Leichte Sprache

Die rechtsextreme Szene

Die Protagonisten hatten zahlreiche Gemeinsamkeiten. Bisher ist erst wenig über ihre Biographien bekannt, aber alle waren in der klar identifizierbaren Lebenswelt der rechtsextremen Jugendkultur verwurzelt. Hier fanden sie ihre Peer Group. Kennzeichen für die extrem rechte Szene sind dicht strukturierte soziale und kommunikative Räume, die als gemeinsame Sinnwelt und Erfahrungsraum der Teilnehmer funktionieren.

Zu dieser Formierung maßgeblich beigetragen haben neue Kommunikationstechniken, selbständige Publikationen wie Fanzins, später hat das Internet alles erleichtert mit eigenen Informations- und Diskussionsforen, wodurch segmentierte Teilöffentlichkeiten entstanden, in denen disparate soziale Wirklichkeiten diskutiert, ideologische Deutungen verbreitet und abweichendes Verhalten propagiert wurden.

Buchcover "Zwischen Militanz und BürgerlichkeitIn dieser weit aufgefächerten Subkultur von Kameradschaften, Parteiorganisationen, Gruppen und Cliquen, die sich auf jede vorstellbare Art und Weise überschneiden, in der alles Notwendige für den radikalen Lifesteyle vorhanden ist, von Versandgeschäften, Läden, Kneipen, Bands, Konzerten, über den Jul-Leuchter bis zur Soldatenbüste aus Gips, sind radikal-oppositionelle und rassistische Meinungen tonangebend.

Das Leben in der rechtsradikalen Szene folgt seinen eigenen Rhythmen, seinem eigenen Feier- und Aufmarschkalender.  Es herrscht ein eigener Stil mit einer genauen Vorstellung, wie man seine Freizeit verbringen soll, wo man seine Freunde findet, wie man sich kleidet, welche Musik man hört, welche Frisur mit wenigen Haaren und welcher Schmuck angesagt ist, welche Zeichen und Symbole man benutzt und vieles mehr.

Mit Parteipolitik mag das auf den ersten Blick nicht viel zu tun haben, aber die Szene schafft eine wichtige Verbindung zwischen dem Alltag ihrer Teilnehmer und den politischen Ideen. Man unterscheidet sich schon habituell von Anderen und erwirbt eine Identität, die in der Überzeugung wurzelt, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Die Pöbelei gegenüber Ausländern oder der Angriff auf die Unterkunft für Asylbewerber wurde zur prestige- und identitätsstiftenden Tat.

Die Skinhead-Cliquen waren nicht isoliert. Es wäre ein großer Irrtum anzunehmen, als spielte sich dies alles in einem gesellschaftlichen Vakuum ab. Als Aktivisten profitierten sie von der Empörung der Bevölkerung, die vielfach der Parole „Deutschland den Deutschen“ zustimmte, aber passiv blieb. Diese Passivität von Bürgern und Wählern gibt den Rechtsextremisten das Unterfutter für ihre Auftritte. Sie agieren für ein politisches Projekt, das in der Lage sei, die Probleme der modernen Gesellschaft zu lösen, wenn erst die herrschenden Versagerparteien durch eine nationale Kraft ausgetauscht seien.

Anders als die rechtsextremistischen Parteien wie NPD und DVU, die aus den vielen kleinen Zornausbrüchen eine kollektive Kraft formen wollen (Wahlslogan der DVU: „Die Rote Karte für Polit-Bonzen“), geht es in der Szene um die sofortige Wutentladung, um eine Form der politischen Triebabfuhr, die keinen Aufschub duldet. So erklärt sich auch das ständige Oszillieren zwischen Partei und Szene. Bei manchem Szenegänger verteilen sich die Beteiligungsformen entlang von Alters- und Lebensphasen, andere kombinieren Krawallaktivitäten mit dem Engagement für die NPD und wieder andere streunen zwischen der auf Disziplin bedachten Partei und den Zusammenrottungen junger Krieger hin und her.

Insgesamt zeigt die Szene das doppelte Gesicht von Militanz und Parteiarbeit. Folglich ist die „Szene“ keine Organisation. Sie hat kein für sie handelndes Organ und keinen festen Mitgliederbestand. Sie ist eine lose strukturierte Menge, die durch ständige Zu- und Abgänge gekennzeichnet ist und deren Gemeinsamkeit sich in diffusen Vorstellungen findet.

Anders als in Organisationen werden die ungeschriebenen Normen einer Gruppenkultur nicht als ausdrückliche Anweisungen oder schriftliche Direktiven verbreitet – sie setzen sich anonym mittels Übung, freiwilliger Nachahmung und besonders nachhaltig, dem Dauergerede in den Cliquen durch.

