Leichte Sprache

Saupreuß

Am ersten Arbeitstag wurde Konrad Voigt mit „na, du Saupreuß!“ begrüßt. Sachsen sind Fremden gegenüber erst mal zurückhaltend, zugeknöpft. Sie brauchen ein bisschen länger. Im Büro waren es vier Wochen, seitdem lachen die Kollegen auch über seine Witze.

Konrad Voigt, Jg. 1981 aus Zeuthen (Dahme-Spreewald. Foto: Amac Garbe

Konrad Voigt, geb. 1981 in Zeuthen (Dahme-Spreewald), Beutesachse seit 2007

Ich bin nach Sachsen gezogen, um in Dresden meinen Doktor zu machen. Mein WG-Zimmer lag unterm Dach, war mit 24 Quadratmetern inseriert und sollte 240 Euro warm kosten. Als ich bei der Besichtigung anmerkte, es sei viel kleiner, entgegnete ein Mitbewohner, die WG hätte die Gemeinschaftsfläche anteilig mit rein gerechnet: „Weil sonst keiner vorbeikommt.“ Obwohl er gebürtiger Essener war, hatte er sich in die sächsische Mentalität hineinversetzt. Sachsen sind clever und gesund skeptisch. Ich habe das Zimmer genommen.

An meinem ersten Arbeitstag begrüßte mich ein Dresdner Kollege mit „na, du Saupreuß!“ Mit ihm bin ich inzwischen eng befreundet. Sachsen sind Fremden gegenüber erst mal zurückhaltend, zugeknöpft. Sie brauchen ein bisschen länger. Im Büro waren es vier Wochen, seitdem lachen die Kollegen auch über meine Witze. Nicht immer, das liegt aber daran, dass sie einen anderen Humor haben und mehr auf Kalauer stehen. Und auf Kaffee. Die Sachsen sind dort, wo es Kaffee gibt.

Preußisch an mir finde ich meine Direktheit. Dadurch ergibt sich ein nettes Reiben der Mentalitäten aneinander. Die Sachsen urteilten auch, ich sei preußisch-exakt, einer, der mit dem Maßband ankommt. Dabei nehme ich es gar nicht so genau.

Aus Ausgleich vom Job spiele ich Theater. Meine Dresdner Friseurin hatte mich darauf gestoßen, indem sie sagte, in der Gruppe sei Jan-Josef Liefers groß geworden und die suche jetzt einen männlichen Darsteller. Tatsächlich war Liefers nur ein Jahr lang Mitglied des „HO Theaters“. Der Name geht zurück auf Hans Otto, der den umgekehrten Weg ging wie ich: Er zog als Sachse nach Preußen.

Im Ensemble bin ich der einzige Nicht-Sachse. Aktuell spielen wir „Eine Woche volle Samstage“ nach dem Kinderbuch von Paul Maar. Das habe ich als Junge gelesen. Verblüfft hat mich, dass keiner in Dresden das Buch vorher kannte. Ich spiele Martin Taschenbier, bei dem das Sams wohnt. Das Sams hätte ich noch lieber gespielt, aber meine Stimme war für die Rolle zu tief. Von einem Kollegen habe ich den Spruch gelernt: „Let the others shine“, lass die anderen scheinen. Das haben mir meine Mitspieler beigebracht, mich auch mal zurückzunehmen.

Sachsen sind gut darin, andere scheinen zu lassen. Die prahlen nicht. Die haben so eine Grundgemütlichkeit.

Die ersten zwei, drei Jahre in Dresden hatte ich Heimweh nach Brandenburg. Inzwischen bin ich beim Nachbarn angekommen. In meiner Wohnung habe ich ein Familienfoto, das im Wald bei Zeuthen aufgenommen ist: meine Eltern, mein Bruder und ich. Wenn ich übers Wochenende in Zeuthen bin, gehe ich immer denselben Weg durch diesen Wald, die Runde zum See und zurück. In meiner Wohnung hängt jetzt aber auch eine Stadtansicht von Dresden.

Text: Dr. Tanja Kasischke, 2014
für die Wanderausstellung "Wir Beutesachsen, ihr Beutemärker"


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