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„Rennt nicht alle gleich zum Ku’damm!"

Die Weltminute des Mauerfalls in der Dorfkirche von Petershagen
Die Mauer fiel nicht allein in Berlin, sondern in tausenden Orten im ganzen Land. Der kurze historische Augenblick, in dem das Volk die Verantwortung für sich selbst ergriff, ist nicht zurückzuholen oder auf andere Situationen zu übertragen. Doch es lohnt sich zu erinnern.

In Fredersdorf am östlichen Stadtrand von Berlin, unweit meines damaligen Wohnortes Eggersdorf, kündigte [am Abend des 9. November] ein handgeschriebener Zettel am Kino „Union-Lichtspiele“ große Ereignisse an. Die australische Filmkomödie „Crocodil Dundee“ sollte ausfallen, dafür würden Vertreter des Rates des Kreises in einer öffentlichen Einwohnerfragestunde den Bürgern Rede und Antwort stehen.

Das war neu in diesen Tagen. Mit vierzig Jahren Verspätung begann die SED-Führung den Dialog mit dem eigenen Volk. „Verlorenes Vertrauen“ sollte zurückgewonnen werden, wie es in den immer noch zentral gelenkten Medien nun oft hieß. Die Politik „mit dem Gesicht zum Volke“ war zwar von oben angeordnet, doch ganz schienen die lokalen SED-Größen wenigstens im Kreis Strausberg der weichen Welle nicht zu trauen.

Kirche Petershagen, Gemeindearchiv Petershagen/Eggersdorf, Foto: unbekannt

Bereits eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung verbreitete sich unter den Wartenden vor dem Kino die Nachricht, dass der Saal überfüllt sei und man wieder nach Hause gehen könne. Zuverlässige Genossen hatten die strategischen Punkte des Lichtspieltheaters besetzt, so dass nicht mehr viel Platz für unerbetene Fragesteller blieb. Vor dem Kino machte sich Demo-Stimmung breit. Wenn der Saal überfüllt sei, sollte die Veranstaltung eben draußen stattfinden.

„Rauskommen! Rauskommen!“ skandierten einige. Einige riefen ganz wie auf dem Leipziger Ring: „Wir sind das Volk“. Ein Spaßvogel setzte hinzu: „Wir wollen den Hammer fallen sehen“. Das Wortspiel bot sich an, weil der Vorsitzende des Rates des Kreises Hammer hieß. Doch Genosse Hammer und seine Gefolgschaft zeigten sich nicht. Stattdessen strömte ein Teil der Anwesenden, die im Kinosaal einen Platz ergattert hatten, wieder auf die Straße.

Dann erschien die Katechetin der Petershagener Kirche und verteilte Kerzen. Die Menschen formierten sich zu einem Demonstrationszug. Inzwischen war es dunkel geworden und mit brennenden Kerzen in den Händen zogen die Demonstranten durch den Ort. Die Glocken der Dorfkirche von Petershagen begannen zu läuten. Vor der Kirche stellten die Menschen die brennenden Kerzen auf die kleine Steinmauer und die Treppenstufen. Das sah nicht schlechter aus als vor der Gethsemanekirche im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg. In wenigen Wochen hatte die Demokratiebewegung ihre eigenen Symbole und Rituale entwickelt. Die Menschen drängten sich in die bis zum letzten Platz gefüllte Dorfkirche. Die Versammlung wurde zum Forum der neuen Gruppen, die sich vorstellten und mit viel Beifall bedacht wurden. Ähnliches hat sich im Oktober und November 1989 in tausenden Orten der DDR abgespielt. Nach Jahrzehnten des Schweigens fanden die Menschen ihre öffentliche Sprache wieder. […]

