Leichte Sprache

Private und öffentliche Tugenden

Private Tugenden sind die der persönlichen Genugtuung, der Freundschaft, der familiäre Harmonie. Öffentliche Angelegenheiten belasten die Menschen nicht, weil sie ihre auf Privatheit gestellten Werte nicht berühren.

Öffentliche Tugenden sind solche des Miteinander-Auskommen von Menschen. Sie respektieren den Anderen und seine Sphäre. Das bedeutet aber nicht seinen Ausschluss aus Denken und Verhalten, sondern, im Gegenteil, seinen Einschluss, ohne indes die private Sphäre zu berühren oder aufzuschließen. Ihr formaler Charakter macht die öffentlichen Tugenden zu einer Bedingung der Möglichkeit der Freiheit.

Dort wird es spannend und gar nicht formal.

Der Mensch, der die privaten Tugenden des Rückzuges von den anderen über die öffentlichen Tugenden von Vertrag und Kooperation stellt, ist gewiß eine Version des unpolitischen Deutschen. (...) Wie verhält sich der unpolitische Deutsche also, wenn er sich politisch verhält?“ (Dahrendorf 1968a, S. 360f *)

Ein Exempel dafür hat der Fall von Helmut Kohl geliefert, eine der politischsten Personen der Zeitgeschichte, als er bei Gelegenheit der Schwarzgeldkonten den persönlichen Ehrenkodex über das öffentliche Gesetz stellte.

Wenn eine Gesellschaft nämlich 'Vertrauen und Solidarität im Rahmen der Kooperation’ nicht kennt oder nicht für wichtig hält, dann treten auch an die Stelle dieser öffentlichen Tugenden privatere der Wahrhaftigkeit und Treue, intimere der Freundschaft und Gemeinschaft, gesellschaftsfremdere der autarken Persönlichkeit.“ (Dahrendorf 1968a, S. 348 *)

Die Frage nach den öffentlichen Tugenden in Deutschland bekommt an Gewicht, wenn sie mit Lebensbeobachtungen aufgewogen werden. Die Wahlbeteiligung ist oft höher als in anderen Ländern. Meinungsforschungsergebnisse bestätigen eher das Interesse an politischen Fragen, als dass sie es widerlegen. Demokratische Institutionen werden akzeptiert, wenngleich äußerlich und gleichgültig. Im Bild von Gesellschaft treten Motive der Öffentlichkeit zurück gegenüber denen von Weltanschauung und Weltbild. Politik und Demokratie erscheinen als ein Pflichtfach, wo nach dem Klingelzeichen „Politik“ und „Demokratie“ auf der Zunge zu liegen haben, verbunden mit dem geheiligten Bekenntnis zur FDGO.

Die funktionierende Demokratie verlangt weder Wahlbeteiligungen von 99% noch die permanente Politisierung der gesamten Bevölkerung; beides kennzeichnet vielmehr den Notstand der Freiheit, wenn nicht schon ihre völlige Beseitigung in der totalitären Utopie. Die funktionierende liberale Demokratie verlangt jedoch einen Sinn für Öffentlichkeit, für den Markt der Menschen und seine Regeln, den der entbehrt, der sich allzu sehr in die privaten Tugenden verliebt.

Die öffentlichen Tugenden haben zumal in der modernen Gesellschaft, die nicht mehr aus kleinen Kantonen besteht, ihren Ort viel eher in der Familie, im Klassenzimmer, im Straßenverkehr, auf dem Sportplatz, an der Arbeitsstätte, bei Einkaufen, in der Begegnung mit Fremden als im unmittelbar politischen Bereich. (...) Für die öffentlichen Tugenden gibt es (...) hinreichend Raum; (...) entscheidend sind für sie nicht die Institutionen, in denen sie (Demokratisierung, Öffentlichkeit) erfolgt, sondern die Tugenden, die die Menschen regieren.“ (Dahrendorf 1968a, S. 339 *)

Das ist eine unerwartete Wendung der Dinge. Sie führt zum Kern des Problems.

