Leichte Sprache

Gemeinsame Identität

Christoph Korneli glaubt, dass die Geschichte Spuren in der Mentalität der Menschen hinterlassen hat. Es sei schwierig, Unterschiede festzumachen, schließlich saßen sie oft in einem Boot. Brandenburger und Sachsen waren "DDR-Bürger" mit verordneter gemeinsamer Identität.

Christoph Korneli, Jahrgang 1954, aus Dresden. Foto: Malou von Simson

Christoph Korneli, geb. 1954 in Dresden, immer wieder Beutemärker seit 1978

Ein bisschen Spott ist spürbar, wenn er spricht. Liegt das an den Sachsen oder an der Frage nach Mentalitätsunterschieden? "In Deutschland", stellt er dann sachlich fest, "gibt es eine regionale Identität wie kaum in einem anderen Land." Die Kleinstaatlichkeit habe in Deutschland dafür gesorgt, dass es  viele unterschiedliche Bräuche, Traditionen und Rituale gibt. Christoph Korneli, der dieses Bild entwirft, ist von Beruf Ethnograph. An der Humboldt-Universität hat er in den 70er Jahren Völkerkunde studiert.

Im Vergleich zu der Hauptstadt kam ihm damals seine Geburtsstadt Dresden wie Provinz vor. Trotzdem ließ er sich sein Eigenbewusstsein als Sachse in Berlin nicht nehmen. In Berlin lebten damals, und wohl auch heute noch, viele Sachsen. Sie waren anders als die Berliner und die Berliner waren anders als sie: Die Sachsen empfanden die Berliner als sehr grob von ihrer Art her und die Berliner liebten es, die Sachsen zu "verscheißern".

Sind die Sachsen freundlicher? Sie sind anders, antwortet der gebürtige Sachse und erläutert: Wenn man in Berlin in einem Kiez jemanden fragt, wo eine Straße ist, bekommt man zur Antwort: „Wees ick doch nich“ – fragt man am Stadtrand von Dresden einen Sachsen, wird er nicht nur groß und breit erklären, wie man hinkommt (egal ob er es weiß oder nicht), er wird auch fragen: „Na – zu wem woll’n se denn?“

Christoph Korneli kommt zu dem Schluss: Die Sachsen haben einen narrativen Charakter. Den Komplex, ein bisschen Provinz zu sein, hätten die Sachsen allerdings nie ganz abgelegt. "Durch eine fokussierte Wahrnehmung der eigenen Geschichte und des kulturellen Umfelds, geraten die Dresdner manchmal in ein schon fast skurriles Elitebewusstsein hinein."

Christoph Korneli scheut sich davor, Klischees zu strapazieren, glaubt aber, dass die Geschichte Spuren in der Mentalität der Menschen hinterlassen hat. Es sei aber schwierig, Unterschiede wirklich festzumachen. Schließlich saßen sie auch oft in einem Boot. So waren beide "DDR-Bürger". Eine gemeinsame Identität wurde ihnen verordnet. Die heutigen Bundesländergrenzen entsprechen nicht den einstigen Bezirksgrenzen. Alle waren vor allem eins: DDR-Bürger.

Das Ende des 2. Weltkriegs markiert in Sachsen eine große Zäsur. Das bildungsbürgerliche Dresden rutschte plötzlich in den Osten und nicht nur das, sondern in den äußersten Osten. Dresden fühlte sich wie das fünfte Rad am Wagen und ist in der DDR auch eindeutig so behandelt worden, so Christoph Korneli. Das führte dazu, dass in Dresden die Nachkriegsgeneration entweder ganz intensiv sozialistisch-kommunistisch wurde oder in eine bürgerliche Nostalgie verfiel.

Doch wie immer nahmen die Sachsen auch ihre Vorteile wahr. Ihm fällt der Witz mit dem Gänsefleisch ein und er bezieht sich damit auf die Sachsen, die häufig Grenzsoldaten waren. Der Witz geht so: Genn'se vleisch mal'n Gofferraum offmachn? "Der Sachse ist der geborene Funktionär", amüsiert sich Christoph Korneli, "der Ordnungshüter, der Selbstgerechte".

Zu DDR-Zeiten gab es aber noch eine ganz andere Annäherung von Sachsen und Brandenburgern: In den 1960er Jahren wurde Brandenburg mit seinen vielen Seen und der dünnen Besiedlung zu einem beliebten Urlaubsziel für die Sachsen. Sie haben sich vernetzt, zusammen Idyllen geschaffen unter dem Motto - "nichts Besonderes, bisschen hübsch und gemütlich muss es sein".

Weltweit fänden Sachsen immer wieder zusammen. "Ich mache schon immer meine Witze, wenn wir irgendwohin kommen. 'Ich muss mal gucken, ob ich hier jemanden kenne.' - ein Brandenburger würde das niemals machen. Der würde sich sagen: 'Hoffentlich kenn ick da keenen.'"

Text: Barbara Tauber, 2014
für die Wanderausstellung "Wir Beutesachsen, ihr Beutemärker"

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