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Eingemauert - 13. August 1961

Der Mauerbau am 13. August 1961 steht wie kein anderes Symbol für die menschliche Dimension der deutschen Teilung. Immer weniger junge Leute aber wissen das. Der Kampf um die Erinnerung daran scheint gerade deshalb so heftig.

Diese Computeranimation zeigt erstmalig die ausgedehnten Sicherungssysteme der innerdeutschen Grenze und der Berliner Mauer. Dafür wurde die Mauer bis ins Detail virtuell nachgebaut.

Baut die Mauer wieder auf 

Für die Touristen, die nach Berlin kommen, für alle, die nicht wissen, was es bedeutet, in einer Stadt mit Grenzkontrollen, Wachtürmen und Abfertigungsgebäuden zu leben! Markus Horeld, Redakteur von "Zeit Online" ärgerte sich 2012 richtig. Es gefiel ihm gar nicht, dass die Stadt die Erinnerungskultur an die Berliner Mauer privaten Händen überließ und damit aus seiner Sicht einer Rummelplatzkultur Tür und Tor öffnete*.

Was dahinter steckt, ist ein handfester Wettkampf um das "richtige Erinnern" zwischen privaten und öffentlichen Anbietern, der sich seit einigen Jahren rund um das Thema Mauerbau und innerdeutsche Grenze entwickelt hat. Auch Sybille Frank, Wissenschaftlerin an der Universität Darmstadt, kritisiert die zögerliche Haltung von Politik und Wissenschaft gegenüber einer erlebnisorientierten Geschichtsvermittlung. Ein Schritt in diese Richtung werde in Berlin bereits getan: die Gedenkstätte Berliner Mauer wird inzwischen zu einer "Erlebnislandschaft" umgebaut*.

Multimedia

Screenshot "Geheimsache Mauer"

Geheimsache Mauer setzt auf Emotionen: eine multimediale Plattform für den Einstieg in das Thema.

Es geht im Kern also darum, die Menschen zu erreichen. Mit den nüchternen Fakten des Mauerbaus allein scheint dies nicht zu gelingen, obwohl sie sich wie ein Krimi lesen. In der Nacht zum 13. August 1961 riegelten DDR-Soldaten die Grenze zu Westberlin mit Stacheldraht ab. Später wurde eine Mauer von insgesamt 161 km Länge daraus. Gerüchte im Vorfeld wurden im Juni 1961 von SED-Chef Walter Ulbricht mit dem berüchtigten Satz "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten" abgewiesen.

Die Bilanz am Ende der DDR: 136 Todesopfer vom Mauerbau bis zum Mauerfall am 9. November 1989. Die Menschen starben auf der Flucht nach Westberlin. Sie ertranken oder wurden von DDR-Grenzern erschossen - wie Chris Gueffroy. Er war 20 Jahre alt und starb neun Monate vor dem Fall der Mauer an seinen Schussverletzungen. Sein Tod führte nach der Wende - wie die Friedliche Revolution von 1989/90 auch oft bezeichnet wird - zum ersten Mauerschützenprozess, in dem sich DDR-Grenzsoldaten für die Schüsse an der Mauer verantworten mussten.

Es wäre [aber] logischer gewesen, die eigentlich Verantwortlichen hier vor Gericht zu bemühen, und unter anderem dann auch sämtliche Abgeordneten der Volkskammer, die für diese Gesetze, die nach dem Dafürhalten der Staatsanwaltschaft ja rechtswidrig sein sollen, die diese Gesetze ja geschaffen haben." Hubert Dreyling, Rechtsanwalt beim ersten Mauerschützenprozess im September 1991.

Unter Historikern wurde lange darüber gestritten, wer für den Bau der Mauer verantwortlich war: Walter Ulricht oder der sowjetische Partei- und Staatschef Nikita Chruschtschow.

Junge Menschen finden eine Debatte darüber oft überflüssig. Wofür soll sie gut sein?

Von der Antwort der Wissenschaftler hing eine Menge ab, zum Beispiel wer für das, was in der DDR geschah, verantwortlich war. War sie nur ein Satellitenstaat der Sowjetunion oder konnten die SED-Führung und die anderen Parteien im ostdeutschen Parlament, der Volkskammer, eigenständig handeln? Genau das ist auch in der Bemerkung von Hubert Dreyling oben mitzulesen.

Die öffentlichen Diskussionen um die deutsche Teilung konzentrieren sich zumeist auf die Berliner Mauer.

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Die Berliner Mauer : Der Band dokumentiert in zahlreichen Bildern die historischen Ereignisse vom Bau bis zum Fall der Mauer.

Dabei markiert sie nur einen Teil der Grenze, die beide deutsche Staaten jahrzehntelang teilte. Sie war 1378 km lang - das entspricht ungefähr der Entfernung zwischen Berlin und Monaco.

