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Bands und Konzerte

Rechtsextremistische Bands in Brandenburg 1993 - 2011


Dass die Rechtsrockszene eine Scharnierfunktion zwischen vielen rechtsextremen Milieus hat, zeigt ein Blick auf die Besucherstruktur von Konzerten:

Unter den Konzertbesuchern finden sich gewaltbereite Skinheads, Neonazis, Anhänger der ‚Nationaldemokratischen Partei Deutschlands’ und der ‚Jungen Nationaldemokraten’, Personen aus der Rockerszene und Fußball-Hooligans.“ (2)

Wie sehr es die Bezugnahme auf den Nationalsozialismus und auf wüsten Vernichtungsantisemitismus ist, die die verschiedenen Milieus eint, illustriert eine Episode aus der Veranstaltung vom 25.08.07 auf dem Finowfurter Anwesen des DVU-Kaders Mann. Hier soll laut Verfassungsschutzinformationen unter lautstarker Beteiligung des Publikums das „Hecker Lied“ aus der Badischen Revolution von 1848 abgesungen worden sein – freilich in einer Umdichtung, die mit dem Titel „Blut muss fließen“ in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg bei rechtsextremen Freikorps und SA sehr populär war und die seit ihrer Neuvertonung durch die badische Band Tonstörung 1992 (3) fest ins Repertoire zahlreicher Rechtsrock-Bands gehört (4):

„Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig
lasst die Messer flutschen in den Judenleib
Blut muss fließen, knüppelhageldick
und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik...“ (5)

 

Der Reiz des Verbotenen

Da Rechtsrock-Konzerte vielfach als private Veranstaltungen deklariert werden („Geburtstagfeier“), kommt ihnen eine wichtige Funktion innerhalb der Szene zu: Hier braucht man vermeintlich kein Blatt vor den Mund zu nehmen und kann die neonazistische Überzeugung offen formulieren, ohne Angst vor Strafverfolgung (vgl. Text: "Verbote?"). Damit sind sie zugleich eine wichtige Station auf dem Radikalisierungsweg vieler Jugendlicher.

Veröffentlichungen brandenburgischer Bands: Confident of Victory: The Unfeeling. Gjallarhorn Klangschmiede 2006Konzerte werden oft gewissermaßen konspirativ durchgeführt, einschließlich gemeinsamer An- und Abreise. Jugendliche, die an ihnen teilnehmen, dürfen sich als Teil einer verschworenen Gemeinschaft und einer gemeinsamen Sache fühlen, die so bedeutungsvoll ist, dass „das System“ sie „verfolgt“ und „verbietet“ – so folgen Konzertveranstaltungen einer jahrelang eingeübten Choreographie, deren propagandistische Funktion in der Selbstvergewisserung der Szene als „politische Soldaten“ gegen die „Judenrepublik“ liegt (vgl. Text: ’Nur Soldat!’).

Daneben erleichtern die konspirative Vorgehensweise und die überschaubare Zahl des anreisenden Publikums den Zugang zu veritablen Szene-Größen. „Neue Gesichter“ werden von den anwesenden Kadern und Funktionären angesprochen und überprüft: Wer es auf ein Konzert geschafft hat, darf sich in vielfacher Weise aufgewertet fühlen.

Die hohe Zahl an in Brandenburg aktiven Bands mag in einem gewissen Grad täuschen: Oft beteiligen sich rechtsextreme Musiker an einer großen Zahl an verschiedenen Rechtsrock-Projekten.

 

Subkultureller Rechtsextremismus

Die Grenze zwischen subkulturellem Rechtsextremismus und dem organisierten Neonazismus ist fließend. Einerseits bedient sich der organisierte Neonazismus längstens sub- oder jugendkultureller Ausdrucksformen und rekrutiert sich andererseits in Teilen aus solchen Milieus.

Von prominenter Bedeutung für den subkulturellen Rechtsextremismus ist die neonazistische Musikszene, wenngleich er nicht auf sie allein reduziert werden kann. Der Rechtsrocker wird von einschlägig interessierten Jugendlichen wie ein Popstar verehrt und genießt zugleich hohe Wertschätzung auch beim organisierten Neonazismus: Als Agitator, der rechtsextremen Nachwuchs politisiert, und als Produzent rechtsextremen Lifestyles, der der Szene eine der wenigen verlässlichen Einnahmequellen erschließt, ist der Rechtsrocker ein wichtiges Bindeglied zwischen – manchmal nur vage – ideologisierten jugendlichen Milieus auf der einen Seite und dem organisierten Neonazismus auf der anderen.

