Leichte Sprache

Eigene Rasse

“Als Rassist interessiert mich nur meine eigene Rasse.”

‘Ist die NPD eine ausländerfeindliche Partei?’ [...]
Wir sind in allererster Linie eine inländerfreundliche Partei. Deutschland hat das Land der Deutschen zu bleiben, weshalb wir vor allem einwanderungsfeindlich sind. Gegen Nichtdeutsche in ihren Heimatländern hat hingegen keiner von uns etwas.“ [1]

Konfrontiert man Rassisten mit dem Vorwurf des Rassismus, dann spielen in der Erwiderung meist zwei Argumente eine gewichtige Rolle: Man könne schon deshalb kein Rassist sein, weil man an die Gleichwertigkeit aller Völker und Rassen glaube (vgl. nächstes Argument). Außerdem sei es der eigenen (rassistischen) Position ja nicht so sehr um die “Ausländer” zu tun, sondern vielmehr um die Entwicklung und die Position des eigenen Volkes, der eigenen Rasse oder, so im Jargon des modernen Rechtsextremismus, der “Inländer”.

Beide Argumente sind so alt wie der Rassismus selbst. Dagegen gilt es zunächst festzuhalten:

  • Der Begriff “Rassismus” bezeichnet nicht zuerst Haltungen und Meinungen, die andere Rassen, Völker oder, moderner formuliert, Ethnien herabsetzen, sondern dem Wortsinne nach die Behauptung von und den Glauben an die Existenz menschlicher Rassen selbst.
     
  • In seinem Kern ist nicht nur die Herabsetzung anderer aufgrund ihrer Herkunft, Kultur, Religion etc. rassistisch; nicht also allein die Behauptung der Ungleichwertigkeit, sondern bereits der Glaube an die Ungleichheit von Menschen, der die Wertung unweigerlich in sich trägt.

Wie sehr der zoologische Blick auf den Menschen von Werturteilen ausgeht und von ihnen geprägt ist, illustriert vielleicht eine Passage aus Hans F. K. Günthers „Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes“:

Immer noch ist doch im deutschen Volke ein Inbild (Ideal) des vollkommenen Menschen, des schönen Menschen oder des edlen Menschen wirksam, welches im wesentlichen nordische Züge des Leibes und der Seele trägt.

Immer noch werden doch hochgewachsene, blonde, blauäugige Deutsche als ‚echt deutsch‘ empfunden; immer noch stellen Zeichner gesunden Empfindens in sinnbildlichen Gestalten und Köpfen das Edle und Schöne in der Leiblichkeit der nordischen Rasse dar. [...].

Ein Zug zum Nordischen bestimmt immer noch das Empfinden der besten Deutschen. Haben diese einmal die [...] Wahrheit begriffen, dass eine Verwirklichung des Schönen und Edlen nur durch Verleiblichung dieser Werte in sich erblich-steigernden Geschlechtern möglich ist, so werden sie dem nordischen Gedanken schneller nachkommen.

Ist einmal begriffen worden, dass es für ein Volk nichts höheres gibt, als seine edelsten Werte in seinen Menschen leibhaft darzustellen, so wird ein Gedanke wie der einer Ermöglichung höherer Kinderzahlen für die [...] den besten Deutschen als edelste geltende Rasse kaum noch Widerstand erfahren.“[2]

Auffallend an diesen Zeilen des Mannes, der von seinen Zeitgenossen halb spöttisch, halb ehrfürchtig „Rassenpapst“ genannt wurde, ist zunächst, dass in ihnen ausschließlich von der „nordischen Rasse“ die Rede ist, ähnlich wie es im Eingangszitat der NPD der Fall ist, wo behauptet wird, im Interesse der NPD stünden zuvörderst die „Inländer“, gegen „Ausländer“ in ihren „Heimatländern“ habe man schließlich nichts einzuwenden.

