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Von der Kohle zu Wind und Sonne

Lange Leitungen
In einer Welt, in der Energie Wachstumsmotor ist, scheinen die Aussichten für das schrumpfende Brandenburg rosig. Das dünnbesiedelte Land bietet viel Platz für Windräder, Solaranlagen und Biomasseproduktion. Die Tage des Energieträgers Braunkohle scheinen gezählt.

Solarenergie

Brandenburg ist ein Energieland. Mehr als 50 Prozent des in Brandenburg produzierten Stroms und mehr als 60 Prozent der in Brandenburg produzierten Raffinerieprodukte werden laut Ministerium für Wirtschaft und Energie exportiert. Damit stellt Brandenburg weit mehr Energie zur Verfügung als es selbst benötigt und nennt sich zu Recht »Energieland«.

In einer Welt, in der Energie Wachstumsmotor ist, scheinen die Aussichten für das schrumpfende Brandenburg rosig. Während man selbst durch Energieeffizienz und Bevölkerungsrückgang immer weniger Energie benötigt, sind es vor allem die Wachstumsraten erneuerbarer Energien, die hoffen lassen. Dabei sind nicht nur die unterschiedlichen Betriebe mit ihren Kompetenzen im Bereich der erneuerbaren Energien das Potenzial Brandenburgs, sondern auch die Weite des Landes und der anscheinend unerschöpfliche Raum. Das dünnbesiedelte Brandenburg bietet viel Platz für Windräder, Solaranlagen und Biomasseproduktion.

Spitzenplätze für Wind- und Sonnenenergie

Mittlerweile belegt Brandenburg bundesweit den zweiten Platz hinsichtlich der installierten Leistung bei Windenergieanlagen. In Jahren mit viel Wind kann das Binnenland ohne Küstenabschnitte mit seinen über 3.000 Windenergieanlagen bereits jetzt 45 Prozent seines Stromverbrauchs so decken. Bei der Stromerzeugung durch Photovoltaikanlagen behauptet Brandenburg sogar den ersten Platz im bundesdeutschen Vergleich. Gerechnet auf die Einwohnerzahl liegt Brandenburg mit 1.139 kW installierter Leistung je 1.000 Einwohner weit vor Bayern mit 846 kW je 1.000 Einwohnern.

Auch der Anteil der Bioenergie am Endenergieverbrauch ist mit 20 Prozent ein Spitzenwert. Nur Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern liegen knapp darüber. Dreimal in Folge 2008, 2010 und 2012 belegte Brandenburg mit diesen Werten den ersten Platz des Bundesländerpreises für Erneuerbare Energien. Entscheidend für die Wertschöpfung ist dabei, dass sich starke Kompetenzen im Bereich Energie vor Ort gebildet haben. Unternehmen sind entstanden oder haben sich angesiedelt, die nicht nur für Brandenburg entwickeln und produzieren, sondern ihre Leistungen weit über die Landesgrenzen hinaus anbieten.

So hat Vestas als international agierender Konzern in Lauchhammer eine Tochtergesellschaft angesiedelt, die Rotorblätter für Windenergieanlagen herstellt. Aber auch die uesa GmbH in Uebigau-Wahrenbrück oder der in Prenzlau ansässige Hersteller von Photovoltaikkomponenten aleo solar GmbH sind nur zwei Beispiele für Brandenburger Unternehmen, die auf dem weltweiten Markt vertreten sind. Mit der Brandenburgischen Technischen Universität und ihren Instituten, Lehrstühlen und Partnereinrichtungen finden sich zahlreiche Einrichtungen, die in unterschiedlichen Bereichen zum Thema Energie forschen und damit ein regionales Bindeglied zwischen Forschung und Praxis bilden. Als Beispiel sei hier das Projekt SMART Capital Region genannt, das die Nutzung regenerativer Überschüsse aus Brandenburg in der Hauptstadtregion erforscht. Intelligente Netze sollen die verschiedenen Stromerzeuger, -speicher und -verbraucher miteinander verknüpfen und so eine optimale Nutzung der regenerativen Energie ermöglichen.