„Nach meiner Kenntnis ist das sofort …“

Eben zu jener Stunde, genauer gesagt um 18.57 Uhr versetzte das Mitglied des Politbüros Günter Schabowski im Pressezentrum in der Mohrenstraße vor laufenden Fernsehkameras der SED-Herrschaft ungewollt den Gnadenstoß. Am Ende einer Pressekonferenz erkundigte sich der italienische Korrespondent Riccardo Ehrmann nach dem Entwurf für das Reisegesetz. […] In seinen Papieren wühlend teilte das Politbüromitglied mit, die Parteiführung habe beschlossen, „... heute ... äh ... eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht ... äh … über Grenzübergangspunkte der DDR ... äh ... auszureisen“. Darauf tauchte aus dem Auditorium die Frage auf: „Ab wann tritt das in Kraft? Ab sofort?“ […] Günter Schabowski blätterte in seinen Papieren und teilte schließlich mit: „Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich.“

„Die Mauer ist offen“

Unterdessen nahm die Versammlung in der Petershagener Dorfkirche ihren Fortgang. Ein Vertreter des einige Tage zuvor gebildeten Neuen Forums formulierte die Ziele seiner Bewegung. Basisdemokratisch sollte sie sein, also keine Partei im herkömmlichen Sinne.

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Hier sollte jeder zu Worte kommen können. Einige nahmen die Gelegenheit sofort wahr und forderten die Aufstellung einer Telefonzelle im Ortszentrum. Wieder gab es viel Beifall. Dann gab er seine Adresse bekannt und einen Treffpunkt für die nächste Versammlung. Andere Redner drängten nach vorne. Das Stimmengewirr war kaum noch zu beherrschen. Auch ein SED-Mitglied meldete sich zu Wort und sagte, dass auch viele Parteimitglieder die Demokratiebewegung unterstützten würden. Es wurde deutlich weniger geklatscht, doch niemand wollte ihn ausschließen aus der großen Eintracht jener Stunde.

Plötzlich rief jemand von der Empore herab: „Die Mauer ist offen“. Wieder wurde gelacht und ironisch Beifall geklatscht. „Nein, im Ernst“, rief ein junger Mann und schwenkte, um seine Aussage zu unterstreichen, den Kopfhörer eines Walkmans, der in der DDR damals noch Seltenheitswert hatte. „Im SFB ist gemeldet worden, die Grenzübergangsstellen sind offen und die Leute strömen in Massen in den Westen“. Die Wirkung dieser Nachricht auf die Anwesenden lohnt festgehalten zu werden. Es war keineswegs überschäumende Freude.

„Rennt nicht alle gleich zum Ku’damm!“, rief einer der Anwesenden, „wir bringen erst mal hier die Dinge zu Ende“. Genau dies traf die Stimmung der Versammelten. Der erste Gedanke war: Offenbar hat die SED-Führung angesichts des Überdrucks in dem kurz vor der Explosion stehenden Kessel die Ventile aufgedreht. Die Leute sollten in den Westen fahren, statt im Osten zu demonstrieren. Erst später erfuhr man, dass auch der Führung die Sache aus dem Ruder gelaufen war. Dennoch waren die ersten spontanen Sorgen nicht unbegründet. Die Demokratiebewegung der DDR erreichte ihren ersten großen Erfolg – und zwar einen Erfolg von weltgeschichtlicher Dimension – noch ehe sie politisches Format gewonnen hatte. […]

Der Sturm auf Aldi und Kaufland

Es gab keine Organisation, keine gewählten und damit legitimierten Gremien, keine landesweite Vernetzung, vor allem aber kein Programm, das über die Ablehnung des bestehenden Systems hinausging. Im Mikrokosmos einer Randgemeinde von ungefähr fünftausend Einwohnern war das im Grunde noch deutlicher sichtbar. Die wenigen Aktivisten der Bürgerbewegung kannten sich teilweise überhaupt nicht. Da viele Leute über keinen privaten Telefonanschluss und kein Auto verfügten, war jede Kontaktaufnahme eine aufwendige Aktion. Noch immer standen öffentliche Räume grundsätzlich nicht zur Verfügung. Das in diesen Tagen gegründete „Neue Forum“ in dem unweit von Petershagen gelegenen Eggersdorf traf sich in einem kirchlichen Kinderheim. In anderen Orten waren es oft die Gemeindehäuser der Kirchen, die der jungen Demokratiebewegung Obdach boten. Wenn in Eggersdorf auf diese Weise zwanzig oder dreißig Leute zusammen kamen, war es viel.