Deutlich wird ferner, wie sehr solches Denken Wunschdenken ist, das sich zum Maßstab gesellschaftlichen Handelns aufschwingt. „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, weiß der Volksmund und bringt damit zum Ausdruck, dass etwa „Schönheit“ und „Edelmut“, von denen hier die Rede ist, ganz individuelle Werturteile darstellen. Angewendet auf eine (gedachte) menschliche Gruppe, auf „Rasse“, „Volk“, „Ethnie“ werden sie zum Vorurteil und als Vorurteil zum Maßstab von Zugehörigkeit.

Die Frage nach jenen, die die Kriterien „hochgewachsene, blonde, blauäugige Deutsche“ weder als Maßstab für „Schönhheit“ noch dafür, was „echt deutsch“ sein soll, gelten lassen wollen, mag in den Ohren des unvoreingenommenen Lesers banal klingen. Sie ist hier freilich dennoch angebracht. Mehr noch ist zu fragen, was mit jenen sein solle, auf die solche Kriterien nicht zutreffen: Kleine Statur, dunkle Haare und andere als blaue Augenfarben stellen schließlich Merkmale dar, die sich gleichermaßen in- und außerhalb West- und Mitteleuropas antreffen lassen.

Es gilt, was bereits Ernst Cassirer mit Blick auf Gobineau formuliert hatte:

Die höheren Rassen können nur wissen, was sie sind und was sie Wert sind, indem sie sich mit den anderen Rassen vergleichen, die wie Sklaven zu ihren Füßen kriechen. Ihr Selbstvertrauen kann nicht vollständig sein, ohne dieses Element der Verachtung und des Ekels; das eine schließt das andere in sich und verlangt es.”[3]

„Schönheit“ und „Edelmut“ – das klingt banal und harmlos; wie etwas, das alle Menschen anstreben und das anzustreben ein seinerseits „edles“ und aller Ehren wertes Ziel darstellt: Wer verschlösse sich der Forderung nach Schönheit und einem edelmütigen Leben, der nicht gänzlich abgestumpft ist? Indem aber die Begriffe ihre Gegenteile in sich einschließen, Hässlichkeit, Verschlagenheit, Brutalität usw. – wer „Schönheit“ sagt, hat unweigerlich eine Vorstellung davon, was „hässlich“, also unangenehm und abzulehnen ist –, werden individuelle Wertschätzungen, die auf Affekten und Gefühlen beruhen, zum Maßstab dessen, was „deutsch“ bzw. „undeutsch“ sein soll.

Als allgemeine und für alle Menschen verpflichtende Richtschnur sind „Schönheit“ und „Edelmut“ der harmlos klingende Bestandteil der Doktrin von „Herrenrasse“: Die „deutsche Rasse“ wird so, in den Worten Günthers, zur „als edelste geltende Rasse“. „Schönheit“ und „Edelmut“ seien “leibhaft darzustellen”, so Günther. Spätestens hier wird deutlich, in welchem Ausmaß der „Rassenpapst“ Günther zur Barbarisierung beitrug, die unmittelbar in Euthansie und Shoa mündete. Das „deutsche Volk“ sei vom Staat rassenhygienisch zu schützen – also vor erbkrankem „Material“ zu bewahren – und „rassisch aufzunorden“.

Das Ziel solcherart „Aufnordung“ könne nur durch „Zucht“ und „Aufzucht einer überdurchschnittlichen Anzahl von Kindern“ erreicht werden, die von „nordisch-gesinnten Deutschen“ zu zeugen seien. Dazu sei bei den Einzelnen Mitgliedern dieses Zuchtverbandes die Fähigkeit vonnöten, „über sich selbst und seine Erbanlagen hinauszudenken“, sich und seinesgleichen als „Übergang und Untergang“ zu begreifen.

Solche Überlegungen führen unmittelbar zu dem Nazi-Slogan „Du bist nichts, Dein Volk ist alles“ bzw. in der Formulierung Günthers: „Wir sind nichts; was wir suchen ist alles“ (Günther: Rassenkunde. S. 148) – und was gesucht wird, liegt klar auf der Hand: die zuchtreine „nordische Rasse“. 