Zerstörung und Nutzen

Denkt man an Brandenburg und Energie kommen einem trotz dieser Spitzenwerte aber ganz andere Bilder in den Kopf. Liest man über die deutsche Energiepolitik und die Diskussion zur Kohle, ist ein Bild des Kraftwerks Jänschwalde meist nicht weit. Als Sinnbild für den mit der Kohleverstromung verbundenen CO2-Ausstoß bietet es, in mitten der wunderschönen Peitzer Teichlandschaft gelegen, einen imposanten Eindruck. Es verdeutlicht nicht nur die Spanne der Brandenburger Energiewirtschaft von riesigen Tagebauen und den dazugehörigen Kohlekraftwerken auf der einen Seite und der intensiven Nutzung der erneuerbaren Energien auf der anderen Seite, sondern auch Zerstörung und Nutzen.

Während im Süden der im 16. Jahrhundert entstandenen Peitzer Teichlandschaft die Lakomaer Teiche dem Tagebau zum Opfer fielen, wird im Norden die Abwärme des Kraftwerks genutzt, um das Wasser einiger Teiche zu erwärmen und so die Fischzucht zu optimieren.

Buchcover

Die Geschichte Brandenburgs als Energieland beginnt schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals begann der Abbau der Braunkohle im Süden des heutigen Brandenburgs, im Lausitzer Revier. Mit dem Abbau sollte das Gesicht der Lausitz nachhaltig verändert werden. Ein Prozess, der bis heute anhält. Durch die Förderung des Energieträgers Kohle fand ein erheblicher Aufschwung in der Region statt, der Grundlage für die Entwicklung der Tuchindustrie, der Glashütten und Ziegeleien war.

Das neue Zeitalter hat nicht nur die regionale Lebensweise geprägt, sondern die landwirtschaftlich geprägte Region überformt. Die Städte profitierten durch das Wachstum, Cottbus oder Forst (Lausitz) wurden zu überregional wichtigen Industriestädten. Aber auch das Wachstum der größten Stadt in Brandenburg – Berlin – war nur mit dem Motor der Industrialisierung in ländlicher Umgebung und der Entwicklung zum Energieland möglich.

Die Landschaft wurde einem Transformationsprozess unvorstellbaren Ausmaßes unterzogen. Riesige Flächen wurden umgegraben, ein Eingriff in Natur und Landschaft, den man mit Zahlen und Beschreibungen nur schwer vermitteln kann. Selbst direkt vor dem Tagebau stehend, ist das Ausmaß in der flachen Lausitz nur schwer nachvollziehbar. Abhilfe schaffen die zahlreichen Aussichtstürme. Über 80 Orte sind schon Opfer der gigantischen Maschinen geworden. Quadratkilometer über Quadratkilometer Landschaft wurden neu geformt. Ein sorbisches Sprichwort beschreibt den Fluch und Segen, welchen die Kohle mit sich bringt:

Gott hat die Lausitz geschaffen, aber der Teufel die Kohle darunter."

Teilweise sind es dann die skurrilen Kleinigkeiten, welche die Allgegenwärtigkeit des Themas Braunkohle verdeutlichen. So ist es durchaus möglich, dass man orangen Hunden begegnet, die ihre Färbung vom Bad in »verockerten« Gewässern bekommen haben.

Neue Herausforderungen für die Lausitzer

Während der Tagebau und die damit verbundenen »Verockerung« der Spree für den touristisch genutzten Spreewald eine Gefahr für Image und Natur darstellt, bietet er dem Süden Brandenburgs neue Chancen. So hat der mit der Kohlegewinnung verbundene landschaftliche Transformationsprozess hier neue wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnet.