 

Beispiel: die Cottbusser Rechtsrock-Band Frontalkraft

Als regelrechte Veteranen des Rechtsrock dürfen in Brandenburg bspw. Frontalkraft aus Cottbus gelten. In einer durchaus szenetypischen Mischung aus Gewaltphantasien („Schwarz ist die Nacht, in der wir euch kriegen, weiß sind die Männer, die für Deutschland siegen, rot ist das Blut auf dem Asphalt“. Schwarz ist die Nacht. Auf: Volksmusik. Eigenproduktion 2001 – man beachte die Farbsymbolik: schwarz-weiß-rot sind die Farben des Deutschen Reichs), Neuheidentum, Verschwörungstheorien und larmoyanter Selbststilisierung als Opfer machten die 1992 in Spremberg gegründeten Frontalkraft nie einen Hehl aus ihrer neonazistischen Gesinnung:

Veröffentlichungen brandenburgischer Bands: Frontalkraft & White Wash: Voices of Unity. Rebel Records 2008

Dein Glied der Ahnenkette, weißt Du, wann sie begann? Sei Hitler stets gehorsam, und Du hast recht getan! Sei Hitler stets gehorsam, und Du hast recht getan! Du kannst zurück im Geiste die fernen Wege gehen, am Ende wird God selber als Ursprung vor Dir stehen! Am Ende wird God selber als Ursprung vor Dir stehen!“
(Frontalkraft: Goden-Hymne. Auf: Wenn der Sturm sich erhebt. Dieter Koch 1996)


Frontalkraft veröffentlichten in 2008 ihr sechstes reguläres Album „Nacktes Land“ (Rebel Records 2008) und zusammen mit der texanischen Band White Wash die Split-CD „Voices of Unity“ (Rebel Records 2008).

In den 90er Jahren waren Frontalkraft im Blood-&-Honour-Umfeld tätig und einzelne Mitglieder später in der Kameradschaft Sturm Cottbus, die dem Lausitzer Aktionsbündnis / LAB angehörte. Das LAB gab nach der Selbstauflösung des Sturm Cottbus und anderer neonazistischer Organisationen die Direktive aus, „nicht mehr mit festen Strukturen, Vereinsausweisen und Gruppenkassen zu arbeiten“. (6)

Damit blieben nur die Alternativen, gänzlich auf Strukturen jenseits von Personennetzwerken zu verzichten oder den Anschluss an die legalen Strukturen innerhalb der rechtsextremen Parteienlandschaft, insbesondere also der NPD, zu suchen.

2007 traten Frontalkraft u. a. bei einem Horst-Wessel-Gedenkkonzert auf und am 3. August beim „Sachsentag“ in Dresden, der von der Jugendorganisation der NPD, den Jungen Nationaldemokraten (JN) veranstaltet wurde.

 

Subkultureller Rechtsextremismus als Wegbereiter von Radikalisierung

Sten Söhndel, der als 17jähriger Schüler im Umfeld der Neonazi-Organisation Deutsche Alternative (verboten 1992) die Band gründete, wies im Interview mit der britischen Homepage BloodAndHonourCentral die Frage, ob die Band Parteien oder Organisationen unterstütze, von sich: Die Band würde alle nationalen Strukturen so gut es geht unterstützen, hätte aber entschieden, als Band nicht konkret in Strukturen tätig zu werden, denn „wir tragen durch unsere Musik zur Bewegung bei und durch unsere eigenen Bemühungen, die Jugend zu erziehen.“ (7)

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Bericht Söhndels über seine eigene Radikalisierung:

... nach der Wende 1990 herrschte in unserer Stadt und im gesamten Osten ein Klima,was eindeutig national geprägt war. Es kam praktisch von heute auf morgen, was verschiedene Gründe hatte (von simpler Auflehnung gegen alles und jeden bis hin zur Freiheit, die einem die kopflose Exekutive gestattete). Mit der Zeit wurde es ein gigantisches Massenphänomen und plötzlich war in Deiner Stadt jeder zweite ‚rechts’, unabhängig von Alters- & Bildungsstand. Als kleiner Racker rutschte man da natürlich mit rein.

