Leichte Sprache

Ruppiger Umgangston

„Ich verlauf‘ mich lieber, als dass ich nach dem Weg frage“, erklärt Petra Reichelt, „mein Papa würde das umgekehrt machen. Der fragt lieber noch mal nach, auch wenn er den Weg schon weiß.“ Und dann kommt sie auf den ruppigen Umgangston der Brandenburger zu sprechen.

Eine Sächsin im preußischen Schloss: Petra Reichelt aus Dresden. Foto: Malou von Simson

Petra Reichelt, geb. 1964 in Dresden, Beutemärkerin seit 1986

„Wir waren früher richtig viel wandern! Bestimmt jedes zweite Wochenende sind wir zu irgendeiner Burg oder zu einem Schloss gelaufen.“ - Petra Reichelt, heute Kastellanin im ehemals kurfürstlich-königlichen Schloss von Caputh, ist in Dresden geboren und aufgewachsen und kennt Wanderungen von Kindesbeinen an. Mit dem Rucksack ging’s strammen Schrittes in die Umgebung. „Es herrschte eine freudig-erregte Stimmung und mein Vater hat sich meist schon auf der Zugfahrt mit allen unterhalten. Nach so einem Wochenende hatte man eigentlich immer jemanden Neues kennen gelernt.“

Auch als die Familie zum ersten Mal in Brandenburg am Storkower See Urlaub machte, ist sie gewandert. Dort hat Petra Reichelt aber auch das Schwimmen gelernt. - Was ihr zu Brandenburg als erstes einfällt? Das sind Wasser und vor allem der Himmel! Weil die Landschaft viel flacher ist, der Himmel weiter und anders strahlt.

Mit 22 Jahren wollte sie raus aus Dresden und in die weite Welt. Dass diese ausgerechnet in Brandenburg begann, lag an ein paar Dresdner Freunden, die hierher gezogen waren. „Hier wohnen viele Sachsen und andere Zugezogene; man muss lange suchen, bis man einen echten Einheimischen findet.“ Sie lacht und fährt amüsiert fort:

Eigentlich ist Preußen schon immer ein Einwanderungsland gewesen. Ausländer mussten schon im 17. Jahrhundert angeworben werden. „Scheinbar“, fügt sie lakonisch hinzu, „hat sich das bis heute gehalten“.

Petra Reichelt ist ein stiller Typ, entspricht nicht dem Klischee der „verquatschten Sächsin“. „Ich verlauf‘ mich lieber, als dass ich nach dem Weg frage“, erklärt sie, „mein Papa würde das umgekehrt machen. Der fragt lieber noch mal nach, auch wenn er den Weg schon weiß.“ Und dann kommt sie auf den ruppigen Umgangston der Brandenburger zu sprechen. Sie seien karg im Miteinander, doch nicht so maulfaul, wie an der Küste.

Sie muss es wissen, schließlich lebt sie schon lange mit einem Brandenburger zusammen. Sie habe allerdings nicht gerade den wortkargsten unter ihnen erwischt, meint sie augenzwinkernd. In dieser Beziehung sei er schon eher der Sachse von beiden. Aber sie kennt auch eine andere Seite an ihm: Er kann ganz schön muffelig sein. Dann spricht er kaum, wirkt so, als habe er extrem schlechte Laune. Dabei habe er überhaupt keine schlechte Laune, wolle nur für sich sein. So ist der Preuße halt.

Im Schloss Caputh wimmelt es indes im Sommer nur so von Sachsen und Thüringern, die am Schwielowsee ihren Urlaub verbringen.  Woher jemand kommt, ist ihr egal. Aber wenn sie eine Dresdnerin hört und diese auch noch ein netter Mensch ist, dann verspürt sie in sich schon ein gutes Gefühl. Die Kastellanin klopft mit ihrer Hand ans Herz und weiß umgekehrt zu berichten: Sachsen können auch latent pessimistisch eingestellt sein und ganz schön wortreich meckern. Kommt dann so ein schwafelnder, sehr wichtigtuerischer Prototyp dieses Sachsen, löst das in ihr ein eher peinlich-berührtes Gefühl aus.

Seitdem sie älter wird, denkt sie eher einmal über Heimat nach. Das mag auch an den Kindern liegen. Diese erinnern sie an ihre eigene Kindheit in Dresden und sie weiß, dass das eine sehr glückliche Kindheit war. „Die Herkunft ist wichtig“, fasst Petra Reichelt zusammen, „und spielt im alltäglichen Leben nun auch wieder keine große Rolle.“ Ihre Asche, sagt sie, müsse später einmal in gleichen Teilen in der Sächsischen Schweiz, dem Fläming und der spanischen Extremadura verteilt werden. Nur ein wirkliches Minus habe Brandenburg: Es gäbe einfach zu wenig Burgen – von denen gibt es in Sachsen sehr viel mehr.

Text: Barbara Tauber, 2014
für die Wanderausstellung "Wir Beutesachsen, ihr Beutemärker"

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