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Politische Bildung draußen

Die digitale Gesellschaft macht sie möglich und nötig: neue Formate für die politische Bildung. Apps können helfen, Veranstaltungen auch außerhalb der konventionellen Veranstaltungsräume durchzuführen. Gerade bei schönem Wetter könnte das zu einer reizvollen Alternative werden.
Apps for Good

Politische Bildung draußen? Das heißt im Wald, auf der  Straße, im Biergarten, im... nein, im Flugzeug nicht, aber praktisch überall. Bislang findet politische Bildung vornehmlich in Seminarräumen statt. Aber wer sagt eigentlich, dass sie nur dort funktioniert?

Die digitale Gesellschaft macht es möglich und vielleicht sogar nötig, neue Formate für die politische Bildung zu testen. So genannte Apps können dabei helfen, Veranstaltungen auch außerhalb der konventionellen Veranstaltungsräume durchzuführen. Gerade bei schönem Wetter könnte das zu einer reizvollen Alternative werden.

Apps sind Programme für mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablet-PCs (zum Beispiel das iPad oder die Geräte der Samsung Galaxy-Reihe), die gerade bei jungen Menschen inzwischen zu ihrem Leben gehören. Damit könnte politische Bildung in den Lebensalltag Jugendlicher eingebunden werden.

Was man braucht: Ein Smartphone oder Tablet-PC mit einem Android- oder Apple Betriebssystem. Zwingend erforderlich ist ein GPS-Modul, das in jedem gängigen Smartphone enthalten sein sollte. Das GPS-Modul im Handy sorgt für die Verortung mit Hilfe von Satelliten.

In diesem Artikel wird eine kleine Auswahl von Apps vorgestellt, die sich für den Einsatz außerhalb des Seminarraums eignen. Scheu vor den englischen Begriffen braucht man dabei nicht zu haben, es ist alles eine Sache der Gewöhnung. Von historischen Fotos bis zu vorgelesenen Stasi-Akten, von Augmented Realtity bis Geocaching, von Mauerbau bis Mordfall – die mobilen Apps decken inzwischen ein breites Spektrum ab.

Der Artikel geht von einem Einsatz im Rahmen der institutionalisierten politischen Bildung aus. Viele der vorgestellten Beispiele eignen sich jedoch auch für die Auseinandersetzung mit politischen Inhalten jenseits von Bildungsangeboten. Alle aufgeführten Apps sind kostenlos.


Apps für Seminare

c:geo
Verfügbar für Android und Apple-Systeme.

App: c.geo

Geocaching wird auch GPS-Schnitzeljagd genannt. Sie ist eine Art elektronische Schatzsuche nach dem Vorbild der  bekannten Schnitzeljagd. Dabei werden die Verstecke („Geocaches“, kurz „Caches“) anhand geografischer Koordinaten im Internet veröffentlicht und können anschließend mit Hilfe eines GPS-Empfängers gesucht werden. Ein Cache ist in der Regel ein wasserdichter Behälter, in dem sich ein Logbuch sowie verschiedene kleine Tauschgegenstände befinden.*

Bewertung: Die App ist für einen spontanen Einsatz geeignet, weil sie alle relevanten Daten innerhalb weniger Minuten liefert, um einen Cache in der Nähe zu finden. Es gibt keine bessere App für Smartphones. Selbst die offizielle Geocaching App kann nicht mehr Funktionalitäten bieten.

Anwendung im Seminar: geocaching.com ist weltweit die am meisten genutzte Seite für Geocaching. Hier lassen sich jede Menge Caches mit politischen Inhalten finden, eventuell hat der Referent Glück und zum Seminarthema lässt sich in der Umgebung der Bildungsstätte ein thematisch passender Cache finden. Achtung: In der Regel sind die Caches nicht speziell für die politische Bildung gemacht worden. Es ist daher darauf zu achten, dass der Cache am Ende wieder so zu hinterlassen wird, wie man ihn vorgefunden hat.

 



Historypin
Verfügbar für Android und Apple-Systeme

App: Hystorypin

Historypin hilft, alte Bilder aus Fotoalben abzufotografieren und im Internet hochzuladen. Diese können mit einer Adresse oder GPS-Koordinaten versehen werden und dann auf google maps markiert werden. Für historisch Interessierte kann aber mit der App auch ein Blick in die Vergangenheit geworfen werden. Passend zum Standort des Betrachters werden historische Bilder aus der Umgebung angezeigt. Die Bilder sind häufig mit Beschreibungen angereichert und bieten deshalb eine Geschichtsschreibung von unten an.

