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Wappentier und Landeshymne

Ein weißer Adler im Landtag versetzte die Brandenburger ins Grübeln. Ließen nicht Heimatchöre im ganzen Land stets einen roten Adler über Sumpf, Sand und dunkle Kiefernwälder hochsteigen? Und war der Aar hierzulande nicht schon immer rot?

Illustration: Anne Baier, ByeByeSea.com

Der ein Meter achtzig große Stahlvogel hatte kaum seine Schwingen ausgebreitet, da blies ihn ein kräftiger Gegenwind auch schon nieder. Im Sommer 2013 präsentierte der Architekt des neuen Landtags in Potsdam, Peter Kulka, seinen Entwurf für das Wappentier. Kulka hatte sich etwas Besonderes einfallen lassen: Brandenburgs Adler war weiß! Nach dem Willen des Architekten sollte er sich wie ein blasser Schatten von den ebenfalls weißen Wänden des modernen Plenarsaals abheben. »Weißer Adler auf weißem Grund? War das nicht die ostfriesische Landesfahne?«, witzelte manch Märker und vermutete einen Scherz des sächsischen Architekten auf Kosten der Brandenburger. Viele aber kamen ins Grübeln. Ließen nicht Heimatchöre im ganzen Land stets einen roten Adler über Sumpf, Sand und dunkle Kiefernwälder hochsteigen? Und war der Aar hierzulande nicht schon immer rot?

Ja, der Brandenburgische Adler ist ein roter. Nicht aus politischer Gesinnung, sondern weil es einst die Askanier im Mittelalter so wollten und auch die späteren Herrscherhäuser bis hin zu den Hohenzollern der Farbe die Treue hielten – schwarzer Adler für Preußen, roter Adler für die Provinz Mark Brandenburg. In seinem Hoheitszeichengesetz vom 30. Januar 1991 besann sich das frischgebackene Bundesland auf dieses Erbe und legte fest: »Das Landeswappen zeigt auf einem Schild in Weiß (Silber) einen nach rechts blickenden, mit goldenen Kleestengeln auf den Flügeln gezierten und gold bewehrten roten Adler.«

Das Dresdener Kriegskind Kulka allerdings fremdelte mit dem Wappentier und dessen Traditionen. Im roten Adler sah er wahlweise einen Blutfleck oder bezeichnete ihn als dünne rote Henne. Im Januar 2014 bekannte Kulka auf der ersten feierlichen Sitzung des neuen Landtags noch einmal seine Abneigung gegenüber dem für ihn kriegerischen Symbol. »Ich hätte auch lieber die weiße Taube von Picasso dahin gehängt als euren weißen Adler«, sagte er mit Blick auf die gefiederte Supraporte an der Stirnseite des Plenarsaals. Zu dem Zeitpunkt war der Widerstand gegen den Weißen allerdings schon mächtig angewachsen. Der Streit um die richtige Färbung wurde längst in aller Öffentlichkeit ausgetragen und war für Spötter ein gefundenes Fressen.

Auf der einen Seite der politische Ästhet Kulka, der seinen Entwurf mit Klauen und Zähnen verteidigte, sich auf sein künstlerisches Urheberrecht berief und Abgeordnete aus den Reihen der Linken und Grünen sowie jüngere Brandenburger hinter sich wusste. Auf der anderen Seite traditionsbewusste Märker in- und außerhalb des Landtags, die mit Emails, Anrufen, Briefen, Online-Petitionen und parlamentarischen Anträgen dem neuen Vogel zu Leibe rückten.

Identitätsstiftende Wirkung

Der Weiße sollte weg! Das Fernsehen sendete Aprilscherze über den Streit. Im Radio verglich man ihn mit dem Zoff, den frisch Vermählte beim Einrichten ihrer neuen Wohnung haben. Doch jenseits aller Scherze offenbarte die Auseinandersetzung, wie es um die Beziehung der Brandenburger zu ihrem Wappentier stand: Piepegal war ihnen der Vogel nämlich nicht. Im Gegenteil. Ein Symbol, das es aus den Tiefen der Zeit bis ins Heute geschafft hat, ließ sich nicht einfach umdeuten.

