Leichte Sprache

Arbeitserziehungslager Fehrbellin

„Wir hatten alle Angst vor Fehrbellin.” So beschrieb Helene Freudenberg die Stimmung unter den gefangenen Frauen im Berliner Gestapogefängnis. Das nationalsozialistische „Arbeitserziehungslager Fehrbellin” war dort als „Hölle“ berüchtigt. Heute weiß kaum jemand etwas darüber.

In der brandenburgischen Kleinstadt Fehrbellin lag das erste speziell für Frauen eingerichtete Arbeitserziehungslager (AEL). Es war - nach dem KZ Ravensbrück - das größte Straflager für Frauen im Raum Berlin-Brandenburg. Die Rekonstruktion der Geschichte des AEL stützt sich vor allem auf Firmenakten und auf ausführliche Zeitzeuginnen-Erinnerungen. [...]

„Wir hatten alle Angst vor Fehrbellin.” So beschrieb die 1944 verhaftete Helene Freudenberg die Stimmung unter den gefangenen Frauen im Berliner Gestapogefängnis. Das nationalsozialistische „Arbeitserziehungslager Fehrbellin” war dort als „Hölle“ berüchtigt. Heute ist dieses einst gefürchtete Straflager nur wenigen Fachleuten geläufig - in Brandenburg weiß kaum jemand etwas darüber.

Der 3.000-Einwohner-Ort Fehrbellin liegt etwa 50 km nordwestlich von Berlin in der flachen, moorigen und dünn besiedelten Luchlandschaft des Landkreises Neuruppin. Es ist bekannt durch die Schlacht von 1675, in der die Brandenburger unter dem ́Großen Kurfürsten ́ die Schwedischen Besatzungstruppen besiegten. An diese Schlacht erinnern viele Straßennamen - etwa der Fehrbelliner Platz in Berlin - sowie zahlreiche Denkmäler in und um Fehrbellin. Nichts erinnert im Ort dagegen an das Arbeitserziehungslager. Das ehemalige Lagergelände ist heute ein Abstellplatz; die Bastfaserfabrik, in der die Häftlinge Zwangsarbeit leisteten, verfällt.

"Kaum im Lager hinter Stacheldraht sausten Schläge auf uns nieder"
Auszüge aus dem Erinnerungsbericht (Ende der 40er Jahre) von Helene Freudenberg

Wir hatten alle Angst vor Fehrbellin. Im Gefängnis waren furchtbare Dinge davon erzählt worden. Doch ich sagte mir, schlimmer als in der Hamburger Strasse könne es doch nicht sein. Oh, es war viel schlimmer!!! Morgens um 10 Uhr kamen wir an. Kaum im Lager hinter Stacheldraht sausten die ersten Schläge auf uns nieder. Besonders die kleine Französin wurde sehr geschlagen. Wir hörten immer wieder: Wir werden euch zeigen, was es heißt, wenn man türmen will. Ihr Hunde, ihr Mistviecher. Und ähnliche Schimpfworte. Besonders sadistisch benahm sich ein rothaariges dürres Weib. Ich wusste nun, warum Fehrbellin unter dem Namen „Die rote Hölle“ bekannt war.

AEL Fehrbellin

Zeitraum: 1942 bis 1945
Insassen: Frauen, darunter ausländische Zwangsarbeite-rinnen, politische Häftlinge
Arbeitseinsatz: Bastfaser GmbH Fehrbellin
Belegung: ca. 8.000 Frauen im gesamten Zeitraum
Todesopfer: unbekannt

Wir Neuen wurden in eine Baracke getrieben. Dort stand ein langer Tisch. Es kam ein Häftling, sie hieß Monika und war Belgierin, war schon lahm geschlagen und darum im Lager. Monika hieß uns alle nackend ausziehen. Wir zogen uns aus und standen lange, lange. Wir fragten Monika, was man jetzt wohl mit uns täte. Darauf weinte sie und erzählte, dass sie schon vier Monate in Fehrbellin sei und jetzt unter dem „Fuchs“ stände. Das war die rothaarige Bestie, die im Lager nur unter dem Namen „Fuchs“ bekannt war.

