Leichte Sprache

Der Blick von außen

Es braucht Zeit zu begreifen, dass der Kreis rund um das magnetische Berlin seine eigene Anziehungskraft hat. Betrachtet man die Landschaft oft genug, während einer Zugfahrt vielleicht, und lässt sich auf die Schönheit ein, dann wird man früher oder später anhalten.

Sonnenaufgang über einem Getreidefeld in Brandenburg
Berlin zieht an. Es ist eine Stadt, die Menschen aus ganz Europa anlockt. Wir verlieben uns in Berlin, in die Geschichte, darin, dass die Stadt nicht fertig ist, aber immer in Bewegung. Berlin ist so groß, bietet so viele Versuchungen und hat eine so komplizierte Vergangenheit, dass es Zeit braucht, alles zu erkunden, kennenzulernen und ein Gefühl der Zugehörigkeit zu bekommen. Als ich 2008 mit einem Stipendium der Freien Universität nach Berlin kam, dauerte es viele Monate bis ich begann, meinen Blick zu heben und daran zu denken die Stadt an einem freien Wochenende zu verlassen.

Man gewöhnt sich an vieles und als das Leben in Berlin im Frühjahr 2009 allmählich alltäglicher wurde, kam der Gedanke auf, der Stadt den Rücken zuzukehren und etwas Neues zu sehen. Zusammen mit drei befreundeten Journalisten – einem Finnen, einem Slowaken und einem Tschechen – fuhr ich ins benachbarte Ausland, Polen, nach Stettin. Wir sahen den Hafen, suchten nach Spuren der Zeit, als die Stadt noch deutsch war und wir fühlten das Abenteuer. Auf der Rückfahrt stoppten wir in Penkun, einzig und allein deshalb, weil wir den Namen, der sich wie ein Ort in China anhörte, so komisch fanden. Der Ort wirkte total öde, aber vor dem Schloss trafen wir auf eine Frau, die uns anbot aufzuschließen, so dass wir es besichtigen konnten. Wir nahmen dankend an und bekamen ein paar schöne Zimmer mit prächtigen alten Möbeln zu Gesicht. Andere Räume waren voller verstaubter Stühle und Tische. Anschließend fuhren wir wieder zurück nach Berlin.

Das war mein erstes Brandenburg-Erlebnis, zumindest dachte ich das, bis ich den Auftrag für diesen Artikel erhielt. Da sah ich auf die Landkarte und entdeckte, dass Penkun in Wirklichkeit in Mecklenburg-Vorpommern liegt, eingeklemmt in einem schmalen Streifen zwischen Brandenburg und Polen. Trotzdem waren es dieses 500 Jahre alte, kleine, heruntergekommene Schloss und die freundliche einheimische Frau, die mein Interesse an Brandenburg weckten, an einer Landschaft, von der ich bis dahin nur gedacht hatte, dass man da durchfahren muss, um an die Ostseeküste, nach Polen oder in andere große Städte in Deutschland zu gelangen.
 

Viel mehr als Landwirtschaft und Durchfahrtsstraßen

Nun hatte ich kurz den Hauch der Geschichte gespürt und ich hatte das Gefühl, dass es da draußen noch viel mehr als Landwirtschaft und Durchfahrtsstraßen geben musste. Ich begann Orte in Brandenburg zu suchen, die für einen Tagesausflug in Frage kamen. Und das erwies sich als kinderleicht: ich genoss die Aussicht über den schönen Unteruckersee in Prenzlau, ich war in der Therme in Neuruppin, bewunderte Bertholt Brechts Haus in Buckow (und lachte darüber, dass Brandenburg so flach ist, dass die Märkische Schweiz nach der Alpenlandschaft benannt wurde). Ich radelte durch Potsdam, paddelte mit dem Kanu und kaufte Gurken im Spreewald, übernachtete im Schloss Neuhardenberg und spazierte entlang der Stadtmauer von Angela Merkels Heimatstadt Templin. Ich wusste also, bevor ich in Berlin gewohnt hatte, kaum etwas über Brandenburg und die meisten Norweger tun das auch nicht.

Während der Arbeit an diesem Artikel führte ich eine höchst unwissenschaftliche Untersuchung auf Facebook durch und fragte meine Freunde, was sie mit Brandenburg verbinden. Die häufigste Assoziation, die aus den knapp 40 Antworten hervorging, war das Brandenburger Tor, gefolgt von einem norwegischen Popsong, der 1990 beim Eurovision Song Contest ins Rennen ging und vom Fall der Berliner Mauer erzählt. Der Song heißt »Brandenburger Tor« und hat den äußerst einfachen Refrain:

Her står vi på Brandenburger Tor,
hånd i hånd som om det var i går.
Du og æ på Brandenburger Tor.
Vi ser Brandenburger Tor.

