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Islamisches Leben in Brandenburg

Brandenburg hat seit 2015 25.000 geflüchtete Menschen aufgenommen. Ein großer Teil von ihnen kommt aus islamisch geprägten Ländern. Was wissen wir über unsere neuen Mitbürger? Die Landeszentrale hat bei der Landesintegrationsbeauftragten Doris Lemmermeier nachgefragt.
Muslim auf Gebetsteppich

Frau Lemmermeier, für viele Menschen in Brandenburg ist der Anblick von betenden Muslimen neu. Neugier und Ängste sind damit gleichermaßen verbunden. Was sagen Sie ihnen?

Ich habe Verständnis für beide Gefühle, wobei ich in den zahlreichen Veranstaltungen in Brandenburg, die ich in meiner Funktion in den letzten Jahren besucht habe, eher auf Neugier gestoßen bin. Auf eine große Offenheit, mehr zu erfahren über die Menschen, die nach ihrer Flucht jetzt in Brandenburg leben. Die Angst, von der Sie sprechen, entspringt nach meiner Erfahrung häufig aus Unkenntnis und mangelnder Information. Nicht hinter jeder Frage steckt auch gleich ein Angstgefühl.

Eine der Fragen, die auch die Landeszentrale erreichen, ist, was wir über die Menschen wissen, die zu uns nach Brandenburg geflüchtet sind. Was wissen Sie? 

Doris Lemmermeier

Dr. Doris Lemmermeier, Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg im Gespräch mit der Landeszentrale

Wir wissen Einiges, aber wir wissen noch nicht genug. So würde ich den momentanen Stand beschreiben. Wir wissen in der Regel, aus welchen Ländern die Menschen kommen. Wir wissen aber sehr wenig über die Religionszugehörigkeit.

Es gibt Statistiken für Deutschland, nach denen derzeit rund 98 Prozent der Muslime in Westdeutschland und Berlin leben. Nur etwa 2 Prozent von ihnen leben in den ostdeutschen Ländern. Wie viele Muslime in Brandenburg leben, wissen wir gar nicht genau.

Ich werde immer wieder von Bürgerinnen und Bürgern gefragt, wie das sein kann, dass wir nicht wissen, wer da zu uns ins Land kommt. Die Erklärung dazu liegt in unserem Grundgesetz. Religion ist Privatsache. Religionszugehörigkeit ist in Deutschland eine freiwillige Angabe. So wird auch bei den statistischen Erfassungen wie dem Mikrozensus und ähnlichem verfahren. Auch Katholiken oder Protestanten müssen keine Angaben zu ihrer jeweiligen Konfession machen.

Aber das, was in Brandenburg in den Moscheen gepredigt wird, wirft schon die Frage auf, welches muslimische Leben sich hier entwickelt und was die Regierung tut, um sicherzustellen, dass nichts gepredigt wird, was unserem Grundgesetz widerspricht.

Sie sprechen die Auseinandersetzungen um das Buch von Constantin Schreiber „Inside Islam“ an. Natürlich nehmen wir solche Aussagen ernst, auch wenn das Buch bei genauer Lektüre einige Fragen aufwirft – es ist meines Erachtens eher tendenziös geschrieben.

Konkret haben wir momentan kaum Erkenntnisse darüber, welche Richtungen des Islam in Brandenburg vertreten sind.  Nach meinem Kenntnisstand ist der Verein der Muslime in Potsdam, um den es in dem Buch ja konkret geht, an Integration interessiert und nimmt auch an interreligiösen Gesprächen teil. Wir und auch die Stadt Potsdam sind im Austausch mit dem Verein.

Als Landesintegrationsbeauftragte bin ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen und dem zuständigen Ministerium, dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur dabei, zu überlegen, was wir von Landesseite aus tun können, um in Brandenburg stärker mit den muslimischen Gemeinschaften in Kontakt zu treten.

Das klingt alles noch sehr vage, was genau unternehmen Sie?

