Leichte Sprache

Linke Alternative: Demokratie zwischen Dogma und Denken

am Beispiel von Brecht und Lukács

Das Demokratie-Problem hat Brecht nicht weiter berührt. Für ihn war es eine taktische Frage neben anderen. Das Versagen der bürgerlichen Demokratie vor dem Faschismus bestätigte den kommunistischen Vorbehalt ihr gegenüber. In der Emigration kamen ihm erste Zweifel an seiner Haltung. An Ernst Bloch schrieb er:

Wir haben die Güte verlacht, die Humanität durch den Kakao gezogen. Das war vor der Niederlage. Jetzt stoßen wir ein Geheul aus und betteln um Demokratie als Almosen.“ (in: Mittenzwei 1986, S. 533ff *)

Dabei hatte er schon zeitig Überlegungen zum Verhältnis von Arbeiterschaft, Institutionen und Demokratie angestellt, die in unserem Zusammenhang interessant sind.

die arbeiterschaft war daran gewöhnt worden, ihre interessen durch die demokratischen institutionen der parlamente und parteien der parlamente sowie durch die gewerkschaften wahrzunehmen. Die auflösung dieser institutionen usw machte die arbeiterschaft organisations- und hoilflos. (...) die schließung des freien arbeitsmmarktes hat mit ihrer verlegung des schwergewichts der klassenkämpfe vom ökonomischen zum politischen Bezirk die arbeiterschaft in verwirrung gestürzt, da ihre organisationsformen damit überholt und veraltet waren.“ (Brecht 1977, S. 266f *)

Beim Vergleich deutscher mit amerikanischen Verhältnissen setzte er Demokratie als Funktionale der Ökonomie.

hier hat man einen direkt vom bürgertum eingerichteten staat vor sich, der sich natürlich keinen augenblick schämt, bürgerlich zu sein. Das parlament ist mehr oder weniger eine agentur und handelt und spricht als solche. Das ist kaum korruption, da kaum eine illusion besteht. (...) von diesem geschäftsgeist kann man sich gewisse niederlagen für hitler erwarten, teure niederlagen, aver eben doch niederlagen.“ (Brecht 1977, S. 226f *)

So kam es, dass Brecht angesichts von Propaganda und Praxis des „american century“ in seinem Gedicht „Freiheit und Democracy“ (1947) amerikanische Demokratie in eins setzte mit amerikanischer Politik. Sie konnte dadurch leicht denunziert, missverstanden, gar nicht verstanden werden. 1948 notierte er:

das bürgertum veranstaltet jetzt im weltmaßstab ein generalaufgebot der intellektuellen für einen kreuzzug der westlichen zivilsation. wissenschaftler, techniker, künstler und das riesige konglomerat der ingenieure der öffentlichen meinung werden unter ein system gesetzt, das den ökonomischen druck der demokratie mit dem politischen des faschismus ergänzt. den intellektuellen verschleiert sich der diktaturcharakter der bürgerlichen demokratie auch dadurch, dass der faschismus als ein absoluter gegensatz zur demokratie dargestellt wird, nicht als ihre natürliche andere phase, in der die bürgerliche diktatur nackter auftritt.

gerade der verlust der individuellen freiheiten im kapitalismus macht die intellektuellen oft zu rasenden verteidigern der puren fiktion der freiheit. die proletarische diktatur beseitigt mit der kapitalistischen anarchischen produktionsweise den darauf basierenden begriff der bürgerlichen freiheit. das proletariat befreit sich als die größte produktivkraft. in einem ungeheuren massenprozeß produziert die masse sich frei.“ (Brecht 1977, S. 443 *)

Brecht war wieder am Ausgangspunkt (s.o.) angelangt.