Nach dem Mauerfall hatte eine neue Massenbewegung eingesetzt, die ganz andere Dimensionen erreichen sollte. Die DDR-Bürger strebten nach West-Berlin, um 100 DM Begrüßungsgeld pro Person abzuholen und einkaufen zu gehen. Der Drang nach Westen erfasste alle Schichten, Altersklassen und politischen Bekenntnisse. Was 1789 in Paris der Sturm auf die Bastille war, vollzog sich 1989 als Sturm auf Aldi und Kaufland. Auf wundersame Weise bestätigte sich die Theorie von Karl Marx vom Vorrang ökonomischer Triebkräfte gegenüber der Ideologie.

Buchcover "Agonie und Aufbruch"Gerade in der Vorweihnachtszeit des Jahres 1989 hatten nur noch wenige Menschen Zeit und Lust, die Abende mit Versammlungen zu verbringen. Denn die Sitzungen der vielen Runden Tische, die nun wie Pilze aus dem Waldboden schossen, waren oft sehr lang. Die demokratischen Regularien mussten erst eingeübt werden. Die Debatten waren oft wirr, die Artikulationsfähigkeit der Teilnehmer nicht selten begrenzt, zudem waren die Meinungen der Diskutanten über die Zukunft der Gesellschaft oft sehr unterschiedlich. Erstmals machten die Menschen die Erfahrung, dass Demokratie erlernt werden muss. […]

Je mehr der gemeinsame Gegner, das SED-Regime, verfiel, desto rascher vollzog sich der Differenzierungsprozess. Die in der Bürgerbewegung lebendige Idee des demokratischen Sozialismus verlor innerhalb weniger Wochen jegliche Anziehungskraft […]

Sehr schnell zeichneten sich am Horizont die wirtschaftlichen Schwierigkeiten ab, die jeden betrafen. Eine Gesellschaft im freien Fall entwickelt wenig aufbauende Kraft. Genau das war das Dilemma der folgenden Monate. Es begann der Rummel um die Westmark. Die große Verschiebung von Volksvermögen durch alte und neue Seilschaften. Es wuchs schnell zusammen was zusammengehörte – in diesem Falle die Spitzbuben aus Ost und West. Schließlich begann die große Abwicklung, die gedankenlose Überschwemmung des Ostmarktes mit Westprodukten, wodurch einheimische Betriebe innerhalb weniger Tage ruiniert wurden. […] Es ging schließlich nur noch um die möglichst nahtlose Einpassung der ehemaligen DDR in das westliche System. Selbst das Erreichte und unzweifelhaft Positive erscheint heute oft als wohltätige Gabe und nicht als Frucht des eigenen Bemühens.

Noch am Abend des 9. November war dies ganz anders. In der Dorfkirche von Petershagen fanden die Menschen ihre Sprache wieder, gewannen den aufrechten Gang, wurden zum Subjekt der Geschichte. Die Mauer fiel nicht allein in Berlin sondern in tausenden Orten im ganzen Land. Der kurze historische Augenblick, in dem das Volk die Verantwortung für sich selbst ergriff, ist nicht einfach zurückzuholen oder gar auf andere Situationen zu übertragen. Doch es lohnt sich an die Weltminute in der Dorfkirche von Petershagen zu erinnern, um ihren Geist für künftige Zeiten zu bewahren.

Stefan Wolle, Historiker, Wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums Berlin

Auszug aus  "Agonie und Aufbruch.Das Ende der SED-Herrschaft und die Friedliche Revolution in Brandenburg"


 

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