Leichte Sprache

Zwischenbilanz

Die neonazistische Terrorgruppe NSU erzielte einen beispiellosen Erfolg über die gesamte Macht des Staates. Die Triumphgefühle, die daraus für die gesamte rechtsextremistische Szene entstehen, sind nicht zu unterschätzen.

Aus dem bisher Bekanntgewordenen wird deutlich, dass die rechte Subkultur in Jena der Ausgangspunkt für Straftaten von großer Gefährlichkeit, Hinterhältigkeit und Brutalität war.

Die Szene um den Thüringer Heimatschutz (THS) schuf nicht nur mit einem Vokabular der Degradierung und des Hasses rhetorisch die ideologischen Grundüberzeugungen für solche heimtückischen Taten, auch habituell mit Körperverletzungen und Bombendrohungen stellte der THS das Übungsgelände für die folgenden Schwerverbrechen dar. Diffamierung und Gewalt gegen Zuwanderer und anders Denkende gehörten zum Moralkodex der Cliquen.

"Wehret den Anfängen": schrittweise Radikalisierung

"Wehret den Anfängen" ist eine Phrase und hat ihre Richtigkeit - bei manchen, man weiß nur nicht bei wem. Frühe Anzeichen bei Kindern und Jugendlichen, die sich vom Schund und von den Angeboten der rechten Szene ansprechen lassen, ist ernste Aufmerksamkeit zu schenken, weil die Entwicklung übel enden kann. Die Biographien des Zwickauer Trios demonstrieren - nichts ist auszuschließen. 

Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe haben sich Schritt für Schritt radikalisiert. Anfangs unterschieden sie sich nicht von vielen anderen Jugendlichen, die nach der Wende mit martialischem Auftreten auffällig wurden. Ihre kriminelle Karriere begann mit jugendtypischen Delikten wie Ladendiebstahl, setzte sich über Schlägereien, rechtsextremes Provokationsverhalten fort, um sich von Bombendrohungen mit Attrappen bis zu politisch motivierten schweren Straftaten zu steigern. Nationalsozialisten und ihre Ideen übten von Beginn bis Ende einen Einfluss auf, wie die Zeichnung des Hitler Stellvertreters Rudolf Heß auf Mundlos Schreibtisch und die spätere Namensgebung „Nationalsozialistischer Untergrund“ beweisen.

Aus eigenem Entschluss heraus begannen die drei, mit 1.400 Gramm Sprengstoff zu hantieren. Durch rasches Reagieren gelang ihnen die Flucht und sich der Fahndung zu entziehen. Die Polizei war ihnen auf den Fersen, konnte sie aber nicht stoppen. Die elitäre Kleingruppe erzielte einen beispiellosen Erfolg über die gesamte Macht des Staates. Die Triumphgefühle, die daraus entstanden, sind nicht zu unterschätzen.

Diese Umstände, auf die sie nicht vorbereitet waren, brachten sie vermutlich auf den Gedanken, ihr Leben in der Illegalität durch gewöhnliche Banküberfälle zu finanzieren. Dazu mussten sie sich bewaffnen. Verlässliche Komplizen besorgten die Pistolen. „Deckungskameradschaft“ mit seinem sozialmoralischen Feld - „Heldentum“, „Retter“, „Ehre“, „kein Verräter zu sein, der Kameraden im Stich lässt“ - formte den sozialen Kitt zwischen den Untergetauchten und den Helfern aus der Szene.

Das Trio bildete nach bisherigen Kenntnisstand eine einzelne Terrorzelle. Es waren Einzeltäter, aber sie waren nicht allein. Sie haben viele Brüder im Geist. Auch wenn sie auf ihrem Bekenner-Video übertreiben: „Der nationalsozialistische Untergrund ist ein Netzwerk von Kameraden mit dem Motto Taten statt Worte“, so konnten sie sich zu Recht als Teil einer rassistischen und militanten Bewegung verstehen. Einer Bewegung Gleichgesinnter, die in großem Umfang ihre Ziele teilt, von der nicht wenige auch ihre Methoden billigen, aber nur einige sich bis zum Gesinnungsmord radikalisieren.

Hat die Erkenntnis „kein Terrorismus ohne Massenbasis“ weiterhin ihre Gültigkeit? Heute gehen Verfassungsschützer bundesweit von 25.000 Rechtsextremisten aus, dessen gewaltbereites Spektrum auf 9.500 Personen geschätzt wird. 

Zur Einschüchterung der Bankangestellten galt es, eine neue Stufe der Gewaltandrohung zu überwinden. Würde sich ihr rabiates Auftreten bis zum Einsatz der Schusswaffe steigern? Für diese Raubzüge benötigten sie zunächst keine ideologische Begründung. Hat sich durch die ideologische Verflachung die Gewalt entgrenzt?

Im September 2000 standen sie vor einem neuen Wendepunkt. Trugen sie keinerlei Hemmung in sich, als sie den ersten Mord in Nürnberg verübten? Die Dehumanisierung der Opfer und regressiver Kollektivismus (Helmut Thome) bei den Tätern lagen vor. Fiel ihnen der nächste Mord leichter, weil sie Routine entwickelten? Warum also aufhören? Diese naheliegenden, beinahe banalen Fragen drängen sich immer wieder auf. Einige Antworten werden sich hoffentlich aus der Hauptverhandlung gegen Frau Zschäpe ergeben.

Verschiebung des NSU-Prozesses: Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe muss das Oberlandesgericht München, vor dem der Prozess gegen Beate Zschäpe stattfinden soll, mindestens drei weitere Plätze für ausländische Journalisten bereit stellen. Mit dem Hinweis auf den damit verbundenen Aufwand hat das Gericht in München den Beginn des Prozesses auf den 6. Mai 2013 verschoben.


Rainer Erb, Februar 2012 (letzte Aktualisierung durch die Landeszentrale im April 2013)

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