Leichte Sprache

"Heile Welten" in der Krise

Astrid Geisler und Christoph Schultheis haben jüngst in unaufgeregter Weise rechtsextreme "Heile Welten" quer durch die Republik beschrieben. 

Buchcover "Heile Welten"Sie porträtieren zum Beispiel eine rechtsextreme Mutter in der Kleinstadt Strehla, die als Schöffin am Amtsgericht und als Elternvertreterin im Schulelternbeirat fungiert, während ihr Mann als parlamentarischer Berater für die sächsische NPD-Landtagsfraktion tätig ist. Sie schildern die kommunalpolitische Verankerung von Neonazis in einem Dorf in Ostvorpommern und die Einbindung eines Jugendlichen in eine rechtsextreme Kameradschaft in einer süddeutschen Kleinstadt. Ihr Fazit lautet, sie "hätten auch überall sonst in Deutschland hinfahren können und wären doch wieder in jener Zone der Gesellschaft angekommen, die gerne als 'rechter Rand' bezeichnet wird".[4]

Rechtsextreme Aktivisten können überall angetroffen werden. Ihre engen Zirkel überschreiten sie aber nur dort, wo sie nicht als Bedrohung, sondern als Hilfe und Unterstützung betrachtet werden. Im Umkehrschluss bedeutet das: Solange der Rechtsextremismus nicht in der Lage ist, sich lokal zu verankern und für die Mehrheit der Bewohnerinnen und Bewohner "nützlich" zu sein, stellt er zwar für einzelne Menschen eine Gefahr dar, ist aber nicht in der Lage, die gesellschaftlichen Diskurse zu steuern und strukturell Macht auszuüben.

Deshalb kommt der Verankerung rechtsextremer Aktivitäten in der Zivilgesellschaft bedeutende Funktion zu. Sie wird begünstigt durch Krisensituationen, die aus einem systematischen Rückgang ökonomischer Infrastruktur und ziviler Sozialstrukturen resultieren. Ein Ergebnis in solchen strukturschwachen Regionen ist der finanzielle Kollaps der Kommunen und damit der kommunale Rückzug aus sozialen Feldern wie der Jugendsozialarbeit. Diese Lücken können strategisch von anderen besetzt werden. Diese Besetzung geschieht von rechts her zwar nicht flächendeckend, aber exemplarisch zur Bestätigung der eigenen Leistungsfähigkeit und Demonstration der Verbindung mit der Bevölkerung. Das Engagement rechtsextremer Aktivisten und Aktivistinnen, solche brachliegenden "sozialen Äcker" zu "bestellen", kann schon seit geraumer Zeit beobachtet werden. Hierbei steht gewöhnlich der ländliche und kleinstädtische Raum im Fokus.[5]

Doch nicht nur auf dem Lande wenden sich frustrierte Bürgerinnen und Bürger rechtsextremen Gruppierungen - und hier insbesondere der NPD - zu. Auch in krisengeschüttelten und finanzschwachen Ballungsräumen (nicht von ungefähr beginnen die Kommunen im Ruhrgebiet erneut den Solidarpakt Ost infrage zu stellen) entwickeln sich rechtsextreme Szenen und erhalten rechtspopulistische Parolen Aufmerksamkeit, insbesondere dann, wenn sie islamfeindlich untermauert sind.[6] Während in den städtischen Zentren Nordrhein-Westfalens die Konfrontation mit "dem" Islam ein zentraler Anker des Rechtsextremismus und -populismus ist und die Imagination, dass es ohne "Ausländer", "Fremde" oder "Muslime" genügend Arbeitsplätze gäbe, gleichsam am lebenden Beispiel sichtbar gemacht wird, spielt dies realiter in strukturschwachen Gebieten im ländlichen Raum überhaupt keine Rolle. Dort sind zwar die gleichen islamfeindlichen Ressentiments anzutreffen, die entscheidende Wirkung erzielen Rechtsextreme aber unter anderem durch Aktivitäten, die tatsächlich Unterstützungsstrukturen schaffen.

Es ist zu beobachten, dass an unterschiedlichen Orten sowohl alteingesessene als auch zugezogene Rechtsextremisten allgemein anerkannt sind, weil sie sich engagieren. Dabei rückt der dahinterliegende Zweck des Engagements in den Hintergrund, sofern er nicht sowieso befürwortet wird. Entscheidend aber ist die zivilgesellschaftliche Einbettung in das Gemeinwesen.

 

Stephan Bundschuh, 30.4.2012
Erstveröffentlichung in der
APuZ 18-19/2012

 


Fußnoten

4. Astrid Geisler/Christoph Schultheis, Heile Welten. Rechter Alltag in Deutschland, München 2011, S. 13.

5. Vgl. u.a. Bund der Deutschen Landjugend (Hrsg.), Es wächst nicht einfach Gras darüber. Rechtsextremismus in den ländlichen Räumen, Berlin 2009; Friedrich Burschel (Hrsg.), Stadt - Land - Rechts. Brauner Alltag in der deutschen Provinz, Berlin 2010; Dierk Borstel, "Braun gehört zu bunt dazu!", Münster 2011.

6. Vgl. Alexander Häusler (Hrsg.), Rechtspopulismus als "Bürgerbewegung". Kampagnen gegen Islam und Moscheebau und kommunale Gegenstrategien, Wiesbaden 2008.

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Kommentare

Grad in der MOZ gelesen

Grad in der MOZ gelesen http://www.moz.de/heimat/lokalredaktionen/strausberg/artikel8/dg/0/1/103... : "Die sächsische Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz, die dem Untersuchungsausschuss zu den NSU-Morden angehört, dikutierte in einem Workshop, ob Rassismus zum alltäglichen Zustand gehört. "Nazis gehen auf Menschen zu und reden mit ihnen. Sie bezeichnen das auch als den Kampf um die Köpfe", erklärte sie. Und mahnte, auf täglichen Rassismus, der sich in solchen Sätzen finden lässt, wie: "Das ist doch getürkt", zu reagieren und diejenigen, die so sprechen, darauf aufmerksam zu machen." Na, ich weiß nicht. Ich find Sprache auch wichtig (Stichwort: "Döner-Morde"), aber das mit dem getürkt nun gleich als Alltagsrassismus auszulegen. Ist man, wenn man sagt, "das ist nicht koscher", auch gleich ein Antisemit?

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