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Expertengespräch

Dr. Juliane Wetzel im Gespräch mit Mareike Böke
In Deutschland ist Antisemitismus ein Tabu-Thema in der Politik. Fast jeder fünfte Deutsche denkt dennoch antisemitisch. Dr. Juliane Wetzel im Interview über Antisemitismus in der Gesellschaft, Kritik an Israel und warum politische Bildung nicht das Allheilmittel sein kann.
Dr. Juliane Wetzel, Foto: privat

Dr. Juliane Wetzel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin und Koordinatorin des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus. Im Auftrag des Deutschen Bundestages verfasste die Kommission eine Studie zum Thema Antisemitismus in Deutschland, die 2011 erschien.

Böke: Ihre und andere Studien zeigen, dass fast jeder fünfte Deutsche latent antisemitisch ist. Das bedeutet, zwischen 15 und 20 Prozent der Gesellschaft vertreten nicht unmittelbar sichtbare, aber dennoch unterschwellig vorhandene, antisemitische Einstellungen. Wie ermitteln Sie die Ergebnisse?

Wetzel: Diese Zahlen werden seit 30 Jahren in ähnlicher Höhe erhoben. Der Trend ist eigentlich noch höher. Zu den 20 Prozent zählen nur Personen, die bei Umfragen mindestens vier Aussagen zustimmen, die antisemitische Ressentiments enthalten. Dann werden sie in die „Kategorie antisemitisch“ eingeordnet. Zu Aussagen wie: „Israel macht heute das gleiche mit den Palästinensern, was die Deutschen mit den Juden gemacht haben“ liegt die Zustimmung zum Beispiel bei 40 bis 50 Prozent, also deutlich über dem Durchschnitt.

Böke: Wie äußern sich diese Einstellungen im Alltag?

Wetzel: Antisemitismus ist in Deutschland ein Tabuthema im öffentlichen politischen Diskurs. Aber unterhalb dieser Ebene, an den Stammtischen und im Alltag, ist er dennoch vorhanden. Antisemitismus drückt sich in dummen Sprüchen oder manchmal auch durch Zeichen aus. Man fasst sich an die Nase und spielt damit auf das antisemitische Klischee der angeblich großen, gebogenen Nase von Juden an. Hier zeigt sich die Tradierung des rassistischen Stereotyps. Oder nehmen Sie die jüngste Beschneidungsdebatte. Was sich dazu in den Online-Kommentaren der großen Tageszeitungen zeigte, ist erschreckend. Teilweise waren es bis zu 1.000 Kommentare, wobei der Bezug zum Thema oft völlig fehlte. Beispielsweise, wenn ein Nutzer schreibt, warum Juden nicht endlich aufhören könnten, den Deutschen den Holocaust vorzuhalten. In solchen Fällen zeigt sich, dass Vorurteile vorhanden sind, die bei bestimmten Ereignissen nahezu herausbrechen.

Böke: Sind das nicht nur Einzelbeispiele?

Wetzel: Das sind sie eben nicht. Jugendliche, die sich in rechtsextremen Kreisen bewegen, sind sicherlich anfälliger für antisemitische Einstellungen. Aber Antisemitismus ist auch ein Problem der gebildeten Mehrheitsgesellschaft. Gerade in der Öffentlichkeit zeigt sich Antisemitismus in der Form von Kritik an Israel, die aus dem gut-bürgerlichen Milieu kommt. Der Nahost-Konflikt wird hier häufig als Plattform genutzt, diesen eigentlich tabuisierten Antisemitismus öffentlich zu äußern, zuletzt zum Beispiel Günter Grass mit seinem Gedicht.

Böke: Jede Kritik an der Politik des Staates Israel wäre demzufolge antisemitisch?

Wetzel: Selbstverständlich ist Kritik an Israel möglich, ohne antisemitisch zu sein. Das Vorgehen der israelischen Armee im Gaza-Streifen, oder wo auch immer, kann man kritisieren. Genau so Benjamin Netanjahu und seine Minister, man darf sie auch heftig kritisieren. Selbst bösartige Begriffe können für sie benutzt werden, wenn man diese wie für jeden anderen Politiker auch benutzen würde.

Böke: Wann werden Aussagen antisemitisch?

Wetzel: Dann, wenn Stereotype ins Spiel gebracht werden. Bei verallgemeinernden Aussagen wie: „Das ist ja typisch, die Israelis verhalten sich so, wie sich Juden immer verhalten“ sollte man vorsichtig sein. An diesem Punkt werden Grenzen überschritten und dann hat es auch nichts mehr mit legitimer Kritik zu tun. Die hängt nicht zuletzt immer sehr stark davon ab, wer, wann, was und zu welchem Zweck sagt.

Böke: In den Medien tauchen immer wieder Berichte auf, wonach Antisemitismus in den neuen Bundesländer besonders stark sei. Gibt es mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung nun tatsächlich eine „Antisemitismus-Grenze“?

Wetzel: Was den Antisemitismus in Umfragen betrifft, haben sich die Zahlen zwischen alten und neuen Bundesländern angenähert. Im Osten tritt er vielleicht noch etwas mehr auf. Aber man muss deutlich zwischen einzelnen Regionen unterscheiden. Die höheren Angaben im Osten hängen auch mit dem höheren Rechtsextremismus in der ehemaligen DDR zusammen.

Böke: Sehen Sie eine neue Qualität des Antisemitismus in den jüngsten Gewaltüberfällen durch muslimische Jugendliche auf einen Rabbiner in Berlin?