In Szenen gibt es kein autoritäres Zentrum, das Verhalten anleitet, Regeln bestimmt, über die Reinheit der Ideologie wacht oder verbindliche Handlungsziele formuliert und durchsetzt. Aber sehr wohl gibt es Kerngruppen bzw. Szeneeliten und Anführer mit Vorbildcharakter, deren Ausdrucksformen handlungsleitend wirken, weil sie als nachahmenswert angesehen werden. Dieser harte Kern bildet sich aus älteren, politisch erfahrenen Aktivisten, die wissen, wovon sie reden und nicht nur nachsprechen, was Andere vorsagen. Das Gespräch zwischen Generationen dient dem Austausch von Erfahrungen und Praktiken, hier zirkulieren Ideen, Deutungen und Pläne, hier üben Altnazis ihren Einfluss auf die Jüngeren aus.

Die Gewohnheiten der Gruppe gehen nicht auf bewusste Einzelentscheidungen der Gruppenangehörigen zurück, sondern der einzelne Teenager orientiert sich an dem, was in der Gruppe üblich ist, was dort von ihm erwartet wird, „was sich dort gehört“, was „angesagt und in“ ist. Dabei sein ist alles, denn wer anwesend ist, signalisiert Zustimmung, er bekräftigt, dass er sich auch künftig an die Erwartungen der Gruppe halten wird. Anwesenheit bedeutet Akzeptanz – alle Gefahren inbegriffen.

Nachahmung und Unterweisung beschleunigen den Lernprozess. Der Schritt vom sympathisierenden Zuschauer zum aktiven Teilnehmer stellt sich empirisch oftmals als ein fließender Übergang dar, der vor allem durch den Freund, die Freundin oder durch Peer-Group-Aktivitäten vermittelt ist – man findet das gut, was diejenigen gut finden, die man gut findet. Aber es bleibt grundsätzlich eine Entscheidung, die das eigene Handeln weitreichend präformiert und in neue riskante biographische Bahnen lenkt.

 

Militante Gruppierungen

Politische Gewalt, Tod und Vernichtung zählen zur Ideologie und Praxis der extremen Rechten. „Volksverräter“ hätten eine nationale Katastrophe verursacht, die es auf revolutionärem Weg zu revidieren gilt. Durch Vernichtung der „Fremden“ wird eine homogene, artgleiche „Volksgemeinschaft“ angestrebt. Wobei der „Fremde“ auch ein „Linker“ oder ein Repräsentant des verhassten „Systems“ sein kann.

Immer schon wurden Waffen gehortet und Pläne zu ihrem Einsatz geschmiedet. In den beiden vergangenen Jahrzehnten ging die Mehrzahl der schweren Gewalttaten – Körperverletzung, Totschlag, Mord, Brandstiftung – auf das Konto rechtsextrem, fremdenfeindlich und rassistisch eingestellter Männer im Alter zwischen 16 und 35 Jahren, die aus dieser Szene stammten. Deshalb und weil das Trio Kontakte zu diesen Gruppen unterhielt, ist es ratsam, sich mit neonazistischen Organisationen zu beschäftigen, die Gewaltkonzepte mehr oder weniger offen propagieren.

Blood and Honour-Aktivisten und die Hammerskins vertreten das Konzept des „politischen Soldaten“ bzw. des „einsamen Wolfes“, der heimlich seine Beute reißt. Bekennerschreiben seien unnötig, weil sie nur Spuren legen und der Polizei einen Ermittlungsansatz liefern. Zu diesem Werwolf-Konzept gehört die Idee des leaderless resistance (führerloser Widerstand), die Anschlagplanung durch kleine, unabhängige und im Alltag unauffällige Zellen. Also Verzicht auf zentrale Kommandostrukturen, hin zu beweglichen Kleinstgruppen mit einem hohem Maß an Planungsautonomie und Flexibilität.

In den 90er Jahren legte der militante Arm der internationalen B&H-Netzwerkes, Combat 18, eine Blutspur durch Nordeuropa. Sein Name und seine Strategie wurden auch in Deutschland verbreitet. Man sprühte die Kürzel „Combat 18“ bzw. „C 18“ an Wände und kündigte damit in Drohbriefen Anschläge an. Viele dieser Schmierereien konnten damals als leere Drohungen eingestuft werden, ähnlich wie linke Gruppen sich mit dem „RAF“-Kürzel wichtig machen wollten. Aber wie sich am Beispiel der Zwickauer Terrorzelle gezeigt hat, war es voreilig, konkrete Anschläge gänzlich auszuschließen. Das nur schwer Vorstellbare wurde Wirklichkeit.

Hat das Trio in diesem Milieu das Rollenmodell der kleinen terroristischen Zelle gelernt, die allein und ohne Kommandoebene aus dem Untergrund heraus zuschlägt? Haben sie die Radikalität der Texte, den Rebellen-Habitus der Bands, der nur Pose ist, missverstanden als tatsächlichen Ausdruck des politischen, bewaffneten Kampfes?

Nicht die Szene, der THS oder B&H, haben gemordet, sondern drei individuelle Personen. Wie und warum sind sie weitergegangen als das Milieu aus dem sie kamen und dem sie weiter angehörten?

 

Rainer Erb, Februar 2012

 

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