Schon 1946 ordneten die sowjetischen Besatzungsbehörden den Aufbau eine Grenzpolizei an. Im Mai 1952 ließ die SED-Führung eine fünf Kilometer breite Sperrzone an der Grenze zur Bundesrepuiblik anlegen. Nach 1961 wurde die innerdeutsche Grenze dann immer systematischer ausgebaut. Tretminen, elektrisch geladene Zäune und seit 1966 auch Selbstschußanlagen sollten Fluchtwillige abschrecken. Mindestens 872 Menschen starben, weil sie sich dennoch nicht davon abhalten ließen - darunter Flüchtlinge, die in der Ostsee ertranken, Opfer von Unfällen während der Flucht und diejenigen, die Selbstmord begingen nach entdeckten und verhinderten Fluchten.

Der Mauerbau war für die SED zunächst ein Erfolg: Sie konnte den Flüchtlingsstrom stoppen und ihre Herrschaft stabilisieren. Die Entfernung zur Bevölkerung konnte sie jedoch auf Dauer nicht überwinden. Die Bilder von Tausenden von Fluchtwilligen gegen Ende der DDR zeigen dies besonders deutlich. Die nie ganz zum Stillstand gekommene Fluchtbewegung ist daher auch als Zeichen des Protests der Bevölkerung gegen die SED-Diktatur zu werten. Sie ist zugleich ein Hinweis darauf, dass die deutsche Teilung auch in den Hochzeiten des Kalten Krieges nie vollständig war. So halfen Westdeutsche und Westberliner, aber auch westliche Diplomaten und Unternehmer sowohl vor als auch nach dem Mauerbau vielen Ostdeutschen dabei, die DDR zu verlassen.

Wissen kompakt

Chronik der Mauer

Die wohl umfassendste Seite zum Thema: die Chronik der Mauer in Text, Bild, Film, Ton.

Wenn man jung ist, stellt man sich manchmal vor, wie es wäre, wenn man alt ist - ungefähr 30 oder so. Unvorstellbar ist das in der Regel, aber spannend alle Mal, weil es einen selbst betrifft. Mit dem Blick zurück ist es hingegen so eine Sache. Wenn man älter ist und alt wird, verschwimmt dann Vieles in der Erinnerung.

In der Regel stellt sich aber für Jeden, ob jung oder alt, die gleiche Frage. Was hat das Vergangene mit dem Hier und Jetzt zu tun?

Um darauf Antworten zu finden, hilft es, zu wissen, was damals geschah und welche Folgen bis heute spürbar sind. Eben dieses Wissen aber fehlt heute vor allem bei denen, die nicht dabei waren, bei den Jüngeren. Unter den 14- bis 29-Jährigen weiß gerade einmal jeder dritte, dass am 13. August 1961 die Mauer in Berlin errichtet wurde. Knapp jeder fünfte Deutsche kann mit dem Datum überhaupt kein historisches Ereignis verbinden, so das Ergebnis einer repräsentative Umfrage von Infratest Dimap (2014).

Die Umfrageergebnisse bestätigen einen Trend: Jugendliche wissen häufig wenig über die deutsche Teilung und die Geschichte der kommunistischen Diktatur in der DDR“, sagte Anna Kaminsky, die Geschäftsführerin der Bundesstiftung Aufarbeitung, die die Studie in Auftrag gegeben hat.

Die Umfrage zeigt auch, dass das Wissen um den 13. August 1961 im Osten Deutschlands mit 69 Prozent deutlich weiter verbreitet ist, als im Westen Deutschlands mit 45 Prozent.

In der Gesamtbilanz aber gibt es große Wissenslücken, in die "Rummelplatzgeschichte" ebenso wie seriöse erlebnisorientierte Geschichtsvermittlung stoßen. Erinnerung lässt sich jedoch nicht verordnen. Jede Generation kann der nachfolgenden nur Angebote machen.

Flüchtlinge und Grenzgänger in Brandenburg: Im westlichen Brandenburg, dessen Gebiete in der DDR zu einem Großteil den so genannten Bezirk Potsdam bildeten, verzeichnete die Staatssicherheit vor dem Mauerbau besonders hohe Fluchtzahlen. Von Januar bis August 1961 flüchteten demzufolge insgesamt 166.865 Menschen - davon allein 20.979 aus dem Bezirk Potsdam. Vor allem Lehrer verließen die DDR in einem solchen Ausmaß, dass der Unterricht in der Region teilweise nicht mehr stattfinden konnte. Durch die Nähe zu Westberlin war auch die Zahl der Grenzgänger - die im Osten lebten, aber im Westen arbeiteten - im Bezirk Potsdam besonders hoch. Vor dem Mauerbau waren es rund 20.000. Dies führte zu Sozialneid und großer Unruhe in der Bevölkerung. Viele wollten dem einen Riegel vorschieben.
Quelle: Hannelore Strehlow, Der gefährliche Weg in die Freiheit.


Landeszentrale, Mai 2013 (aktualisiert im August 2014) 

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