Monika sagte uns, wenn sie hier nicht bald wegkäme, würde sie der Fuchs auch noch totschlagen, wie sie es schon mit so vielen getan habe. Wir weinten alle und standen fünf Stunden lang nackend und frierend und hungernd. Der „Fuchs“ kontrollierte von Zeit zu Zeit. [...] Endlich wurde die Baracke aufgeschlossen, der „Fuchs“ erschien und musterte jede einzelne mit sichtlichem Behagen und schlug und schlug, wo sie nur hin traf.

Vor mir stand eine bildschöne Französin. Ihr ging vor Angst ein Schütteln durch den Körper. Der „Fuchs“ das sehen, auf sie stürzen und sie schlagen, bis sie selbst zitterte, das war alles eins. Dann verschwand sie für einige Zeit. Als sie wiederkam, weinten wir alle. Sie donnerte uns an: „Ruhe!“ Alles war ruhig. Nun mussten wir uns nacheinander auf den Tisch legen, die Beine spreizen. Wir konnten das alle nicht und schämten uns. Doch die Scham verging uns bald. Als die ersten fünf durch waren, gaben wir nach und taten es alle. Die rote Bestie hatte solch eine Übung [darin, dass es] wirklich verblüffend war. Sie nannte die Quälerei: Läuseaktion. [...]

Hier ist nichts erlaubt, nur Arbeit

Als wir alle durch die Klauen dieser Bestie gegangen waren, bekamen wir jede eine blaue Bluse und eine lange Hose. Unsere Kleidung wurde, mit unserer Nummer versehen, weggebracht. Und dann gab es das erste Mal zu Essen. Das ging so vor sich: antreten, eine Blechmarke in die Hand, dann am Kübel vorbei eine Blechschüssel mit irgendeinem Fraß in Empfang nehmen und dann weg. Der so genannte Essraum war viel zu klein. Wir konnten unmöglich das mit Absicht viel zu heiße Essen in ein paar Minuten hinunterschlingen, abgehetzt, wie wir waren. Denn schon hieß es: Raus und Platz für die nächste Kolonne. So kam es, dass wir ständig Hunger litten. Dann hieß es: „Die Neuen antreten!“ Und es wurde uns die Lagerordnung vorgelesen. Darin hieß es: Wer den Versuch macht, zu fliehen, wird erschossen. Flieht eine Deutsche, werden die Angehörigen verhaftet. Hier ist nichts erlaubt, nur Arbeit. Wer das nicht begriffen hat, wird, wie ihr gesehen habt, bestraft.

Die ehemalige Bastfaserfabrik in FehrbellinNun ging es in die Baracke für Verfügbare. Wir wussten nicht, was „Verfügbar“ bedeutet. Wir glaubten, bis zum nächsten Tag Ruhe zu haben, doch die Ruhe dauerte nur ein paar Minuten. Jetzt erschien ein anderes Mannweib und machte uns klar, dass sie die „Frau Oberwachtmeisterin“ sei. Das geschah dadurch, dass sie mit einem Rohrstock schlug und sagte, sobald sie oder eine der anderen Wachtmeisterinnen die Baracke beträte, hätte jeder Häftling stramm vor seiner Pritsche zu stehen, und nicht mit der Wimper zu zucken.

Gleich nach dieser Oberwachtmeisterin erschien schon eine alte Frau und stellte sich als „Frau Hauptwachtmeisterin“ vor. Sie wollte uns jetzt noch schnell beibringen, wie wir anzutreten und auf dem Appellplatz zu stehen hätten. Und schon ging es los. Die Frau Hauptwachtmeisterin pfiff auf einer Trillerpfeife und wir mussten wieder hintereinander losrasen, uns wie der Blitz zu fünfen stellen und schnurgerade ausrichten. Wieder ein Pfiff und hintereinander in die Baracke zurück. So ging es bis zur völligen Erschöpfung. Der Appellplatz war mit Schlacke bestreut und wir alle waren barfuss. Unsere Füße bluteten. Das war der erste Tag in Fehrbellin.

