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Liedermacher im Rechtsrock

An der Schnittstelle zwischen Folkmusik und dem „klassischen“ Rechtsrock sind bei bundesrepublikanischen Neonazis rechtsextreme Liedermacher beliebt, mit einem Repertoire aus Folklore, Volksmusik und einem Agitpop, wie ihn so ähnlich auch die Liedermacher pflegten, die in den 60er und 70er Jahren populär wurden.

Annett: Weil es so ist... Micetrap Records 2005. Die Liedermacherin Annett gehört zu den ganz wenigen Frauen im Rechtsrock-Business. Mit ihren Vorträgen aus den Liederbüchern des historischen Nationalsozialismus, mit ihren Lobgesängen auf den „Heldenmut“ der Wehrmacht und die „Ehrbarkeit“ des einfachen Soldaten sowie ihrem Volksliedrepertoire bedienen sie das Bedürfnis auch des jugendlichen Publikums, sich als Teil einer geschichlich verortbaren „Bewegung“ zu sehen.

Und wenn Frank Rennicke, Michael oder Annett zum Liederabend laden, dann fühlen sich auch ältere Herren wohl. So traf sich anlässlich eines sog. „Ostarafestes“ zum Frühjahrsbeginn 2003 auf dem Anwesen des Alt-Nazis Manfred Roeder in der Rhön die Crème de la Crème der bundesdeutschen Alt- und Neonazis.

Der Nürnberger Holocaustleugner Gerd Ittner beschrieb das gespentische Szenario:

[...] das einzelne Aufrufen und Aufmarschieren der Fahnen der deutschen Gaue zur Ahnen- und Gefallenenehrung. Als alle Fahnenträger aus dem von Fackeln erhellten Kreis getreten und sich in einer Linie stehend eingefunden hatten, wurde, bei gesenkten Fahnen, das Lied vom guten Kameraden gesungen. Unmittelbar danach rief in die feierliche Stille hinein der Befehl: ‘Die Fahnen hoch!’

Wie von einer Hand wurden die gesenkten Fahnen zackig hochgerissen und wie aus einer Kehle erschall das Lied: ‘Ein junges Volk steht auf’. Zum Abschluß sangen wir gemeinsam und ergriffen unsere Hymne: Das Lied der Deutschen. Der Schluß des ‘offiziellen’ Teiles war allerdings noch lange nicht das Ende des Festes. Nicht nur ich saß bis zur Wiederkehr der Sonne und bis weit danach in ausgelassener, fröhlich UNSERE alten und neuen Lieder singender Runde mit germanischem Met ums sich verzehrende Feuer.“
(Stoertebeker-Netz vom 25.6.03; Hervorhebung im Original)


NPD-Chef Udo Voigt beschreibt die Rolle rechtsextremer Liedermacher im Interview mit dem Neonazi-Fanzine Final Conflict:

Stilistisch kommen Ironie und Spott zum Einsatz, gelegentlich sehr bissig. Das traditionelle Instrument des Liedermachers ist die Gitarre. So kommt Rennickes Musik ohne technische Effekte oder elektronischem Krach aus, und die Einfachheit der Musik erlaubt es dem Hörer, sich auf die Texte zu konzentrieren. Frank hat beachtlichen Kampfgeist bewiesen, als er sich den Attacken der Linken und der Repression des Staates stellte. Danke für diese Beispiel, dem zahlreiche nationale Liedermacher in ganz Deutschland folgen!“
(Final Conflict Nr. 19)

Tatsächlich ist Rennicke wegen Volksverhetzung (§ 130 StGB) in mehreren Fällen vorbestraft, u. a. weil er politische Gegner in Liedern als „rote Ratten“ beschimpft hatte und dazu aufforderte, das Land „rattenfrei“ zu machen.
Und der Rennicke-Zögling Michael Müller verballhornte während eines Liederabends der NPD 1998 unter Anspielung auf den Holocaust den Udo-Jürgens-Schlager „Mit 66 Jahren“:

Mit sechs Millionen Juden, da fängt der Spaß erst an, bis sechs Millionen Juden, da ist der Ofen an..., ... wir haben reichlich Zyklon B ...“
(zitiert nach: www.klick-nach-rechts.de)

Zu einer späteren Gelegenheit soll er gesungen haben, „bei sechs Millionen Juden ist noch lange nicht Schluss“.
Damit, aus Schlager und Charts bekannte Lieder umzutexten, greift Müller eine Gewohnheit auf, die bei rechtsextremen Musikern beliebt ist.

1997 erschien unter dem Titel „12 doitsche Stimmungshits“ eine CD, auf der u. a. Udo Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“ sowie andere Stimmungs- und Schunkellieder rassistisch umgedichtet wurden. Rasch mauserten sich die „Stimmungshits“ der Zillertaler Türkenjäger, so der Name des Bandprojekts, zu einem veritablen Geheimtip in der Szene, zumal die Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf Verstoß gegen Paragraf 130 StGB („Volksverhetzung“) ermittelte.

Die Ermittelungen verliefen im Sand, weil die Köpfe hinter den Zillertaler Türkenjägern nicht in Erfahrung gebracht werden konnten. Zwar munkelte die Szene, der Sänger sei Daniel „Gigi“ Giese, bekannt aus den neonazistischen Bands Saccara und Stahlgewitter, nachgewiesen werden konnte es dennoch nicht.

Gigi & Die braunen Stadtmusikanten: Braun is beautyful. PC Records 2004 Tatsächlich erschien 2004 unter Gieses Regie eine CD, die das gleiche Muster bedient: Auf „Braun is beautyful“ (PC Records 2004) texten Gigi & Die braunen Stadtmusikanten u. a. „Surfin’ USA“ von den Beach Boys um („Scheißen USA“), „Was wollen wir trinken“ von den BOTS („Was wollen wir singen“), den Schlager „Santa Maria“ von Roland Kaiser („Punker Maria“) oder auch den Schunkel-Hit „Anton aus Tirol“ von DJ Ötzi („Der Bitterböse aus Braunau“, gemeint ist Hitler, der im östereichischen Städtchen Braunau aufwuchs):

Er war so schön. Er war so toll. Doch nein, er kam nicht aus Tirol
Dafür ist er weltberühmt, denn ihn kennt wirklich jede Sau
Der Bitterböse aus Braunau
[...] Doch viele sagen ehrfurchtsvoll, daß er wiederkommen soll
Der Bitterböse aus Braunau“

(Gigi & Die braunen Stadtmusikanten: Braun is beautyful. PC Records 2004)

 

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