Bewertung: Die App bietet einen sogenannten Überlappungsmodus an (Overlay-Modus). Dabei lässt sich die Realität und das historische Bild durch einen Schieberegler miteinander verschränken. Vor allen Dingen vor Ort ist diese Funktion besonders interessant, weil der Zahn der Zeit besonders gut sichtbar wird. Allerdings gibt es bisher recht wenig Bilder, die bei Historypin zu finden sind.

Anwendung im Seminar: Mit der App kann eine sehr praktische Auseinandersetzung mit Geschichte erfolgen. Dazu ist allerdings historisches Bildmaterial nötig. Sowohl private Fotoalben als auch Stadtarchive können dabei helfen, an geeignetes Material zu gelangen. So kann zum Beispiel der Alltag zu einer bestimmten Zeit aufgearbeitet und analysiert werden. Bestehendes und bei Historypin mit Orten verknüpftes Bildmaterial kann aber auch Geschichte anfassbar machen.

 



Berliner Mauerapp der BpB
Verfügbar für Android und Apple-Systeme

Berliner Mauerapp der BpB

Basierend auf Chronik-der-Mauer.de können hier 40 Orte rund um die Berliner Mauer erkundet werden. Zu jedem der Orte gibt es historisches Bildmaterial, zum Teil Audio- oder Videobeiträge. In einem speziellen Modus kann sich der Besucher der Hauptstadt von seinem Smartphone informieren lassen, wenn er oder sie in der Nähe eines POIs ist (Point of Interest = Ort von Interesse oder Sehenswürdigkeit). Es ist möglich, eine der vier vorhandenen Routen abzulaufen oder aber auch entlang einer Auswahl von Sehenswürdigkeiten eine eigene Route zu erstellen. Das Handy hilft dann bei der Routenführung.

Bewertung: Das zusammengetragene historische Material wirft einen Blick auf die Mauer, wie es kein gedruckter Stadtführer zu leisten vermag. Die Mauer von der heute in Berlin kaum noch etwas zu sehen ist, wird zum Leben erweckt und schaut auch jenseits der touristischen Highlights auf ein Stück deutsche Nachkriegsgeschichte.

Anwendung im Seminar: Wer in Berlin mit einer Seminargruppe den Ost-West-Konflikt thematisieren will, sollte sich diese App genauer anschauen. Die politische Hetze auf beiden Seiten, Ost wie West und viele andere, uns heute absurd erscheinende, Begebenheiten werden detailgetreu nacherzählt.  Die ausgewählten Orte sind in jedem Fall sehenswert und mit ein paar zusätzlichen Aufgaben für die vom Referenten ausgewählten Orte können die Teilnehmenden eine lehrreiche Route durch das geeinte Berlin nehmen.

 



Wikitude
Verfügbar für Android und Apple-Systeme

App: Wikitude

Die App hilft, mehr über seinen aktuellen Standort zu erfahren, in dem in das Kamerabild auf dem Smartphone zusätzliche Informationen angezeigt werden. Man nennt diese Form der Darstellung Augmented Realtity, also erweitere Realität. Neben Wikipedia-Artikeln, die mit Orten verknüpft sind, können auch rollstuhlgerechte Orte oder Museen und Denkmäler gefunden werden.

Bewertung: Die Fülle an Informationen erschlägt den Nutzer, auf der anderen Seite ist es eine interessante Art und Weise, die individuelle direkte Umgebung zu erforschen.

Anwendung im Seminar: Neben den schon genannten Verknüpfungen lässt Wikitude auch eine Verbindung zu Twitter und Facebook zu. Dadurch können die Wohnorte der “Freunde”, aber auch die Tweets von Followern in der direkten Umgebung angezeigt werden. Damit macht die App auch die Verschmelzung aus Internet und „richtiger Welt“ erfahrbar und diskutierbar.