Ihr könnt euch auf was gefasst machen

Im Morgengrauen wurde die Baracke aufgerissen. Es schreit jemand: In 10 Minuten alles fertig! Und wir standen schon in fünf Minuten. Jetzt ein Pfiff und wir raus. Die alten Häftlinge gingen in Kolonnen in den Speisesaal. Hinterher wir Neuen. Dort empfing uns Hauptwachtmeister Krüger. Er sagte: „Wie immer: die Neuen in Scheune 7!“ Ein alter Häftling flüsterte mir zu: „Das ist die Folterkammer Nr. 1! Ihr habt Dittmar als Wache, einen Hund, und Oberschieber Lene. Ihr könnt euch auf was gefasst machen.“

Abmarsch war um 5.30 Uhr. Es ging über Schotter und Brennnesseln. Keiner durfte mucksen. Schon auf dem Wege wurde wieder geschlagen. Wie wir später erfuhren, schlug SS-Mann Dittmar mit Vorliebe. Besonders gleich früh. Er nannte das: den Schlaf aus den Knochen treiben. Wir gingen eine Straße entlang. Da waren rechts und links Fabrikgebäude. Hinter der Fabrik kam ein freies Feld und eine Strecke weiter sahen wir riesige Scheunen und vier Stock hohe Hanf- und Leinmieten. Wir wurden in Scheune Nr. 7 an große Dreschmaschinen gestellt. Die Scheune war so groß, dass mitten hindurch Schienen liefen. Häftlinge schoben die vollen Loren in die Scheune. Jetzt wurden sämtliche Dreschmaschinen eingeschaltet. Wir lernten unter Schlägen unheimlich schnell, was von uns verlangt wurde. Ich stand nun 14 Tage lang früh sechs Stunden und nachmittags sechs Stunden am Förderband in Scheune 7. Es war wirklich eine Folterkammer.

Sobald die Maschinen eine kurze Zeit liefen, sahen wir keinen Meter mehr weit, soviel Schmutz wirbelte der Lein auf. Nase, Augen, Ohren und Mund waren voll schwarzen Staubes. Der Hals ausgetrocknet und darin stach es wie mit Nadeln. Und es gab nicht einen Schluck Wasser.

In acht Tagen zur alten Frau

Helga [eine Kunstmalerin, mit der Helene Freudenberg schon im Gestapogefängnis in einer Gemeinschaftszelle einsaß] kam schon am zweiten Tag zu mir und sagte: „Helene, man hat mich geschlagen. Es tut körperlich nicht so weh, wie ich dachte. Aber das Gefühl, von diesen Bestien geschlagen zu werden, bringt mich um den Verstand.“ Man muss wissen, dass Helga mit ihren Künstlerhänden als Binderin angestellt wurde. Sie gab sich die erdenklichste Mühe, doch bald war von allen Fingerkuppen Haut und Fleisch ab. Das Leinstroh war so hart wie Holz.

Die Finger eiterten schon am dritten Tag. Oberschieber Lene [Vorarbeiterin und Aufseherin], genauso roh wie die SS, hatte eine besondere Wut auf intelligente Menschen. [Sie] machte dem SS-Mann Dittmer Meldung, Helga verweigere die Arbeit. Darauf schlug man Helga, bis sie arbeitsunfähig wurde. Helga kam zu dem „Fuchs“ ins Krankenrevier. Die Schultern waren geschwollen, der Rücken zerschlagen. Sie wurde dreimal an der Schulter geschnitten, Tassen voll Eiter quollen aus der Wunde. In acht Tagen war Helga zu einer ganz alten Frau geworden. Sie wurde entlassen, wir wussten nicht wohin.

Die Faulheit austreiben

Oberschieber Lene schlug zwei Französinnen zu Invaliden, was ich selber gesehen habe. Eine der Französinnen packte sie von hinten an den Haaren, rannte mit ihr auf das Scheunentor zu, so dass die Französin mit der Stirn an einen Balken prallte. Sie brach mit einem schrecklichen Schrei zusammen. Am nächsten Tage war sie blind. Die Augen waren blutrot. Was aus ihr geworden ist, weiß ich nicht. Der anderen Französin schlug Oberschieber Lene mit einem Knüppel die rechte Hand kaputt. Ich habe die Hand nach Tagen gesehen, sie war ganz verkrüppelt.

