Leichte Sprache

Zwischen den Gräben

Weltanschauliche Berührungspunkte zum Rechtsextremismus in nicht-rechtsextremen Musikszenen

Unter dem Motto „Nein zu Multikulti“ demonstrierten am 19. Juni 2004 rund 400 Neonazis in Dortmund gegen den Bau einer Moschee im Stadtteil Hörde. Die Demonstranten trugen Plakate mit Aufschriften wie „Freiheit für alle politischen Gefangenen. „Schulhof-Sampler“ der NPD, der im sächsischen Landtagswahlkampf verteilt wurde. Draußen und drinnen eine Front“ oder „Antideutsche bekämpfen: Auf allen Ebenen, mit allen Mitteln“, sie skandierten „Ausländer rein, wir sagen nein“, „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“ oder „Deutscher ist nur, wer deutsche Eltern hat!“.

Ein Video, das von einer rechtsextremen Homepage herunter geladen werden kann, dokumentiert den gespenstischen Aufzug. Als Begleitmusik wählten die neonazistischen Amateurfilmer den Track „Revolution“ des HipHop- und Dancehall-Reggae-Musikers Mellow Mark. Diese Wahl überrascht, gelten HipHop, aber auch Dancehall-Reggae gänzlich unverdächtig rechtsextremer Umtriebe.

Mellow Mark selbst wird als „meistgehörter Künstler der deutschen Globalisierungsgegner“ bezeichnet und ist mit einem Titel auf dem Sampler „Aufmucken gegen Rechts“ vertreten – was also mag die Neonazis bewogen haben, ausgerechnet den Titel eines Musikers mit Wurzeln in der Anti-Globalisierungsbewegung zur Untermalung ihres Aufmarsch-Videos zu verwenden, was verbindet sie?

Zum entspannten Reggae-Groove besingt Mellow Mark in dem Song die „Soul Revolution“, also den „Seelen Aufstand“ oder die „Seelen Revolution“, gegen einen Staat, in dem „die Seele zu Grunde geh[t]“, der funktioniert „wie ne Maschine“ und den einzelnen zur „Nummer im System“ degradiert. Die Rede ist von „Menschenmaschinen“, von „Monstern wie Frankenstein“, von „Barbie auf dem Thron der Nation“ und vom „Babylon“, das so kalt ist, dass man darin „zu erfrieren“ droht – kurz: von einem kranken System: „die Welt ist viel zu kalt, um gesund zu sein“.

Ihr sagt, arm oder reich, alle Menschen sind doch gleich,
doch wir sehen, Polizeien und Privatarmeen.
Freund und Helfer, nur von wem?
Ihr sagt ihr, seid immer auf der guten Seite.
Von Zeit zu Zeit fickt ihr einen unserer Leute.
Ich weiß, ihr meint, wir sind der Feind und ihr seid die Feinen


Die „Soul Revolution“ und der „seelenlose Kapitalismus“

Sieht man vom Künstler selbst ab, seiner „linken“ Biographie und seinem Erscheinungsbild mit den langen Dreadlocks, sind in „Revolution“ alle Argumente und Metaphern vorhanden, die auch zum guten Ton rechtsextremer Kapitalismuskritik gehören.

So buhlte die NPD im sächsischen Landtagswahlkampf 2004 mit einem Musik-Sampler um Stimmen meist junger Wähler, den sie kostenlos verteilte[1]. Die Bundesrepublik wird darauf als „seelenloser Ort“ beschrieben, in dem Heuchelei herrscht und „die Lüge zur Wahrheit wird“, als „Land ohne jedes Ideal“ (Nordwind, „Seelenloser Ort“).

Die demokratische Verfassung sei ein „krankendes System“, das sich nur durch Verbote zu schützen weiß. Es produziert „Geistesleere“ und „Unverstand“, seine Bürger seien wie „Sklaven“ (Funkenflug, „Verbietet nur!“), die nicht mehr wüssten, wer sie sind. „Das Fremde“ umgibt „stündlich deinen Alltag“, mit „Gier, Hass und Neid“ (Sturmwehr, „Unterm Schutt der Zeit“).

 

 


1) In Anlehnung an das sog. Projekt „Schulhof“, in dem neonazistische Musiker und Produzenten einen Rechtsrock-Sampler zusammenstellten und angeblich in einer Auflage von 50.000 Exemplaren kostenlos an Schüler und Jugendliche verteilen wollten. Doch bevor es dazu kam, erließ das Amtsgericht Halle auf Initiative des Generalstaatsanwalts von Sachsen-Anhalt einen Beschlagnahmebeschluss gegen den Sampler, womit die Verteilung de facto gestoppt war. Die NPD griff die Idee auf und verteilte im sächsischen Landtagswahlkampf einen eigenen Sampler.