 



Radio Aporee
Verfügbar für Android

Radio Aporee

In ihrem mittlerweile dritten Projekt hat das Deutschlandradio einige Stasi-Akten von den damals Beobachteten in Auszügen vorlesen lassen. An die 100 einzelne Hörbeiträge sind dabei entstanden. Wer sich in Berlin im vereinbarten Radius bewegt, wird die Audiodokumente hören können und  kann sich so auf die Spur der von der Stasi beobachteten Protagonisten machen.

Bewertung: im Artikel "Berlin bläst zum Lauschangriff" auf Spiegel online.

Anwendung im Seminar: Diese App setzt für den Einsatz im Seminar Berlin als Seminarort voraus. Dort kann das Spiel mit Sicherheit mit den Möglichkeiten der damaligen Überwachungstechnologien für die heutigen Datensammlungsvorhaben sensibilisieren und eine Auseinandersetzung zur Privatsphäre vor dem historischen Hintergrund ermöglichen.

 



Inspector Tripton
Verfügbar für Android und Apple-Systeme

App: Inspector Tription

Es handelt sich um ein Spiel bei dem ein fiktiver Mord aufzuklären ist. Bei diesem Spiel müssen sich die Teilnehmenden durch ein Dickicht an Indizien graben. Um an die einzelnen Informationen zu gelangen müssen unterschiedliche Orte aufgesucht werden. An den Orten werden die Spieler von Akteueren erwartet, in dem die Kamera des Smartphones die virtuellen Gesprächspartner in die Realität integriert. Sind am Ende alle Informationen eingesammelt, kann der Mörder gestellt werden.

Bewertung: Die App erzählt eine fiktive Geschichte, auf dieser Ebene sind jedoch weitere Spiele in Planung, die auch reale, historische Handlungen darstellen und erlebbar könnten.

Anwendung im Seminar: In der Variante der Stadt Berlin sind in der Geschichte die historischen Grenzen und damit der Mauerverlauf einzusehen. Der Augmented Reality Modus bietet hierbei jeweils einen Blick auf die Ost bzw. die Westseite der Mauer. Um sich spielerisch die Stadt anzueignen, ist Inspector Tripton in jedem Fall gut geeignet.


Fazit

Einige Apps erfordern einen dauerhaften Zugang zum Internet. Allerdings birgt diese Abhängigkeit auch die erhöhte Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Entweder ist die Verbindung zu langsam oder zu unzuverlässig. c:geo und Inspector Tripton kommen während der Nutzung ohne einen Internetzugang aus. Bei den anderen Apps ist eine zuverlässige Anbindung auch in bewohnten Gebieten nicht immer gewährleistet und kann den gewünschten motivierenden Effekt in sein Gegenteil verkehren, wenn die Seminargruppe einen Großteil ihrer Zeit aufwenden muss, um den Internetzugang herzustellen.

Viele der vorgestellten Apps nutzen den motivierenden, spielerischen Zugang zu Inhalten aus. Dennoch bleibt es der Seminarleitung überlassen, die Erlebnisse der Teilnehmenden zu reflektieren und in den Erkenntnisprozess zu integrieren. Das heißt, die App allein sorgt nicht für den Lernerfolg, sondern stellt nur eine interessante, vielleicht sogar neue Form dar, Informationen zu gewinnen, die sich an den Erwartungen der Teilnehmenden orientieren.

Eine besondere Rolle spielt bei der GPS-basierten politischen Bildung die Emotionalisierung des Ortes. Es geht bei dieser Form des Lernens weniger um die Sammlung von Fakten, als vielmehr um eine erlebnisbezogene, diskursorientierte Aneignung von Standpunkten. Bildung jenseits des Seminarraums ist der sprichwörtliche Blick über den Tellerrand und kann in vielen Fällen zu deutlich diffuseren Lernergebnissen führen.

Der ortsbezogene Lernansatz erfordert auch von den Teilnehmenden einen induktiven Lernweg. Es wird also vom Besonderen auf das Allgemeine geschlossen, ohne dabei die Besonderheiten des Ortes zu vernachlässigen. Häufig ist den Lernenden nur der umgekehrte Weg geläufig, also vom Allgemeinen auf den Einzelfall zu schließen.
 

CC-Lizenz

CC-by-Lizenz, Autor: Guido Brombach für pb21.de (geändert und bearbeitet von: Landeszentrale, April 2013)

 

 

 
 

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