremdvölkischen waren auf ihren langen täglichen Arbeitswegen ebenso unübersehbar wie in den Fabriken und auf den Feldern. Die meisten Deutschen waren aber mit dem Kriegsalltag beschäftigt und interessierten sich wenig für das Schicksal der Fremden. Allerdings war der Kontakt zu ihnen auch verboten.

Nach dem Krieg erinnerte sich die deutsche Öffentlichkeit an den massenhaften "Ausländereinsatz" meist nur als bedauerliche Begleiterscheinung des Krieges, nicht aber als das brutale Verbrechen gegen die Menschlichkeit, als das die "Sklavenarbeit" im Zentrum der Nürnberger Prozesse stand. Auch in Berlin und Brandenburg ist die Erinnerung an die Zwangsarbeit bis heute weder im Straßenbild noch im Bewusstsein der Bevölkerung präsent. Anders als in anderen Städten gibt es keine kommunalen Entschädigungs- oder Besuchsprogramme. Bis auf ein fast komplett erhaltenes Lager in Berlin-Schöneweide sind die meisten Baracken abgerissen; nur wenige Gedenktafeln erinnern an die vergessenen Opfer des Nationalsozialismus.

Die isolierte Erinnerung der Opfer

[...]Noch problematischer war die Isolation der Erinnerung in der Nachkriegs-Sowjetunion, als die ehemaligen ZwangsarbeiterInnen einem generellen Kollaborationsverdacht ausgesetzt waren. Waren den Betroffenen damals die Lage und die Funktion Fehrbellins selbst unklar („wohin man uns brachte, für welche Zeit, wir wussten von nichts“), so konnten sie auch nicht sicher sein, wie die sowjetischen Behörden dies einordnen würden.

Die Inhaftierung in einem Straflager hätte sie womöglich als Kriminelle abstempeln können. Hier scheint ein gewisser Unterschied zum Konzentrationslager zu liegen, das als Sammelbegriff wie auch mit seinen einzelnen Orten die Überlebenden eindeutig als Opfer großen Schreckens auswies. Polnische Ravensbrückerinnen beispielsweise konnen sich auf der Suche nach Leidensgenossinnen an den regionalen Club Ravensbrück wenden; die Opfer von Fehrbellin blieben auf sich gestellt. [...]

 

Aus: Berliner Geschichtswerkstatt (Hrsg.) Das Arbeitserziehungslager Fehrbellin. Zwangsarbeiterinnen im Straflager der Gestapo

 

Bildergalerie
Erläuterungstafel an der Museumsbaracke der Gedenkstätte Lieberose
Gedenktafel Arbeitslager Treptow.
"Polenabzeichen" für polnische Zwangsarbeiter
Kennzeichen der „Ostarbeiter“
Martin Borman, der Leiter der NSDAP Parteikanzlei, verbietet die öffentliche Erörterung einer "Gesamtlösung der Judenfrage", erlaubt aber die öffentliche Nennung von Jüdischer Zwangsarbeit
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