Hier stehen wir am Brandenburger Tor,
Hand in Hand als ob es gestern war.
Du und ich am Brandenburger Tor.
Wir sehen das Brandenburger Tor.

Der Song landete auf dem letzten Platz und die Menschen erinnern sich so gut daran, weil er zwar peinlich schlecht war, die Melodie sich aber trotzdem festbohrte und zu einem Ohrwurm wurde. Neben dem Song und dem weltberühmten Tor wurden folgende Assoziationen genannt:

Kohlegruben. Der Flughafen, der nie fertig wird. Bachs Brandenburgische Konzerte. Das Bundesland. Felder. Checkpoint Charlie, die Mauer und Reagans Rede »Herr Gorbatschow, reißen Sie die Mauer nieder.« Polen. Ausflüge, Grün, Natur. Theodor Fontanes Buch »Wanderungen durch die Mark Brandenburg«. Herrliches Wandergebiet. Potsdam. Spargel, Wald, Schloss Sanssouci. Preußen. Dunkeldeutschland. Rainald Grebe. Wandlitz. Landwirtschaftliche Erzeugnisse. Streusandbüchse.

Wie der Leser sicher an den breitgefächerten Antworten erkennen kann, habe ich einige Freunde, die in Deutschland wohnen, und andere die nur selten da waren. In der Regel wissen die Norweger kaum etwas über die deutschen Regionen. Man denkt eher an die großen Städte. Alle kennen Frankfurt (am Main natürlich und nicht an der Oder), deutlich weniger kennen Hessen. Ich würde behaupten, dass die meisten Norweger, die in Berlin waren, von Potsdam gehört (und es wahrscheinlich besucht) haben und auch von Schloss Sanssouci, aber die wenigsten dachten wohl darüber nach, dass es im Bundesland Brandenburg liegt.
 

Eine Beziehung zu Brandenburg

Wenn andere Journalisten und ich aus Orten in Deutschland für zu Hause schreiben, geben wir selten den Namen des Bundeslandes an, in dem wir uns befinden – wir berichten aus einer Stadt. Eigentlich verwenden wir die Namen der Bundesländer nur ab und zu im politischen Journalismus, in Verbindung mit Wahlen oder um Strukturen und Institutionen zu erklären.

Aber die Norweger, die nach Berlin ziehen, entwickeln oft eine Beziehung zu Brandenburg, so wie ich es selbst tat. Die längste Assoziationsreihe meiner Facebook-Untersuchung kam von einer norwegischen Frau, die seit der Vorwendezeit in Berlin lebt:

Stille, entvölkerte Dörfer, Wälder und Seen, biertrinkende Jungen an Tankstellen, Kartoffel- und Spargelfelder, graue Kleinstädte, renovierte Herrenhäuser und Schlösser, leistungsschwache Jugendliche, neue Radwege, Skateplätze, frustrierte Menschen, Alleen, Verkehrstote, Apfelbäume, Neonazis, schicke SPA-Hotels, große ruhige Seen. Und nochmal: Stille.

2010 kam ich wieder nach Berlin, diesmal als Korrespondentin. Ich setzte meine Reisen durch Brandenburg auf dem Weg nach Warschau oder Breslau, München, Frankfurt oder Hamburg fort und liebte es, aus dem Zugfenster auf die flache, beruhigende Landschaft zu schauen und die Gedanken schweifen zu lassen. Andere Male reiste ich gezielt an Orte in Brandenburg, wie nach Beelitz, um Reportagen zu schreiben. Ich glaube, dass die überwiegende Mehrheit der ausländischen Korrespondenten irgendwann dorthin reist, aber nicht alle kommen, so wie ich, in den Genuss, Spargeleis zu essen.