Einen anderen Weg schlug der gleiche linke, kommunistische Intellektuelle Georg Lukács ein. Schon vor 1933 hatte er die Gleichgültigkeit gegenüber der Demokratiefrage in der kommunistischen Bewegung kritisiert. 1943 kam er, nicht zufällig in seiner Studie „Über Preußentum“, zu dem Schluss:

Ein Land ohne wirkliches öffentliches Leben, ohne eine wirksame und machtvolle öffentliche Meinung, ohne lebendige und aktive politische Interessen, ohne nationale Mittelpunkt muß entweder in den verzerrtesten und entartetsten, ärmlichsten Formen der absolutistischen Periode stecken bleiben, oder es wird die Ideen der Zeit ohne gesellschaftliche Kontrolle ihrer realen Anwendbarkeit (...) gewissermaßen im luftleeren Raum zu Ende führen du die Geistesschlachten in den Himmel der Ideen verlegen.“ (Lukács 1985, S. 410f *)

Zuvor hatte Lukács die preußisch-deutschen Verhältnisse an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert analysiert, den Widerspruch zwischen den entfalteten Produktionsverhältnissen, der enormen wirtschaftlichen Entwicklung, und dem Stehenbleiben bei der Bürokratie als der herrschenden Organisationsform des modernen Staates, der neuen bürgerlichen deutschen Gesellschaft, in der es

kleine demokratische Vergesellschaftung, keine ständige Kontrolle des staatlichen Apparates durch das öffentliche Leben erfolgt und die Individuen überhaupt außerhalb des Politischen stehen. (...) Ganz anders sind diese Probleme in einer freien und demokratischen Gesellschaft gestellt. Das breiter entfaltete öffentliche Leben gestattet und erfordert eine freie Verantwortung der Entschlüsse für jedes Individuum in jeder entscheidenden Lage.“ (Lukács 1985, S. 411f *)

Lukács war sich im klaren darüber, dass die Demokratie kein Allheilmittel gegen die sozialen Krankheiten des modernen Lebens darstellt. Gleichwohl bemühte er nicht die orthodoxen Klassenkampfthesen, sondern stieß, wenigstens für kommunistisches Denken, zu neuen Ufern vor.

Korruption, Cliquenherrschaft, offene oder versteckte Brechung des Rechts, Ausnützung der politischen Macht zur Benachteiligung der Armen sind in Demokratien ebenso möglich wie in undemokratisch organisierten Staatswesen. Der Unterschied besteht 'bloß’ darin, da in den Demokratien die Waffe der öffentlichen Meinung gegen Mißstände zur Verfügung steht (...), während es der Bürokratie der offen oder versteckt 'autoritären’ Staaten fast immer gelingt, ihre Mißstände, ihre ungesetzlichen Maßnahmen unter der Flagge des 'Staatsinteresses’ der Kritik der öffentlichen Meinung zu entziehen.“ (Lukács 1985, S. 412f *)

Noch einmal stellt Lukács den Zusammenhang von Freiheit, Demokratie und Individuum in „Schicksalswende“, seinem 1948 in Deutschland herausgekommenen Buch, dar.

Diese Verherrlichung der politischen Unfreiheit und Rückständigkeit Deutschlands verkrüppelt in jedem einzelnen Deutschen die demokratische Selbstachtung, die auf öffentliche Meinung appellierende und mit ihr tief verbundene persönliche Selbständigkeit, die eben deshalb oft tapfer gegen den Strom zu schwimmen wagt (Zola und Anatole France in der Dreyfus-Affäre), die echte Ehrfurcht vor der eigenen Persönlichkeit und dem eigenen Menschentum, vor der Persönlichkeit und dem Menschentum anderer, seien es einzelne Menschen oder ganze Völker. Die Entwicklung bedeutender Deutscher wie Thomas Mann zeigt deutlich, dass die demokratische Freiheit auch auf dem Gebiet der Politik erfasst werden muß, um zum tiefwirkenden weltanschaulichen Faktor zu werden.“ (Lukács 1948, S. 353 *)

Vor diesem Hintergrund nimmt sich der demokratische Hintergrund in der ostdeutschen Entwicklung nach 1945 bemerkenswert originär aus, stand doch ein solches Denken und solches Buch erst 1948 zur Verfügung. Dass sich die Politik darüber hinweg setzte und diese Keime demokratischer Selbstfindung zerstörte, ist ein anderes Kapitel. In unserem Zusammenhang ist wichtig festzuhalten, dass es sie gab, im Denken und im gesellschaftlichen Leben.

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