Die Tagebaurestlöcher boten die Gelegenheit für die Entwicklung des Lausitzer Seenlandes, das einmal Europas größte künstliche Wasserlandschaft sein wird. Mit den Touristen, die hier Urlaub machen werden, stellen sich dann auch den Lausitzerinnen und Lausitzern neue Herausforderungen. Als eher verschlossen und etwas mürrisch geltend, wird wohl der Landschaftswandel auch irgendwann einen Gemütswandel mit sich bringen müssen, will man als touristische Destination zwischen Spreewald und Dresden bestehen.

Auch Brandenburgs Orte spiegeln die unterschiedliche Entwicklung der verschiedenen Landstriche wieder. Zwischen Feldheim, dem bundesweit und darüber hinaus bekannten energetischen Vorzeigedorf, und Neu-Haidemühl, dessen Geschichte und Entwicklung auch stark durch das Thema Energie geprägt wurde, liegen etwa 140 km.

Energie-Orte

Das Dorf Feldheim, Teil der Stadt Treuenbrietzen, südwestlich von Berlin im Landkreis Potsdam-Mittelmark gelegen, wurde 2010 zur ersten energieautarken Gemeinde Deutschlands gekürt. Damit ist es auch weit über die Grenzen Deutschlands bekannt geworden und wird von Fachleuten aus aller Welt besucht. Mehrere tausend Anfragen erhält der Ort jährlich zum Thema autarke Energiegewinnung. Die 128 Einwohner des Dorfes haben gemeinsam in eine energetische Zukunft investiert. Hier wurden Bürgerwindräder als gemeinsame Investition aufgestellt, aber auch ein eigenes Netz für die Verteilung der selbst produzierten Wärme geschaffen. Das vorhandene Stromnetz konnte nicht vom Betreiber erworben werden. So entschloss man sich, ein eigenes Stromnetz zu bauen.

Für das Dorf Haidemühl, im Landkreis Spree-Neiße, bedeutete Energiegewinnung den Anfang und das Ende. Entstanden durch die Braunkohle und die daraus resultierende Glashütte, musste es 2006 dem Tagebau Welzow-Süd weichen. Heute wohnt ein großer Teil der ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner im Ortsteil Neu-Haidemühl, der sich etwa 20 Kilometer östlich des ursprünglichen Standortes befindet. Ein Ort, der erkennen lässt, dass sich seine Entwicklung von heute auf morgen vollzogen hat. Unterschiedlichste architektonische Vorstellungen zum Ersatz der ursprünglichen Gebäude in Haidemühl bilden ein Dorf, das seinen Charakter erst noch finden muss. Mit Strom und Wärme wird Neu-Haidemühl heute durch ein Biomassekraftwerk versorgt. Ein Neuanfang und der Weg in die Zukunft lassen sich wohl besser ohne den traditionsreichen Energieträger Kohle gestalten.

Die Tage der Kohle sind gezählt

Betrachtet man die aktuelle Diskussion zur Entwicklung der Energie, scheinen die Tage des Energieträgers Braunkohle gezählt. Die gescheiterten Versuche, die CO2-Abscheidung und -speicherung in Brandenburg zu etablieren oder immer wieder neu diskutierte Abgaben für Kohlekraftwerke sind Vorboten, die ein Ende der Braunkohleindustrie auch in Brandenburg erahnen lassen.

Eine Entwicklung, die vielen Menschen in der Lausitz Angst macht. Ängste, die Lobbyverbände der Kohle immer wieder gerne für ihre Interessen nutzen. Angesichts der tiefgreifenden Transformationsprozesse in Brandenburg, die sich mit der Entwicklung zumEnergieland vollzogen haben und aus den Erfahrungen des Umgangs mit dem Strukturwandel der letzten 25 Jahre, sollten die Brandenburgerinnen und Brandenburger keine Angst haben. Bereits heute ist Brandenburg als Energieland der Zukunft in Deutschland weit vorne und auch ohne Kohle wird es das weiter bleiben.

 

Sebastian Hettchen
Aus: Das Brandenbuch. Ein Land in Stichworten. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Potsdam 2015

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