Der Adler im Landtag war eben gerade kein Dekostück, sondern ein Hoheitszeichen mit identitätsstiftender Wirkung. Ändert man seine Farbe, ändert man auch seine Bedeutung. Das wussten bereits die Markgrafen im Mittelalter. Die Wappenkunde vermutet, dass der Brandenburger Adler schon einmal einen Farbwechsel erlebt hat – von schwarz nach rot. Um 1170 zeigte sich das Tier, das für Mut, Kraft und Weitblick steht, erstmals nachweislich im Siegel des Askaniers Otto I. Das aus dem Ostharz stammende Adelsgeschlecht regierte die Mark seit 1157. Die Forschung nimmt an, dass die Markgrafen als königliche beziehungsweise kaiserliche Amtsträger den Reichsadler von ihrem Lehnsherrn übernommen hatten. Dieser war schwarz. Darüber, ob und wie sich der Wechsel zum Rot des Märkischen Adlers vollzog, sind sich die Heraldiker jedoch uneins. Verbreitet ist die These, dass der Federwechsel die Unabhängigkeit vom Lehnsherrn demonstrieren sollte.

Unverkennbar rot prangt schließlich das Wappentier auf einer der 138 Miniaturen der berühmten Manessischen Liederhandschrift. Das Bild aus dem 14. Jahrhundert zeigt Markgraf Otto IV. mit seiner Gemahlin beim Schachspiel sitzend. Es ist eine friedliche Szene. Der rote Miniatur-Adler wird Zeuge eines Kampfes, der hier nur auf dem Spielbrett ausgetragen wird. Noch ist das Tier frei von allen späteren Insignien. Kurhut, Schwert, Zepter und Brustschild mit Kämmererstab fügten die nachfolgenden Wittelsbacher, böhmischen Luxemburger und Hohenzollern hinzu. Mit all jenem Zierrat versehen, behielt der Adler bis 1945 seine gültige Gestalt.

Im Laufe der Jahrhunderte horstete das Tier zudem in den Wappen vieler Städte und Gemeinden. Potsdam, Frankfurt (Oder), Templin, Wittenberge, Beelitz oder Schwedt tragen das Tier ergänzt um lokale Attribute wie Stadtmauer, Schwert, Bootshaken, Jäger oder Hahn im Wappen. Auch in Landstrichen, die einstmals zur Mark Brandenburg gehörten, findet sich der rote Adler bis heute. Stendal und Tangermünde in der Altmark oder Gorzów (Landsberg an der Warthe) und Kostrzyn (Küstrin) in der Neumark haben ihn als Wappentier behalten.

Wie allerdings der rote Adler nach Tirol kam, ist bis heute ein beliebtes Streitthema zwischen patriotischen Heraldikern beider Länder. Auch das Bundesland Tirol schmückt sich mit einem ganz ähnlichen Vogel. Die Tiroler halten jedoch die Vermutung, dass ihr Tier Brandenburgischen Ursprungs sei, für völlig »unhaltbar«. Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe diskutierte einst sogar mit dem Tiroler Landeshauptmann darüber. Von der These, dass der Adler dank Heirat einer askanischen Prinzessin in die Alpen gelangte, konnte aber auch Stolpe sein Tiroler Pendant nicht überzeugen.

Schatten über vielbesungener Märkischer Heide

Auf musikalischem Gebiet hinterließ der rote Adler ebenfalls seine Spur. So verlieh er der Komposition des passionierten Wandervogels Gustav Büchsenschütz Flügel. Unter welchen Umständen Büchsenschütz sein Lied »Märkische Heide, märkischer Sand« schrieb, ist nicht eindeutig zu belegen. Mal soll der damals 21-Jährige in der Nacht vor Himmelfahrt 1923 in der Jugendherberge Vehlefanz zur Feder gegriffen und die Zeilen »Steige hoch, du roter Adler, hoch über Sumpf und Sand ...« zu Papier und anschließend seiner Wandergruppe zu Gehör gebracht haben. In einer anderen Version soll Büchsenschütz lediglich die Melodie beigesteuert haben.