Der „Fuchs“ hat zwei Menschen zu meiner Zeit in Fehrbellin erschlagen. Von den zwei Frauen weiß ich es bestimmt. Eine war eine 18-jährige Russin namens Natascha. Das Mädchen wurde öfter ohnmächtig. Der „Fuchs“ nannte das Faulheit. Dabei war Natascha von der viel zu schweren Arbeit herzkrank geworden. Natascha wurde bei ihren Anfällen kalkweiß, bekam blaue Lippen. Der „Fuchs“ wollte ihr nun die angebliche Faulheit austreiben. Natascha musste Kniebeugen machen, bis sie wieder ohnmächtig wurde. Dann goss der „Fuchs“ eiskaltes Wasser über sie. Und so ging es ununterbrochen, bis sich Natascha nicht mehr rührte. Dann wurde sie an den Händen in den Bunker geschleift und ist dann in der Nacht gestorben.

Die kleine Französin war ein zartes Geschöpf. Auf die hatte es der „Fuchs“ auch besonders abgesehen. Sie starb schon nach den ersten Schlägen. Man legte sie nackend auf den langen Tisch der Baracke, wo die so genannten Läuseaktionen stattfanden. Das Fenster war offen. Wir konnten sie alle sehen. [...]

Den ganzen Tag ohne Besinnung

Bei der Außenkolonne bekam ich eine schwere Angina. Ich konnte nicht mehr schlucken und hatte schon tagelang nichts mehr gegessen. Ich ging ins Krankenrevier, hatte 38 Grad Temperatur und bekam...Ohrfeigen! Unter 39 Grad Temperatur darf niemand das Revier betreten. In der Nacht stieg das Fieber. Die Kameradinnen hatten irgendwie Wasser besorgt und machten Umschläge. Ich musste früh wieder mit. Wir mussten aus Schleppkähnen Hanf ausladen und zu Mieten stapeln.

Ganz früh ging es noch, aber sobald es warm wurde, ging von dem Hanf ein so starker Geruch aus, dass wir uns alle erbrachen und schwindelig wurden. Und trotzdem arbeiteten die Kameradinnen auch für mich mit. Ich war fast den ganzen Tag ohne Besinnung. Am Abend trugen mich meine Kameradinnen ins Lager. In der Nacht hatte ich plötzlich den Mund voll Eiter und Blut. Aber das Fieber war gesunken. Ohne Licht und ohne einen Schluck zu trinken verbrachte ich eine qualvolle Nacht. Früh fiel ich auf dem Appellplatz der Hauptwachtmeisterin auf. Ich muss furchtbar ausgesehen haben. Sie schickte mich zurück. Ich sollte abends mit in die Fabrik zur Nachtschicht. [...]

Fehrbelliner Hanf für die nationalsozialistische Autarkiepolitik

Das AEL Fehrbellin war bei der Bastfaser GmbH angesiedelt. Bastfaser ist ein Oberbegriff für verschiedene aus Pflanzenstängeln gewonnene Naturfasern wie Flachs, Hanf oder Jute. Die seit Ende des 19. Jahrhunderts stark zurückgegangene Hanf- und Flachsproduktion wurde - nach einer kurzen Renaissance im Ersten Weltkrieg - erst im Zuge der nationalsozialistischen Autarkiepolitik wieder entdeckt. Mit der sogenannten Kotonisierung gelang es, aus den langen Hanffasern einen kurzfaserigen, hochwertigen Baumwollersatz herzustellen. Heimische Bastfasern sollten zu Zelt- und Lkw-Planen, Fallschirmgurten und anderen strapazierfähigen Grobtextilien verarbeitet werden, die in der Rüstung gebraucht wurden.


Fast täglich war Bettkontrolle. Sie fanden fast immer was. Dann musste die ganze Baracke [alle Häftlinge aus der Baracke], in der angeblich was gefunden worden war, zehn mal um die Baracke rennen. An jeder Ecke stand ein Weib und auch Oberschieber Lene mit einem Stock. Wir wurden unbarmherzig geschlagen und getreten und viele fielen um. Wer konnte auch bei dieser schweren Arbeit und der mangelhaften Ernährung, zu Tode ermattet, noch drei Kilometer rennen? Ich bin selbst dreimal mit gerannt und zweimal umgefallen. Es war grauenvoll.

