Leichte Sprache

Nazi-Rap?

Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht Wunder, dass HipHop mit neonazistischen Inhalten im deutschsprachigen Raum längst kein Tabu mehr ist. Seit Jüngstem wird der Fall der Dessauer Crew Dissau Crime diskutiert, die in ihren Texten keinerlei Scheu zeigen, positiv Bezug auf den historischen Nationalsozialismus zu nehmen. In Anlehnung an das Nervengift Zyklon B, das in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern zur Anwendung kam, nannten sie ihre Erstlings-CD „Zyklon D“ (Dopest Vinyl 2003), und rappten beispielsweise in ihrem Track „D - Steht für Dissau“:

Jeder will die große Kohle,
jeder denkt doch nur ans Geld, die ganze verfickte Welt.
Ausnahmen bestätigen doch die Regel,
doch oft gibt es das nicht, das wäre ja auch lächerlich,
in dieser verfickten Drecksgesellschaft zählt ja doch nur die Kohle,
[...] Scheiß Kohle, ich verfluche alle Bonzen-, Millionärs- und Drecksgesichter,
[...] „D“ steht für Dissau, die Crew, die alles kann,
„I“ steht für Ideale, ihr blöden Wichser,
das „SS“ heißt Schutzstaffel, ich sage, „Heil Dissau“,
das „Sau“ ist für eure Schmerzen, und das wisst ihr genau!“
(Alle Dissau-Crime-Zitate nach Transkript von der CD)

Dissau Crime: Zyklon D. Frontalangriff. Dopest Vinyl 2003Bezeichnenderweise findet sich auch in diesem Text der zur Floskel geronnene Antikapitalismus von der „Drecksgesellschaft“, in der „nur die Kohle zählt“, gegen die man sich kämpferisch auf „Ideale“ bezieht, um sich in unmittelbarem Anschluss mit der „Schutzstaffel“ (SS) zu identifizieren, einer Eliteformation der NSDAP, der zunächst die Rolle einer Art „Parteipolizei“ zukam, die sie nach der Machtergreifung schrittweise auf staatliche Polizeifunktionen ausweitete, bis ihr „Reichsführer“ Heinrich Himmler 1936 zum „Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei“ ernannt wurde, und die SS damit auch offiziell die Polizeigewalt im Dritten Reich innehatte.

Daneben spielte die SS eine gewichtige Rolle in der so genannten „Endlösung der Judenfrage“, und bewaffnete Einheiten der SS („Waffen SS“), die als besonders fanatisch galten, griffen in das Kampfgeschehen des 2. Weltkriegs ein. In weiteren Tracks der CD vergleichen sich Dissau Crime mit Adolf Hitler („und erkenne, Dissau predigt den Endsieg. Erlebt meine Aura wie die Massen Adolf Hitler, check, ich bin zurück, noch weiser und geschickter und ohne Eva [gemeint ist die Lebensgefährtin Hitlers, Eva Braun]; „Die Jagd ist eröffnet“).

Die Crew nimmt außerdem Bezug auf das zynische Motto „Jedem das Seine“, mit dem die Nazis am Tor des KZ Buchenwald das Schicksal von rund 250.000 Menschen kommentierten, die hier inhaftiert waren: „Jedem das Seine, denk an den Satz, auf dem Weg ins Gas meiner Stadt. Zyklon Dissau“ („Die Jagd ist eröffnet“) – in der Stadt Dessau wurden zwei Drittel der Geamtmenge Zyklon B produziert, mit der im Holocaust der Mord an den Juden begangen wurde.

Und in dem Track „Gestapo aus dem Osten“ heißt es:

Ich verfluche dieses Land und alle, die nicht hergehörn,
ich werde euch zerstörn, ich hasse echt die ganze Welt.
Doch noch viel mehr hasse ich das Geld, weil das an allen Ecken fehlt
und in dieser scheiss Welt am meisten zählt. [...]
Ich schieße mit der Flak auf das ganze Judenpack, zack - zerwichse ich die Drecksgesellschaft [...] Ich hasse die Fuck-Homo-Welt und die ganzen schwulen Penner
Es gibt nur einen Nenner und der ist arisch, sag lieber gar nichts
[...] Ja, ich bin ein Nazi,“

Die optische Präsentation lasse darauf schließen, dass in der Crew Personen aktiv sind, die sich mit HipHop gut auskennen, meint HipHop-Experte Jochen Flad vom Berliner Archiv der Jugendkulturen. Auch musikalisch seien Dissau Crime keine Anfänger, trotzdem, so der Experte, seien Sound und Talent der Crew eher mäßig. Allerdings: „Ich habe musikalisch auch schon viel Schlechteres gehört.“
 

Die Erklärung von HipHop Partisan zu Dissau Crime (Auszüge)
HipHop Partisan: 2003 gegründeter Zusammenschluss von HipHoppern, die, wie es in ihrem Manifest heißt, „angesichts [...] sexistische[r], homophobe[r] und nationalistische[r] Tendenzen“ in der HipHop-Szene, eine „kritische Kraft aufbauen“ wollen.

