Leichte Sprache

Schuldknechtschaft

Die Deutschen wurden nach 1945 von den Alliierten in ein sklavenähnliches Abhängigkeitsverhältnis gebracht, in dem sie ausgebeutet werden. So lautet ein rechtsextremes Argument, mit dem Feindbilder aller Art, darunter Antiamerikanismus und Antisemitismus, aufgerufen werden.

Der Begriff der „Schuldknechtschaft“ wird sowohl moralisch verwendet als auch ökonomisch gedeutet: Die Alliierten, insbesondere die USA, so ein gängiges rechtsextreme Argument, würden die Deutschen mit der so genannten Auschwitzlüge oder dem angeblichen Mythos vom Holocaust moralisch klein halten, um daraus wirtschaftlichen Profit zu schlagen.

Mit anderen Worten: Rechtsextremisten behaupten allen historischen Tatsachen zum Trotz, die Deutschen würden an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus beziehungsweise an den Staat Israel Millionen zahlen, obwohl der Holocaust gar nicht statt gefunden habe.* Der so gedeutete Begriff von der „Schuldknechtschaft“ ist die Neuauflage eines der ältesten antisemitischen Stereotype. Es seien nämlich jüdische Wucherer gewesen, die Christen in die Verschuldung getrieben hätten, heißt es seit dem Mittelalter.

Rechte Feindbildpflege: „Die Deutschen werden seit Kriegsende von den Alliierten durch ‚Umerziehung’ und insbesondere durch den ‚Holocaust-Mythos’ in moralischer wie finanzieller Schuldknechtschaft gehalten.“

Das Schlagwort von der „Umerziehung“ mittels des Holocausts als wichtigster „Waffe“ spielt eine zentrale Rolle bei der Feindbildpflege innerhalb rechtextremer Milieus. Der Begriff bezieht sich auf die fälschliche Übersetzung des englischen Terminus für die in Deutschland von allen Alliierten durchgeführte Entnazifizierung: „Re-Education“ bedeutet in seiner korrekten Übersetzung „Wieder-Erziehung“.

Bereits 1943, als der Umgang mit dem zu besiegenden Deutschland noch ausgesprochen kontrovers diskutiert wurde, schlug der Harvard-Psychologe Henry A. Murray in seiner „Analyse der Persönlichkeit Adolf Hitlers“ für den amerikanischen Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS) folgende handlungsleitende Ziele im Umgang mit den Nachkriegsdeutschen vor:

Es ist ein tiefgreifender Gesinnungswandel in Deutschlands Haltung notwendig: Der Abschied von der Idee, (1) dass [die Deutschen] ihrer Herkunft nach etwas Besseres sind; (2) dass sie dazu ausersehen sind, die Erde zu regieren; (3) dass es kein menschliches Gesetz und keine Autorität gibt, die über dem Wohl des deutschen Staates stehen; (4) dass Stärke über allen anderen Dingen zu bewundern ist; (5) dass Macht gleichbedeutend mit Recht ist.“ (1)

Rechtsextremisten zitieren pars pro toto ausschließlich solche Haltungen innerhalb der kontrovers geführten Debatte der Alliierten über den Umgang mit Nachkriegsdeutschland, die den Schluss nahe legen sollen, die alliierte, v. a. jedoch amerikanische Politik sei von Anfang an darauf gerichtet wesen, Deutschland dauerhaft zu zerschlagen und seine Bevölkerung in einer Art Gehirnwäsche gefügig zu machen. Haltungen, für die hier stellvertretend Professor Murray zitiert wurde, zielen nicht auf Zerschlagung und Unterjochung, sondern darauf, die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens und menschlicher Zivilisation wieder in Kraft treten zu lassen.

Ihr Ziel war und ist nicht die Zerschlagung Deutschlands und die Unterjochung der Deutschen, sondern die Bekämpfung der nationalsozialistischen Barbarei, die laut Professor Murray Ausdruck von Größen- und Verfolgungswahn ist, von starkem Hass auf mächtige und Verachtung für schwache Widersacher sowie von Arroganz, Misstrauen und Neid: „Alles zusammen entwickelte sich als Reaktion auf einen uralten Minderwertigkeitskomplex und Verlangen nach Wertschätzung“. (2)

Jene Haltungen, die das besiegte Deutschland demokratisieren wollten, setzten sich schließlich durch und wurden offizielle Politik aller vier alliierter Bündnispartner. Im sog. „Potsdamer Abkommen“ vom 2. August 1945 wurde folgende Politik beschlossen:

Alliierte Armeen führen die Besetzung von ganz Deutschland durch, und das deutsche Volk fängt an, die furchtbaren Verbrechen zu büßen, die unter der Leitung derer, welche es zur Zeit ihrer Erfolge offen gebilligt hat und denen es blind gehorcht hat, begangen worden. [...] Der deutsche Militarismus und Nazismus werden ausgerottet, und die Alliierten treffen nach gegenseitiger Vereinbarung in der Gegenwart und in der Zukunft auch andere Maßnahmen, die notwendig sind, damit Deutschland niemals mehr seine Nachbarn oder die Erhaltung des Friedens in der ganzen Welt bedrohen kann. [...] Es ist nicht die Absicht der Alliierten, das deutsche Volk zu vernichten oder zu versklaven. Die Alliierten wollen dem deutschen Volk die Möglichkeit geben, sich darauf vorzubereiten, sein Leben auf einer demokratischen und friedlichen Grundlage von neuem wiederaufzubauen.“ (3)

Tatsächlich investierten die USA zwischen 1948 und 1952 im Rahmen des European Recovery Program – des Europäischen Wiederaufbauprogramms (der sog. „Marshall-Plan“) rund 1,5 Milliarden Dollar in den Wiederaufbau der westdeutschen Wirtschaft und bestellten so die Grundlage für das, was als (west-)deutsches Wirtschaftswunder in die Geschichte der Bundesrepublik einging. Der Marshall-Plan, benannt nach dem amerikanischen Außenminister George Marshall, markiert den Beginn des sog. Kalten Krieges, also die Konfrontation der Nato-Staaten mit denen des Warschauer Paktes, und wurde von der Sowjetunion heftig als „Dollar-Imperialismus“ gebrandmarkt. Ähnliche Sprachregelungen findet man noch heute in der extremen Rechten.


Jan Buschbom / Violence Prevention Network e.V.
Oktober 2008


 



1) Henry A. Murray: Analysis of The Personality of Adolph Hitler. With Predictions of His Future Behavior and Suggestions for Dealing With Him Now and After Germany’s Surrender. October 1943 (auf: library.lawschool.cornell.edu/WhatWeHave/SpecialCollections/Donovan/Hitler/index.cfm; eingesehen am 20.05.06). S. 47.

2) Henry A. Murray: Adolph Hitler. A. a. O. S. 47.

3) Mitteilung über die Dreimächtekonferenz von Berlin ("Potsdamer Abkommen", 02.08.1945; auf: www.documentArchiv.de/in/1945/potsdamer-abkommen.html; eingesehen am 02.01.08.)

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