Wetzel: Wenn Antisemitismus und Stereotype unwidersprochen bleiben, dann kann das bei Einzelnen zu solchen Übergriffen führen. Es wäre aber falsch, das Problem nun auf den Migrationshintergrund zu schieben. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft macht es sich damit zu leicht, gerade auch vor dem Hintergrund, dass die Pöbeleien gegen den Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland unlängst von einem autochthonen
Deutschen kamen.

Böke: Zuletzt haben die antisemitischen Ausfälle im ungarischen Parlament noch einmal die europäische Dimension des Problems deutlich gemacht. Ist Antisemitismus in Deutschland stärker ausgeprägt als in anderen Ländern?

Wetzel: Antisemitische Einstellungen finden sich auf der ganzen Welt. In Europa gibt es Länder, deren Gesellschaften stark antisemitisch sind, wie Ungarn, Polen, Spanien oder Portugal. Dagegen spielt Antisemitismus in den Niederlanden und Großbritannien kaum eine Rolle. Seit den 1950-iger Jahren, in denen es die ersten Umfragen gab, hat der Antisemitismus in Europa aber deutlich abgenommen. Deutschland liegt im Mittelfeld.

Böke: Antisemitische Äußerungen finden sich schon bei Schülern. Das Zauberwort gegen Antisemitismus scheint daher momentan „Prävention“, also Vorsorge, zu sein. Reicht das?

Wetzel: Ich denke, Prävention ist immer gut und wichtig. Es muss aber auch darüber nachgedacht werden, wie man im Fall des Falles reagiert. Die Reaktion der Schulen ist bei antisemitischen Äußerungen immer dieselbe. Auf dem Plan steht dann historisch-politische Bildung: der Besuch einer Gedenkstätte, die Einladung eines Zeitzeugens, das Säubern von Stolpersteinen. All das, was wir unter Holocaust-Education verstehen. Das ist natürlich der falsche Weg.

Böke: Was wäre denn der Richtige?

Wetzel: Ich kann mit historisch-politischer Bildung allein nicht die aktuellen Probleme beseitigen. Wissensvermittlung ist sehr wichtig: Was ist überhaupt Antisemitismus und wie begegnet er uns heute? Wir haben dafür Unterrichtsmaterial entwickelt. Aber es muss auch an die Ausbildung der Ausbilder („train the trainer“) gedacht werden. Die wenigsten Lehrer und Ausbilder sind im Umgang mit antisemitischen Einstellungen geschult. Wir haben oft erlebt, dass die Lehrerzimmer das größere Problem sind als die Schüler. Es besteht wenig Sensibilität für das Thema und kann somit nicht an die Schüler weitergegeben werden. In der Lehrerausbildung spielt Antisemitismus gar keine Rolle.

Böke: Tut sich da jetzt etwas?

Wetzel: In Berlin geschieht in der außerschulischen Bildung recht viel, in anderen Städten ist es weniger. Wir führen mit der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft und dem Fritz-Bauer Institut eine Reihe von Tagungen und Workshops zur Antisemitismus-Prävention durch. Wir erhoffen uns, dadurch ein Schneeballsystem in Gang zu bringen und dass vielleicht auch Lehrer an den Tagungen teilnehmen.

Böke: Was war Ihr persönlich schlimmstes Erlebnis mit Antisemitismus im Alltag?

Wetzel: Was mich immer wieder bestürzt, sind Fragen nach der Finanzierung unseres Instituts. Wir sind ein Universitätsinstitut, öffentlicher Dienst. Das bezahlen die Berliner Steuerzahler und der Senat. Die Frage impliziert aber eigentlich, ob wir von Juden finanziert werden. Oder: Eine Bekannte reagiert auf die Information, dass wir ohne Stechuhr arbeiten, mit der Aussage: „Das ist ja wieder typisch, die Juden brauchen das nicht.“ Da ist man nur noch fassungslos. Ich frage mich, wie man auf solche Ideen kommt. Aus bloßer Dummheit wahrscheinlich, aber auch aus tief verwurzelten Antisemitismen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Was mich auch trifft, ist, wie der jüdische Kindergarten in Berlin bewacht werden muss. Ein Kind von drei Jahren muss in einem Hochsicherheitstrakt sitzen, das ist unglaublich.

Böke: Und welches war Ihr eindrucksvollstes Gegenbeispiel?

Wetzel: Schöne Erlebnisse hatte ich vor allem mit Mädchen mit Migrationshintergrund. Sie sagten nach einem Seminar: „Endlich weiß ich mal, was Antisemitismus ist.“ Dieses Gefühl, etwas erreicht zu haben, weil etwas aufgebrochen wurde, was über Generationen tradiert wurde, das freut mich. Der Punkt zeigt auch, dass die Wissensvermittlung ein ganz, ganz wichtiger Faktor im Kampf gegen Antisemitismus ist.

Böke: Vielen Dank für das Gespräch.


Dezember 2012 

Mareike Böke war im August/September 2012 Praktikantin in der Landeszentrale und studiert in Potsdam Zeitgeschichte (M.A.). Sie ist in der Gedenkstättenarbeit aktiv.

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Kommentare

Differenziert

Die Positionen und Schilderungen von Frau Dr. Wetzel sind  vor  allem wegen ihrer Differenziertheit sehr interessant und informativ. Wenn der Weg NICHT politisch historische Bildung ist, welcher Weg muss dann beschritten werden, um Antisemitismus zu begegnen? Das würde mich noch genauer interessieren.

Eigene Bewertung: Keine