Leichte Sprache

Persönlichkeit und Rasse

"Rasse ist persönlichkeitsbildend"

Erziehung ist die mögliche Formung des Menschen durch die Gemeinschaft. [...] Erziehung sollte bedeuten, dass zwischen Geburt und endgültigem Schulabschluss die Kultur eines Volkes in die Persönlichkeit eingeschmolzen wird. [...] Auch diese Botschaft bedeutet Erziehung: ‘Dein Lebensweg ist durch die schicksalhafte völkische Verknüpfung vorgegeben.’ [...]

Rasse macht nicht nur die Eigenart des Volkes, sondern auch die des Menschen aus; sie ist unveränderbar, sie führt zur Kultur und formt die Erziehung. Es sind unbewusste Kräfte aus den Tiefen der Volkseele, die nach Gestaltung, nach Form suchen.*

Gobineaus Auffassung von der Rasse als treibende Kraft in der Geschichte hatte großen Einfluss auf Houston Stewart Chamberlain, der diese Einschätzung teilte. Die Rassenfrage sei „vielleicht die allerwichtigste Lebensfrage, die an den Menschen herantreten kann.“ (1)

Während Gobineau davon ausging, dass sich bestimmte Ur-Rassen längst mit „minderwertigen“ Rassen vermischt hätten und dies der unvermeidliche Lauf der Geschichte sei, propagiert Chamberlain das aktive Streben nach einer „reinen“ Rasse. Anders als viele Vorgänger löst sich Chamberlain in Bezug auf Menschen teilweise von äußeren Merkmalen und behauptet, Rasse werde vor allem im Blut, Wesen und Charakter deutlich. Doch nicht nur das: Rasse wird pauschal zum entscheidenden Urheber der Charakteristik eines Individuums erhoben: Die Geschichte zeige,

wie Persönlichkeit und Rasse auf das Engste zusammenhängen, wie die Art der Persönlichkeit durch die Art ihrer Rasse bestimmt wird und die Macht ihrer Persönlichkeit an gewisse Bedingungen ihres Blutes geknüpft sind.“ (2)

Doris Mendlewitsch setzt sich in ihrem Buch “Heil und Volk” mit Chamberlain auseinander und stellt fest, dass

sowohl moralisch-sittliche wie auch körperliche Merkmale allein auf die Rassenzugehörigkeit zurückgeführt (werden). Überhaupt keine Erwähnung finden soziale Bedingungen, Erziehungseinflüsse u.ä. Als mögliche Faktoren zur Beeinflussung der angeblich rassenbedingten Eigenschaften.“ (3)

Was eine überlegene Rasse eigentlich ausmachen solle, wird zumeist schwülstig-nichtssagend umschrieben. Das Individuum einer gezüchteten Rasse habe etwas „Überschwängliches“, was an „hundert Einzelheiten deutlich“ werde, die sich „der Analyse entziehen.“ Das überzeugendste Anzeichen des „Besitzes von Rasse“ sei im eigenen Bewusstsein zu finden:

Wer einer ausgesprochenen, reinen Rasse angehört, empfindet es täglich. [...] Rasse hebt eben einen Menschen über sich selbst hinaus, sie verleiht ihm außerordentliche, fast möchte ich sagen übernatürliche Fähigkeiten, so sehr zeichnet sie ihn vor dem aus einem chaotischen Mischmasch von allerhand Völkern hervorgegangenen Individuum aus.“ (4)

Chamberlains Argumentationen basieren – wie die von Gobineau – auf unüberprüfbaren Behauptungen, die sich im Zuge der vermeintlichen Beweisführung selbst legitimieren sollen. Einer bestimmten Rasse wird zum Beispiel pauschal eine körperliche und geistige Überlegenheit bescheinigt. Diese – so wird behauptet – entziehe sich einer näheren Definition und / oder werde in erster Linie von dem erkannt und empfunden, der ihr angehört.

Der intellektuelle Taschenspielertrick ist offensichtlich: Chamberlain erspart es sich und seinen Lesern, Rasse (wissenschaftlich) zu definieren, indem er behauptet, die wissenschaftliche Erfassung sei gar nicht möglich. „Rasse“ und was „Rasse“ ausmache, erschließe sich nicht durch den Verstand, sondern durch Fühlen und Empfinden und bleibe Außenstehenden, „rassenfremden“ Personen verschlossen. Das ist nur ein Beispiel für ein typisches Stilmittel, welches von Chamberlain häufig verwendet wird. Ähnlich funktioniert die wiederholte, auf nichts als sich selbst beruhende Behauptung, die eigene These sei unangreifbar und selbstverständlich.

So stellt Chamberlain anhand des Beispiels der „Arier“ die Uneinigkeit der Forschung in Bezug auf Herkunft und Ausprägung dieser vermeintlichen Rasse dar. Doch nicht, um zu verdeutlichen, dass das Konzept der menschlichen Rasse kritisch hinterfragt werden müsse. Ganz im Gegenteil:

Was sollen die weitläufigen wissenschaft-lichen Untersuchungen, ob es unter-schiedliche Rassen gibt? [...] Wir kehren den Spiess um und sagen: dass es welche gibt, ist evident; dass die Qualität der Rasse entscheidende Wichtigkeit besitzt, ist eine Tatsache der umittelbaren Erfahrung.“ (5)

Wenn Chamberlain also etwas nicht erklären kann, so bezeichnet er es als selbstverständlich. Und kann er etwas nicht verstehen, so erklärt er kurzerhand, Verständnis sei in diesem Fall gar nicht notwendig:

Ich hoffe [...] die große Konfusion veranschaulicht zu haben, welche unter uns heute in Bezug auf den Begriff ‘Rasse’ besteht. Diese Konfusion ist nicht nötig, d.h. bei uns praktischen, handelnden, dem Leben angehörigen Männern nicht. Und zwar darum nicht, weil wir, um die Lehren der Geschichte zu deuten und um, im Zusammenhang hiermit, unsere Gegenwart zu begreifen, gar nicht nach verborgenen Ursprüngen und Ursachen zu forschen brauchen.“ (6)

Welche Aussage könnte entlarvender sein, gerade aufgrund des Selbstbewusstseins und der Ernsthaftigkeit, mit der diese inhaltliche und wissenschaftlich-fachliche Bankrotterklärung vorgetragen wird?



Jan Buschbom, Oktober 2008

 



1) Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, München 1932, S. 318

2) Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, München 1932, S. 310.

3) Mendlewitsch, Doris: Volk und Heil, Rheda-Wiedenbrück 1988, S. 24

4) Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, München 1932, S. 315

5) Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, München 1932, S. 322

6) Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, München 1932, S. 317

 

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