Warum? Das fing bei der Mode an, ging über das Auftreten bis hin zur Musik. Von Tag zu Tag interessierte man sich immer mehr dafür und begriff langsam, was es heißt so zu sein (mit Geschichte, Traditionen etc.) wie man auf einmal war. Man schnappte sich Unmengen an Büchern und bildete sich ... und durch die Richtigkeit des Handelns und der generellen Überzeugung für diese ‚bestimmte & unsere’ Sache, ist man heute immer noch im Boot und wird bis zu seinem Lebensende in diesem Boot gegen den Strom rudern.“ (8)

 Veröffentlichungen brandenburgischer Bands: Projekt X: Projekt X & Freunde - PC Records 2008Typischerweise setzt der Radikalisierungsprozess in diesem Bericht Söhndels mit rechtsextremem Lifestyle ein (Mode, Auftreten, Musik): Er gibt die notwendigen Impulse, „dass man sich immer mehr dafür interessiert“. Als 17jähriger Nachwuchs-Neonazi in der Deutschen Alternative gab er – etwa zur Zeit der Gründung von Frontalkraft Ende 1992 – dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel zu Protokoll, er wolle dafür sorgen, „dass wir damit aufhören, Geld nach Israel zu schicken oder für die Kriege der Amis zu zahlen.“ (9)

Der Frontalkraft-Sänger ist sich nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen Biographie seiner Rolle und Bedeutung als Rechtsrocker wohl bewusst: Nach dem Krieg seien zwei ganze Generationen psychologisch „umerzogen“ worden, so seien „zwei verlorene Generationen“ entstanden:

Da muß man ansetzen, damit sich das nicht wiederholt. Die Aufgabe ist, eine Basis an jungen Menschen zu sich zu bekommen und dazu gehört die z.B. die Musik (...) und es gehören ‚dummerweise’ die Konzerte nebst ihrer eigenen Freiheit dazu. Diese Jugend, die man dann für unsere Reihen durch Musik gewinnt, muß dann sensibilisiert werden für unser Ziel (brauch sich keiner Gedanken machen das das nicht so ist) und dann wird es auch wieder diese Generation geben, ja wir formen sie mit unseren Willen mit, die als Masse auf der Straße des Volkes Stimmes Gehör verschafft. [...]

Wir betonen hier noch einmal: dieses ist ein Weg, eine Strategie. Jene, die ihr Augenmerk auf die Musik und auf Konzerte gelegt haben, arbeiten direkt und auch indirekt genau an dieser Strategie (und die geben `ne Menge dafür, auch wenn es Außenstehende nicht nachvollziehen können). Schritt für Schritt.“ (10)

 


Jan Buschbom / Violence Prevention Network e.V.
Oktober 2008


 

1) Bundesministerium des Inneren (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht 2007. Vorabfassung. Berlin 2008. S. 90ff.

2) Ministerium des Innern des Landes Brandenburg. Referat V/2 (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht Land Brandenburg 2007. Potsdam 2008. S. 75.

3) Tonstörung: Blut. Auf: Deutsche, marschiert wider den undeutschen Geist. Eigenproduktion. Demo MC. 1992. Die Aufnahme wird häufig unter dem Titel „Judenrepublik“ fälschlicherweise den Böhsen Onkelz zugeschrieben.

4) Zuletzt bspw. die Vertonung der Band Stolz (Stolz: Blut muss fließen. Auf: Vowärts, voran! Eigenproduktion 2008.).

5) Ministerium des Innern des Landes Brandenburg. Referat V/2 (Hrsg.): Verfassungsschutzbericht Land Brandenburg 2007. Potsdam 2008. S. 73.

6) Ministerium des Innern des Landes Brandenburg. Referat V/2: Pressemeldung vom 24.10.06.

7) bloodandhonourcentral.co.uk/interviews/frontalkraft.html; Original in Englisch.

8) Interview mit dem „Nordforum“ vom 12.11.05, auf: nordforum.com/Interview/FrontalkraftInterview/Frontalkraft.html; eingesehen am 13.04.07; eingesehen am 10. Juli 2008. Diktion und Orthographie aller rechtsextremen Quellen im Original.

9) Der Spiegel Nr. 48 / 1992.

10) Interview mit dem „Nordforum“ vom 12.11.05. A. a. O.

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