Leichte Sprache

Inbegriff des Understatements

Brandenburg, das ist der Inbegriff des Understatements, meint eine junge Frau aus Cottbus. "Brandenburger sind ganz klar und direkt: Plan machen und loslegen. Ich bin auch so. Ich will, dass es losgeht. Schlimm, wenn jemand ewig nicht in die Pötte kommt."

 Anne-Kathrin Schöler-Rensch, Jg. 1981 aus Cottbus.  Foto: Amac Garbe

Anne-Kathrin Schöler-Rensch, geb. 1981 in Cottbus, Beutesächsin seit 2001 

Ich komme vom Dorf. Der Kontrast zwischen Stadt und Land ist für mich prägender als die Unterschiede zwischen Sachsen und Preußen. Als ich zum Studium nach Dresden zog, war die erste Reaktion der Sachsen dort prompt: „Haha, eine aus der Provinz.“ Die Leute merkten an meinem ruppigen Dialekt sofort, wo ich herkam. In den ersten Jahren war ich jedes Wochenende zu Hause. Dresden hieß wirklich nur studieren. Ich wollte nicht so weit weg und Berlin war mir zu groß.

In Dresden ständig die Klischees über Brandenburg zu hören, war ich irgendwann leid: „In Cottbus sind alle Nazis. Oder Fans von Energie Cottbus.“ Was ich selten erwähnte: In meinem Heimatdorf war ich in der Funkengarde beim Karneval. Ich habe das unheimlich gern gemacht. Die Sachsen aber lachten sich kaputt darüber. Für Städter ist es schwer nachvollziehbar, wie es auf dem Land abgeht. Manche meinen sogar, der ostdeutsche Karneval sei ein Nachwendephänomen. Dabei ist unser Verein bereits über 60 Jahre alt.

Brandenburg ist der Inbegriff des Unterstatements. Wir erwarten nicht zu viel, sind zurückhaltend und stören uns an Prahlereien. Wir denken vielleicht auch, wir sind nicht so viel wert. Wenn sich dann aber jemand wohlfühlt in Brandenburg, ist es mir wichtig, das zu hören. Das bestärkt.

Vor einiger Zeit schrieb unser Bürgermeister in einem Grußwort, Brandenburger seien die blubbrigsten Bundesbürger. Da ist was dran. Man könnte sogar meinen, wir kultivieren diesen Status.  Bei uns unterhält man sich erst mal am Gartenzaun. Den Status hereinkommen zu dürfen, muss man sich „erarbeiten“. Brandenburger sind zunächst poltrig, aber mit einem Lächeln klopft man sie alle irgendwann weich und pflegt ein herzliches Verhältnis.

Auf dem Land sind die Menschen verbindlicher: Einmal verspätete ich mich zum Adventskranzbasteln, das jedes Jahr bei uns im Dorf stattfindet. Prompt erschien eine Delegation, um mich abzuholen. Wenn wir uns zum Adventskranzbinden treffen, dann wird da gefälligst auch gebastelt. Brandenburger sind ganz klar und direkt: Plan machen und loslegen. Ich bin auch so. Ich will, dass es losgeht. Schlimm, wenn jemand ewig nicht in die Pötte kommt.

Inzwischen bin ich ein Stadt-Land-Mischwesen. Meine lausitzischen Eigenschaften haben sich abgeschliffen wie die Kanten eines Steins, wenn ihn der Fluss bewegt. Wenn ich in Brandenburg bin, bekomme ich unsere Mentalität gespiegelt. Das macht sie mir nicht fremd, sondern noch vertrauter, und hat mich bestärkt, zurückzugehen. Das Stadtleben erfüllt mich nicht vollends.
 

Text: Dr. Tanja Kasischke, 2014
für die Wanderausstellung "Wir Beutesachsen, ihr Beutemärker"

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