Mehr Durst als Hunger

Das Herz raste zum Zerspringen, die Lungen keuchen, der Schweiß läuft, die Füße bluten und immer weiter, immer weiter! Und wenn es vorüber war, bekam Oberschieber Lene Extraessen. Uns aber quälte der Durst noch mehr als der Hunger. Ein Fuhrmann warf uns einmal ein paar Äpfel zu. Wir waren so dankbar. Doch der SS-Mann Krüger hatte es vom Lager aus gesehen. Krüger hatte immer Innendienst, stellte die Arbeitskolonnen auf und bestimmte, wer Essen bekam. Krüger nahm uns schon auf der Straße die Äpfel weg und gab sie den SS-Weibern. Wir bekamen zur Strafe den ganzen Tag weder zu Essen noch zu Trinken. Der Bauer kam zurückgefahren und sagte: „Lassen Sie doch den Armen die paar Äpfel!“ Krüger antwortete: „Wenn Du nicht sofort abfährst, werde ich mir die Tafel an Deinem Wagen mal genauer ansehen und Du erfährst, was es bedeutet, politische Häftlinge zu begünstigen!“

Haftgründe

Die zentralen Himmler-Erlasse vom Mai und Dezember 1941 hatten bestimmt: „In die Arbeitserziehungslager dürfen nur Arbeitsverweigerer sowie arbeitsvertragsbrüchige und arbeitsunlustige Elemente eingewiesen werden. Andere Gefangene, insbesondere politische Schutzhäftlinge, sind von der Aufnahme ausgeschlossen.“* Dennoch gab es auch politische Häftlinge in Fehrbellin, etwa die später nach Ravensbrück überstellte deutsche Kommunistin Helene Freudenberg oder die zum Umfeld der jüdisch- kommunistischen Widerstandsgruppe Baum gehörende Charlotte Holzer.

Einige deutsche Frauen wurden offenbar nach Fehrbellin gebracht, da sie untergetauchte Juden nicht verraten wollten. Nina Odolinska nennt in ihren Erinnerungen nationenspezifische Haftgründe: Französinnen und Italieninnen seien meistens wegen der „Liebe“ verurteilt worden, Russinnen und Ukrainerinnen wegen Fluchtversuchen, Polinnen wegen Sabotagen und kleiner, aus Hunger begangener Diebstähle, die deutschen Frauen dagegen eher aus politischen Gründen. Dabei nennt sie vor allem Frauen, die eine Niederlage Deutschlands prophezeit hätten. Eine damals in der Stapoleitstelle Berlin tätige Schreibkraft sagte 1967 aus: „Meiner heutigen Erinnerung nach stellten die Masse der AEL-Einweisungen die ausländischen Fremdarbeiter dar. Hinzu kommen die sogn. Witzeerzähler und Deutsche, die sich in harmloser Form über das damalige Regime geäußert hatten.“

Nach welchen Kriterien die Gestapo Inhaftierte entweder ins AEL oder ins KZ schickte, ist in der Praxis oft unklar. Nach den Angaben der ehemaligen Insassin Charlotte Holzer wurde sie wegen akuten Arbeitskräftemangels bei der Bastfaserfabrik nach Fehrbellin geschickt.

Drei Monate erlebte ich die „Rote Hölle“! Täglich schleppten wir Kranke in die Baracken. SS-Mann Kranzlin [...] sagte mir einmal: „Je mehr Tote, desto besser, es gibt viel zu viel von dem Zeugs!“ Nach drei Monaten, Sonntag früh, sagte mir eine kleine Russin, Maria: „Deine Nummer und andere wurden gestern aufgerufen.“ Ich wusste also: es kommt eine Veränderung. Und sie kam auch. Etwa 40 Häftlinge rief man auf. Uns wurde gesagt: „Ihr werdet Dienstag abgeholt, wahrscheinlich entlassen.“ Wir waren unbändig froh -- und was wurde? Tatsächlich gingen wir am Montag nicht mit zur Arbeit, sondern wurden in eine Baracke gestopft. Wir bekamen unsere Kleider und wurden Dienstagmittag abgeholt von demselben Transportführer, der uns hingebracht hatte.

Viele waren vollkommen krank: Magen- und Nierenkrank. Es war am 17. November 1944. Auch ich hatte nur dünne Sommerkleidung an. Wir alle froren erbärmlich. Anstatt nach Hause ging es wieder nach Berlin, Hamburger Straße 26. 

Aus: Berliner Geschichtswerkstatt (Hrsg.) Das Arbeitserziehungslager Fehrbellin. Zwangsarbeiterinnen im Straflager der Gestapo

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 3.7 (3 Bewertungen)