Das Lied gewann schnell an Popularität, auch unter den Nationalsozialisten, die es um eine sogenannte Hakenkreuz-Strophe erweitern ließen und damit sein Schicksal für die Zeit nach Kriegsende besiegelten: In der DDR war »Märkische Heide« verpönt und unerwünscht. Nach der Wende machte der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe das Stück wieder salonfähig. Es sei identitätsstiftend, so Stolpe seinerzeit. In den Rang einer offiziellen Landeshymne hat es das Lied jedoch nie geschafft. Zu groß war die Last seiner musikalischen Vergangenheit. 1994 scheiterte ein entsprechender Antrag der SPD im Landtag. So bleibt ein Schatten über der beliebten und vielgesungenen »Märkischen Heide«.

Nicht viel besser erging es nach Kriegsende dem roten Adler, gleichwohl er viel älter war und auf anderer Tradition fußte. Ihm wurde die enge Beziehung zur preußischen Geschichte zum Verhängnis. An seiner statt zierte nach Kriegsende zunächst ein Eichenbaum vor aufgehender Sonne das Wappen des Landes Brandenburg, in das zusätzlich die Zahl 1945 als Beginn einer neuen Ära eingetragen war. Tiefe Wurzeln konnte die junge Eiche jedoch nicht schlagen. Als 1952 das Land Brandenburg aufgelöst und die Bezirke Potsdam, Frankfurt/Oder und Cottbus gegründet wurden, war auch das
neue Wappen hinfällig. Nach der Wende wurden Eiche und aufgehende Sonne von niemandem vermisst. Der rote Adler dagegen war nicht vergessen.

Begeisterung für alte Symbole

Augenreibend registrierte ein SPIEGEL-Reporter im Juli 1990 die wachsende Begeisterung der Noch-DDR-Bürger für alte Symbole: »Die rechte Begeisterung beim Volksmusik-Konzert im Freizeitzentrum von Bernsdorf, Bezirk Cottbus, kam erst auf, als die ›Oderländer Musikanten‹ das brandenburgische Wappentier besangen: ›Steige hoch, du roter Adler.‹ Die rund 600 Besucher hielt es nicht länger auf den Sitzen, lauthals schmetterten sie das Heimatlied mit. Solche regionalen Hymnen und landsmannschaftlichen Embleme gewinnen überall in der DDR an Bedeutung. Nach dem Zerfall der sozialistischen Identität – wenn es denn je eine gab – sehen sich viele DDR-Bürger vor allem als Brandenburger, Sachsen, Thüringer, Anhaltiner oder Mecklenburger.«

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Dass der Adler und auch das Märkerlied mehr sein könnten als »landsmannschaftliche« Erinnerungen, sorgte ebenso für Erstaunen wie die Tatsache, dass die Identitätsstiftung rasant voranschritt. Ab August 1990 bereitete eine Arbeitsgruppe einen Gesetzentwurf über Wappen, Flagge und Siegel des zu gründenden Landes vor und griff dabei auf den schlichten askanischen Adler zurück. Der Verzicht auf die alten Machtinsignien sollte ein Zeichen der Friedfertigkeit sein.

Der Schlüssel zum Kompromiss im jüngsten Adlerstreit lag ebenfalls im Vereinfachen, Stilisieren und Verkleinern. Von einem Meter achtzig schrumpfte das neue Tier auf A4-Größe und passt nun genau auf das Rednerpult. Dafür ist es völlig rot, auch an Klauen, Schnabel und Kleestängeln. Der Platz über der Tür, wo Kulkas Adler hing, ist verwaist. Wer den Weißen sucht, findet ihn im Keller des Landtagsschlosses. So wollte es der Architekt. Lieber einen weißen Adler im Schrank als einen roten an der Wand. Mit der Version am Rednerpult war Kulka jedoch einverstanden. Er könne mit diesem demokratischen Kompromiss leben, ließ er wissen.

Manch Besucher hat zwar Mühe, den neuen Wappenvogel zu entdecken, bekommt dafür aber die große Geschichte vom kleinen roten Adler erzählt.


Marika Bent
Aus: Das Brandenbuch. Ein Land in Stichworten. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Potsdam 2015

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