„Es geht ein Mythos um: HipHops können keine Nazis sein. Dissau Crime aus Dessau sind angetreten, um diesen Mythos aus der Welt zu schaffen, und die Dringlichkeit der Auseinandersetzung mit diskriminierenden Texten noch einmal zu verdeutlichen. Nachdem die Diskussion um geschmacklose und dümmliche Nazi-Metaphern im Battle-Rap ergebnislos versandet ist und der mehr oder weniger offene Antisemitismus in Raptexten entweder verharmlost oder nicht wahrgenommen wird, dürfte dieses Verhalten bei Dissau Crime schwierig werden. [...]

So klingt es, wenn Leute rechtsextremes Gedankengut in Raptexte packen. Es macht wenig Sinn, sich darüber aufzuregen, dass es gerade ein Raptext ist, der offen rechtsextrem ist. In vielen Subkulturen findet sich rechtsextremes Gedankengut, und das nicht, weil es von aussen hereingebracht wurde. Die Scheisse ist überall. Rechtsextremes Gedankengut findet sich in allen Bereichen dieser Gesellschaft. Bei Dissau Crime wird unzensiert rausgelassen, was viele Leute denken, sich aber nicht zu sagen trauen.

Wer das nur als gewollten Tabubruch und Provokation versteht, hat nichts verstanden und leugnet die gesellschaftliche Akzeptanz solcher Aussagen. Nazis müssen isoliert und verurteilt werden, egal in welcher Szene. Bietet Dissau Crime keine Plattform! Toleriert keine Nazis auf Jams und auch niemanden, der die "Zigeuner" aus seinem Ghetto raushaben will.“


Das Netzwerk HipHop Partisan hatte bundesweit auf Dissau Crime hingewiesen, seitdem wird über die Crew in der Szene kontrovers diskutiert. Dass die Skills der Crew, wie das in der Szene genannt wird, zu wünschen übrig lassen, verleitet manchen Diskutanten dazu, die Texte von Dissau Crime zu verharmlosen.

Die Musik sei so schlecht, dass sie ohnehin von niemanden ernst genommen würden, so die Argumentation. Diese Sicht verkennt freilich, dass auch der herkömmliche Rechtsrock mit sehr fragwürdigen musikalischen Qualitäten begonnen hatte. Bands wie die Böhsen Onkelz oder die Neonazi-Stars von Landser, spielten zu Beginn ihrer Karriere OiPunk, der von Fans des Genres kaum mehr als ein höhnisches Achselzucken erntete.

Gerade ihre rassistischen und menschenverachtenden Texte waren es, die ihnen mehr Aufmerksamkeit zuteil werden ließen als ihre Musik verdient hatte (vgl. Geschichte und Entwicklungen des Rechtsrock).

Andere argumentieren, dass Dissau Crime in der Tradition des Battle Rap zu verstehen seien, jener Spielart also, in der es darum geht, den jeweils anderen nach allen Regeln der Kunst zu beleidigen und sich selbst als überlegen zu stilisieren. Niemand, so das Argument, nehme Battle-Rhymes wörtlich, wenn etwa angekündigt werde, „ich ficke deine Mutter“.
Dissau Crime sehen das vermutlich ganz ähnlich, zumindest legt das eine Erklärungen auf ihrer Homepage nahe:

Keiner von uns oder denen die DissauCrime CDs vertreiben ist auch nur ansatzweise rechtsgerichtet. Wir glauben kein Nazi würde sich mit dieser ‘nicht arischen Musik’ Hip Hop/ Rap abgeben, deren von Weißen gequälte Geschichte durch und durch Schwarz ist!!!
Die Texte und Aussagen unserer RapCrew DissauCrime, in der auch Schwarze und Russen Member sind, sind durch und durch falsch interpretiert worden und jetzt macht diese Falschinterpretation im Internet die Runde.
[...]
Alle die uns für Fascho's halten: Fickt Euch, denn wir wären die Ersten die vergast worden wären, weil wir gegen den Strom der breiten, dummen Masse schwimmen!!! Und Ihr wärt die, die uns vergast hätten, Ihr dummen Mitläufer!!!“

An dieser Stellungnahme wird recht deutlich, was oben als „Dilemma“ bezeichnet wurde: Jene etwas seltsam anmutende, aber bei jugendkulturell geprägten Jugendlichen durchaus weit verbreitete Vorstellung vom Rechtsextremismus nämlich, dass „rechts“ nur sein könne, wer auch zur „Szene“ gehört.

Anstatt sie mit inhaltlichen Positionen zu identifizieren, werden Rechtsextremismus und Neonazismus als ewas betrachtet, das immer nur beim Anderen, in der anderen und nicht in der eigenen „Szene“ existiert. So ensteht eine begriffliche Unschärfe, die, wie demonstriert, dazu führen kann, dass im Extremfall ganz unverholen neonazistische Inhalte vertreten werden, ohne dass die Betreffenden sich zwangsläufig als „neonazistisch“ einschätzen.

Es gilt also, sich mit den Inhalten jeglicher Musik kritisch auseinanderzusetzen, wie das Beispiel Dissau Crime eindringlich vor Augen führt.

 

Jan Buschbom / Violence Prevention Network e.V., 2005

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