Ich fuhr auch zurück nach Neuruppin, diesmal, um dort Leute zu interviewen, die in der Hoffnung, in Norwegen einen Job zu finden, einen Norwegischkurs absolvierten, statt mich wie früher geniert über die FKK-Kultur in der schönen Therme zu wundern. Und die Geschichte, die mich so an Berlin fasziniert, findet sich selbstverständlich auch in Brandenburg wieder – in Sachsenhausen bei Oranienburg, wo viele der norwegischen Häftlinge während des Zweiten Weltkrieges interniert waren, in der Wandlitzer Waldsiedlung, durch die ich mit einem kleinen Elektroauto gefahren wurde, um zu sehen, wie die politische Elite der DDR gewohnt hat. Ich habe auch Eisenhüttenstadt und das dortige Stahlwerk besucht und gelernt, dass es entsprechende Städte auch in Polen und Ungarn gibt – drei Städte in drei Ländern wurden fast gleichzeitig als Wohnorte für Stahlarbeiter gebaut. Drei Städte, die alle einmal Stalinstadt hießen.

In Eisenhüttenstadt war ich erstaunt über das Desinteresse, das die Einwohner Polen entgegenzubringen scheinen. Ein anderes Land liegt nur einige Meter entfernt und die Brücke, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, ist nicht wieder aufgebaut, ein Vierteljahrhundert nach der Wende. So gesehen war der Besuch in Frankfurt (Oder) erfreulicher. Dort gab es natürlich eine Brücke, eine Brücke, die glücklicherweise nicht mehr nach einer Grenzbrücke aussah. Die letzten Reste von Grenze waren kurz vor meiner Ankunft abgebaut worden – und viele hoffen, dass Frankfurt und Słubice eines Tages wieder zu einer Stadt zusammenwachsen würden, trotz ihrer Zugehörigkeit zu zwei unterschiedlichen Ländern.
 

Etwas Besonderes in der europäischen Geschichte

Das Leben entlang dieser noch immer recht neuen Grenze zwischen Polen und Deutschland ist etwas Besonderes in der europäischen Geschichte. Aber Brandenburg ist groß und als ich das letzte Mal zum Arbeiten in Berlin war, reiste ich in die entgegengesetzte Richtung, südwestlich in das winzige Feldheim, um über die Energiewende zu schreiben. Feldheim ist Deutschlands erstes Dorf, das sich autark mit selbsterzeugter Energie versorgt. Das Dorf ist vom Stromnetz abgekoppelt und bekommt jährlich Besuch von etwa 3.000 Menschen wie mir: Journalisten, Umweltschützern, Experten, Schülern – und alle wollen dieses Vorzeigeprojekt für zukünftige Energielösungen sehen. Auf dem Rückweg von Feldheim fuhren wir, der Fotograf und ich, durch die Kleinstadt Treuenbrietzen. Wir hatten keine Zeit anzuhalten, aber ich konnte sehen, dass es auch hier alte Kopfsteinpflasterstraßen und eine sehr schöne Altstadt gibt.

Für mich ist das etwas, was mir sehr stark an Deutschland auffällt: überall stolpert man über kleinere und größere Städte mit mehreren hundert Jahre alten Rathäusern, Schlössern und Kirchen, Orten, die bedeutende historische Brüche, Kriege, Diktaturen überdauert haben – und die oft so schön sind, dass sie, wären sie in Norwegen gelegen, im ganzen Land bekannt wären.

Zurück nach Berlin. Ich trinke ein Glas Wein mit einer Freundin. Sie ist wie ich Norwegerin und wohnt in der Hauptstadt. Sie erzählt, dass auch sie Brandenburg entdeckt hat. – »Du weißt, wie sehr ich das Meer liebe. Es ist das einzige was ich in Berlin vermisse.« Die meisten Norweger haben diesen Drang zur Natur, den ich bei mir selbst zum ersten Mal entdeckte, als ich in Berlin gelebt habe und die Natur so weit weg war. Stadtparks und Ackerland sind nicht die Natur. Natur, das ist das Meer, das sind Gebirge und Wälder. Wann immer ich den Wunsch nach Natur verspürt habe, bin ich an die Ostseeküste gefahren.

Meine Freundin erzählt, sie reist trotzdem nach Brandenburg. Auch ohne Meer findet sie hier die Ruhe, die daher rührt, dass man sich so klein und bedeutungslos vorkommt vor dem weiten Horizont. Die Landschaft ist so flach, der Himmel so hoch. So ist das mit Brandenburg. Es braucht Zeit zu begreifen, dass der Kreis rund um das magnetische Berlin seine eigene Anziehungskraft hat. Betrachtet man die Landschaft oft genug, während einer Zugfahrt vielleicht, und lässt sich auf die Schönheit ein, dann wird man früher oder später zum ersten Mal anhalten.

Ingrid Brekke, norwegische Journalistin
Aus: Das Brandenbuch. Ein Land in Stichworten. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Potsdam 2015

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 2 (1 Bewertung)