Leichte Sprache

Akademischer Antisemitismus

Sie sind gebildet und sollten wissen, was sie tun. Professoren, Studenten, Wissenschaftler, Juristen und andere hochgebildete Leute sorgen mit ihren Ideen und ihrer Sprache dafür, dass Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft tragfähig wird - und bleibt.
"Was gesagt werden muss" von Günther Grass

Sie sind gebildet und sollten wissen, was sie tun. Professoren, Studenten, Wissenschaftler, Juristen und andere hochgebildete Leute sorgen mit ihren Ideen und ihrer Sprache dafür, dass Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft tragfähig wird - und bleibt.

Seit einiger Zeit überschreiten führende Intellektuelle in Deutschland lautstark feine Linien. Vor dem Hintergrund des Konflikts im Nahen Osten kommt der „gebildete Antisemitismus“ dabei vor allem als Kritik an Israel daher. Er wird gekoppelt mit der Empörung über eine angeblich fehlende Meinungsfreiheit, ein Argument, das sich auch in den Kommentaren auf unseren Seiten findet.

Als „Akademischer Antisemitismus“ wird ein Antisemitismus bezeichnet, der von Universitäten, Wissenschaftseinrichtungen und ihren Vertretern ausgeht. Er gehört zum „gebildeten Antisemitismus“, der mit Worten argumentiert und angreift - in Abgrenzung zum gewalttätigen Antisemitismus (Schändung von Friedhöfen, tätliche Angriffe auf Personen oder Institutionen usw.) Beide Formen beeinflussen einander.

Die Sprache dieser Form des Antisemitismus folgt bestimmten Regeln und tritt keinesfalls zufällig auf. Die Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel und der Historiker Jehuda Reinharz konnten dies nachweisen. Sie werteten 14.000 Briefe, Postkarten und E-Mails aus, die zwischen 2002 bis Anfang 2012 aus der deutschen Bevölkerung an den Zentralrat der Juden in Deutschland und an die israelische Botschaft in Berlin geschrieben wurden.

Über die Hälfte der antisemitischen Briefe, Postkarten, E-Mails und Blogeinträge im Internet stammten von Professoren, Ärzten und Lehrern. Ihre Vorbehalte gegen Juden reichen von offenem Hass bis zu unbestimmten mentalen Vorbehalten. So schreibt etwa ein promovierter Mann vom „stinkenden Judenstaat Israel", während es an anderer Stelle heißt „ich habe noch nie mit Juden zu tun gehabt, aber aus irgendeinem Grund mag ich euch nicht.“* 

Es geht um die Wortwahl, es geht um die Art und Weise der Argumentation, es geht um eine ganz dünne Linie zwischen berechtigter und notwendiger Kritik an der Politik eines Landes mit Eigenschaften, die den in diesem Land lebenden Menschen zugeschrieben werden. Diese dünne Linie zu übertreten, ist ein Schritt Richtung Antisemitismus.“*

Der Schriftsteller Günter Grass und der Journalist und Verleger Jakob Augstein haben in Deutschland diesen Überschreitungen die wohl prominentesten Gesichter gegeben. Sie lösten mit ihren Beiträgen zur Palästina-Politik Isaraels eine Sturm der Entrüstung, aber eben auch tausendfache Zustimmung aus allen Teilen der Gesellschaft aus.

Die Mitwirkung von Intellektuellen und Wissenschaftlern an der Entwicklung und Herausbildung antisemitischer Einstellungen in der Gesellschaft hat in Deutschland Tradition. Im späten 18. Jahrhundert, der Zeit der Aufklärung, entstand eine jüdische Emanzipationsbewegung, die für die Juden gleiche Bürgerrechte forderte. Dagegen formierte sich eine Bewegung, die sich 1879 den Namen „Antisemitismus“ gab.

Mit diesem Begriff grenzten sich die modernen „Antisemiten“ gegen die christlich geprägte Judenfeindschaft ab und täuschten Wissenschaftlichkeit vor. Juden wurden nicht mehr als Religions-, sondern als Abstammungsgemeinschaft gesehen, was sich im biologischen Fachbegriff „Rasse“ widerspiegelte. 

Aus allen Fachgebieten meldeten sich „Experten“. Der Komponist Richard Wagner etwa, der 1850 den Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ verfasste, um den „jüdischen Einfluss“ in der Musik zurückzudrängen. Der Historiker Heinrich von Treitschke befand in einem Aufsatz von 1878, „Die Juden sind unser Unglück!“. Die Physik-Nobelpreisträger Philipp Lenard und Johannes Stark wollten eine „Deutsche Physik“ in Abgrenzung zur „jüdischen“ von Albert Einstein etablieren. Es gab indessen auch Wissenschaftler, die sich gegen den erstarkenden Antisemitismus einsetzten: So gründeten 1890 der Historiker und Literatur-Nobelpreisträger Theodor Mommsen und der Philosophieprofessor Heinrich Rickert den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“.

Ab 1933, mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, wurde Antisemitismus in Deutschland zur Staatsdoktrin. Er wurde an den Universitäten unterstützt, mit Theorien und Forschung weiterentwickelt und umgesetzt, als „jüdisch“ definierte Wissenschaftler und Studierende von den Hochschulen ausgeschlossen.

Hier - bei uns? 

Am 10. Mai 1933 verbrannten Schüler und Studenten in 70 deutschen Städten Bücher von jüdischen Autoren und Gegnern der Nationalsozialisten. So auch in Luckenwalde und in Brandenburg an der Havel.*

Das ist alles heute nicht mehr möglich? Eine weltweite Kampagne, die auch an Hochschulen zunehmend Fuß fasst, gibt es zumindest schon. 2005 starteten palästinensische Organisationen ie politische Initiative „Boycott, Divestment, Sanctions“ („Boykott, Abzug von Kapital, Sanktionen“).

Sie ruft weltweit dazu auf, Israel zu boykottieren, vom Produktboykott bis  zur Aufforderung, an Hochschulen und Universitäten keine israelischen Referenten für Vorträge einzuladen. Ein jährlicher „Höhepunkt“ der Kampagne ist die „Israeli Apartheid Week“, die 2014 in 154 Städten, meist an Universitäten, stattfindet.

Na und, denken nicht Wenige. Wozu die Aufregung, die reden doch nur und „Was gesagt werden muss“, so der Titel des antisemitischen Prosagedichts von Günter Grass aus dem Jahre 2012, das muss gesagt werden.

Doch so harmlos ist es nicht. Worte setzen sich in unserem Bewusstsein fest, sie beeinflussen unser Denken und eines Tages vielleicht auch unser Tun. Der Journalist Matthias Küntzel hat dies plastisch formuliert: „Worte sind wesentlich; Sprache kann töten: Auschwitz begann nicht mit dem Bau von Krematorien, sondern mit dem Gebrauch bestimmter Worte. Die Tatsache, dass judenfeindliche Denkmuster aus der Nazizeit auch heute noch Verbreitung finden, ist ein Alarmzeichen.“ *  

Landeszentrale, September 2014. Unter Mitarbeit von Karen Bähr. Die Historikerin ist in der Gedenkstätte Bergen-Belsen als wissenschaftliche Volontärin tätig.

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