Ein konkretes, aktuelles Anliegen ist die Suche nach geeigneten Orten, um die Ausübung des muslimischen Glaubens in Brandenburg zu ermöglichen. Bislang fahren viele Menschen noch nach Berlin, ohne dass wir wissen und auch nicht beeinflussen können, in welcher Moschee dort dann was gepredigt wird. Aber eine Predigt in der Moschee bildet noch lange nicht das muslimische Leben in seiner Gesamtheit ab, dies muss auch gesagt werden. Im Prinzip reden wir hier auch von ehrenamtlicher Arbeit, die in dieser Form hierzulande noch kaum bekannt ist. Die Imame arbeiten ehrenamtlich. Häufig übernimmt ein Mitglied der Gemeinschaft diese Aufgabe. Die Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten hat gerade erst begonnen.

Wie sieht es denn gegenwärtig aus, das muslimische Leben in Brandenburg?

Der Organisationsgrad der Muslime in Brandenburg ist  sehr unterschiedlich. Wie es auf dem Land, im ländlichen Raum aussieht, darüber wissen wir kaum etwas. Wir hören verstärkt von kleineren Städten, dass sich Gemeinschaften bilden: in Senftenberg und Luckau zum Beispiel. In den drei großen Städte Cottbus, Frankfurt (Oder) und Potsdam gibt es bereits muslimische Vereine. Dort setzen wir an. Vor kurzem hatte ich ein erstes Treffen mit allen drei Vereinen. Diese Gesprächsrunde wollen wir fortsetzen.

Was besprechen Sie in diesen Runden?

In diesen Runden sprechen wir mit Menschen, die schon viele Jahre in Deutschland leben. Der Austausch dient  dazu, gemeinsam Lösungen für ganz konkrete Fragen des Alltags zu finden: Wo können die Mitglieder beten, vor allem das Freitagsgebet, bei dem die Zahlen sehr stark gestiegen sind. Frauen können meist gar nicht mehr zum Gebet, weil die Räumlichkeiten gar nicht ausreichen, um ihnen einen extra Raum zu bieten. Wir stehen vor einer für uns neuen Situation.

Seit Herbst 2015 ist die Zahl der muslimischen Gläubigen in Brandenburg sprunghaft gestiegen. Darauf war niemand vorbereitet. Daraus ergibt sich auch die Herausforderung der Verständigung der länger hier lebenden Muslime mit den neu hinzugekommenen. Da treffen striktere und liberalere Auslegungen des Islams zwischen alteingesessenen Migrantinnen und Migranten und unlängst Geflüchteten aufeinander. Auch Geld ist ein Thema, denn die muslimischen Gemeinden finanzieren sich ausschließlich über Spenden. Geflüchtete Menschen haben aber in der Regel kein Geld für Spenden.

Was haben Sie als Landesvertreterin in diesen Gesprächen zu bieten?

Zunächst hören wir zu. Aber wir helfen auch direkt. Zum einen finanziell: so unterstützt die Integrationsbeauftragte die Beratungstätigkeit des muslimischen Vereins in Potsdam seit 2016. Auch das MWFK stellt zur Unterstützung der muslimischen Glaubensgemeinschaften in Brandenburg Mittel bereit. Zum anderen bieten wir uns auch als Netzwerkplattform an. Zum Beispiel gibt es seit kurzem Vertreterinnen bzw. Vertreter der muslimischen Glaubensgemeinschaften im Landesintegrationsbeirat.

Insgesamt klingt es so, als wäre noch nicht viel über die hier lebenden Muslime bekannt?

Da haben Sie Recht, wir stehen noch ganz am Anfang seitens des Landes. Aber das ist auch gar nicht anders möglich. Alle Beteiligten lernen gerade unglaublich viel in einer unglaublich kurzen Zeit voneinander und übereinander. Ich bin optimistisch, dass wir deshalb schnell Fortschritte machen. Ich weiß aber auch, dass es Menschen gibt, die nicht so zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Was antworten Sie ihnen?

Ich antworte in diesem Fall mit einer Gegenfrage: Wir reden von Menschen, die in Brandenburg Schutz suchen. Viele von ihnen werden hier bleiben. Man kann sich entscheiden, ihnen dabei zu helfen, sich zu integrieren und selbst in diesem Prozess dazuzulernen, denn auch das gehört zur Integration dazu. Oder man lässt es. Und dann?


Landeszentrale, April 2017
 

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