  • Noch immer nicht – oder zumindest nur am Rande – ist hier die Rede vom „Anderen“, und dennoch wird deutlich, wie wenig der einzelne Mensch in solcher Doktrin wert ist. Er ist dem Untergang geweiht, über ihn kann in jeder Beziehung getrost hinweg gegangen werden, denn alles, was zählt, ist das „Volk“ bzw. die zuchtreine „nordische Rasse“.

Wie solcherart Denken um das “Andere” kreist und die Katastrophe in sich einschließt, beschrieb wiederum Ernst Cassirer am Beispiel Gobineaus:

In Erfüllung ihrer historischen Mission zerstören sich die höheren Rassen notwendigerweise und unvermeidlich selbst. Sie können die Welt nicht regieren und organisieren, ohne in enger Berührung mit der Welt zu sein. Aber für sie ist Berührung eine gefährliche Sache, die ständige Quelle der Infektion. Das Ergebnis konnte nur verderblich für die höheren Rassen sein. [...]

Mit dem Schwinden der Reinheit der Rasse gehen auch ihre Stärke und ihre Organisationsfähigkeit dahin. Die höheren Rassen werden Opfer ihres eigenen Werks, die Sklaven ihrer Sklaven. [...] Die menschliche Rasse kann vielleicht ihre armselige und unglückliche Existenz noch einige Jahrhunderte hinschleppen; aber ihr Schicksal ist besiegelt; ihr Tod ist unvermeidlich.

Das ist das letzte Wort von Gobineaus Theorie; und es ist in der Tat die Quintessenz seines ganzen Werks. [...] Das Ergebnis ist nicht nur ein tiefer Pessimismus, sondern auch ein vollständiger Negativismus und Nihilismus. Gobineau hatte alle menschlichen Werte vollständig hinweggefegt. Er hatte sich entschlossen, sie dem neuen Gott zu opfern, dem Moloch der Rasse. Aber dieser Gott war ein sterbender Gott, und sein Tod besiegelte das Schicksal der menschlichen Geschichte und der menschlichen Zivilsation; er verstrickte sie in seinen eigenen Untergang.”[4]

So sehr sich der moderne Rechtsextremismus auch bemühen mag, sein Denken zu tarnen, zu banalisieren und ihm einen humanen Anstrich zu geben, so sehr speist es sich doch aus den immer gleichen Quellen.

Die NPD bspw. bezieht sich bis heute auf den „Rassenpapst“ Günther, so etwa in ihrer Definition des Begriffs „Rasse“ im „politischen Lexikon“ der Parteihomepage, wo Günther mit einer Begriffsbestimmung zitiert wird, die sich beinahe wortgleich in dem hier verwendeten „Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes“ finden lässt.[5]


Benjamin Weissinger und Jan Buschbom
2008




1) NPD-Parteivorstand (Hrsg.): Argumente für Kandidaten und Funktionsträger. Eine Handreichung für die öffentliche Auseinandersetzung. NPD. Die Nationalen. Berlin(2) 2006. S. 6


2) Hans F. K. Günther: Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes. Mit 100 Abbildungen und 13 Karten. München 1933. S. 147. Hervorhebung im Original.


3) Ernst Cassirer: Der Mythus des Staates. Philosophische Grundlagen politischen Verhaltens. Frankfurt / Main 1985. S. 306.


4) Ernst Cassirer: Der Mythus des Staates. Philosophische Grundlagen politischen Verhaltens. Frankfurt / Main 1985. S. 319ff.


5) (http://npd.de/index.php?sek=0&pfad_id=31&seite_id=30&vid=1277.html; eingesehen am 3.09.08). Vgl. Hans F. K. Günther: Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes. Mit 100 Abbildungen und 13 Karten. München 1933. S. 10f.

 

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