Es gilt als ausgemacht, dass es eine besondere Nähe der Familie zu den Tugenden der Privatheit, der Schule zu denen der Öffentlichkeit gibt. Indes ist Familie nicht, bloß weil sie privat ist, notwendigerweise auf Privatheit, und eine Schule, bloß weil sie öffentlich ist, auf Öffentlichkeit gerichtet. Familie kann öffentliche Tugenden vermitteln und in ihrer eigenen Struktur verankern, was für manche Länder kennzeichnend sein mag, für Deutschland gewiss nicht. Auf der anderen Seite übt Schule nicht dadurch öffentliche Tugenden, indem sie eine öffentliche Einrichtung ist und im Unterricht politische Erziehung bereitstellt. In Deutschland gilt, wider allem Anschein, bis in die Gegenwart hinein trotz allgemeiner Schulpflicht Familie als tragender Grundstein staatlicher Sittlichkeit, von der Verfassung als Elternrecht geschützt.

In dem Maße, in dem die Familie der Schule vorgeordnet wird, begründet eine Gesellschaft mit der Vorherrschaft der privaten Tugenden auch die autoritärer politischen Institutionen; umgekehrt verbieten soziale Strukturen den Autoritarismus in dem Maße, in dem sie die Schule der Familie vorordnen und damit die öffentlichen Tugenden pflegen. (...) Ihr Charakter als Lernschule verbietet es ihr in Deutschland geradezu, mit einem eigenen, parallelen, prinzipiell öffentlichen Erziehungsansatz der Prägung durch die Familie eine andersartige formative Kraft an die Seite zu setzen.“ (Dahrendorf 1968a, S. 354 *)

Erst jetzt ringt sich eine der staatstragenden Parteien zu einem anderen Verständnis von Familie und Schule durch, nicht durch den äußeren Druck der Umstände, sondern durch den Umstand äußersten Druckes. Erst jetzt wird die Kita als Bildungseinrichtung angenommen. Erst jetzt wird die Stellung der Schule in der Gesellschaft nicht vom System, sondern von der Substanz her diskutiert, auch wenn man befürchten muss, dass PISA-Studien oder Rütli-Briefe eher am Renommee kratzen, als eine neue Rangfolge veranlassen. Auch die Anrufung einer „Leitkultur“ ist an tradierten Leitbildern der Vormoderne orientiert. Es geht bei all dem nicht darum, ob bzw. dass die deutsche Schule schlecht sei. Es geht allein darum, dass auch in der Schule die öffentlichen Tugenden in die Inhalte, die Methodik und die Strukturen eingreifen und sich die Familie darauf hin öffnet.

Die Prävalenz der privaten Tugenden vermag die Verfassung der Freiheit nicht sozial zu verankern; diese verlangt vielmehr die öffentlichen Tugenden, die den Einzelnen auf das unbelastete Verhältnis zu anderen verpflichtet. (...) Einer der Gründe für die Pathologie der liberalen Demokratie in Deutschland liegt im durch alle Wandlungen aufrecht erhaltenen Vorrang der Familie vor der Schule. (...) Dies alles dient der Perpetuierung autoritärer Strukturen schon darum, weil es die Unmündigkeit in den öffentlichen Dingen bei den Menschen stärkt. (...)

Man kann Familie und Schule so wollen, wie sie in Deutschland sind, aber man kann nicht zu gleicher Zeit dies und die Verfassung der Freiheit wollen. Wer also eine Familie mit umfassendem Erziehungsanspruch und eine ästhetische Bildungsschule mit Unterrichtscharakter will, hat sich damit schon gegen die politischen Strukturen der liberalen Demokratie entschieden.“ (Dahrendorf 1968a, S. 357f *)

Noch keine Bewertungen vorhanden