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Zuwanderung und ihre Konflikte als Normalität verstehen

Wer Zuwanderung als normalen Teil der gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet, wird feststellen, dass sich der Schreck vor dem Unbekannten relativiert. Denn der Blick in die Geschichte zeigt, dass gerade Brandenburg von Zuwanderung in erster Linie profitiert hat.
Zuwanderung bereichert Deutschland

Brandenburg ist stolz auf seine Tradition der Toleranz gegenüber Fremden und Zuwanderern. Dabei war der Weg dahin nie frei von Spannungen und Konflikten. Das Potsdamer Toleranzedikt des Brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von 1685 ist das wohl bekannteste Beispiel des Landes in dieser langen Geschichte des Ringens zwischen Befürwortern und Gegnern des Zuzugs von Fremden.

Als Friedrich Wilhelm mit seinem Edikt den im katholischen Frankreich verfolgten Calvinisten (Hugenotten) Asyl bot, traf dies keineswegs nur auf Zustimmung bei seinen märkischen Untergebenen. Im Gegenteil, hugenottische Prediger wurden in Gegenden, in denen der orthodox-lutherische Landadel dominierte, durchaus derbe verprügelt. Jüdische Zuwanderer wurden über Generationen als bärtige Fanatiker diffamiert und Politiker, wie der Reformer und Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg als „Ausländer“ beschimpft, weil er aus dem Kurfürstentum Hannover kam.

Doch so weit zurück muss man sich gar nicht erinnern: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen hunderttausende Vertriebene aus den abgetrennten deutschen Ostgebieten nach Brandenburg. Auch ihre Ankunft wurde mit gemischten Gefühlen von den Einheimischen betrachtet, die von offener Ablehnung bis zu weitreichender Hilfsbereitschaft reichten. Ganz ähnlich also wie heute.

Wer Zuwanderung als normalen Teil der gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet, wird feststellen, dass sich der Schreck vor dem Unbekannten relativiert. Denn der Blick in die Geschichte zeigt, dass gerade Brandenburg von Zuwanderung in erster Linie profitiert hat. Die damit verbundene sprachliche, kulturelle und religiöse Vielfalt prägt das Land bis heute.

Diese landesgeschichtliche Dimension von Flucht, Zuwanderung und Integration hat der Historiker Michael Lemke eindrücklich dargestellt.

Seine Überlegungen ermutigen, machen aber auch deutlich, dass Weltoffenheit und Toleranz in Brandenburg immer wieder in Frage gestellt wurden und ständig erneuert werden müssen:

Offenheit, Sympathie und Solidarität für die Zugereisten, aber noch nicht Angekommenen, tätige Hilfe und vielerlei Zuwendungen sind allerorts an der Tagesordnung. Sie können jedoch die schlimmen Fälle von nationalistischer und rassistischer Intoleranz nicht vergessen machen… Dieser besonderen historischen Verpflichtung wird Brandenburg vor allem seinen Neubürgern gegenüber auch in Zukunft gerecht werden müssen.“
 

Landeszentrale, Oktober 2015

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