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Brandenburger Ministerpräsidenten

Über Väter
Dieses Hemdsärmelige, Bodenständige, Nonchalant-Volksnahe ist es, was die drei märkischen Ministerpräsidenten seit der Wende eint. Und doch sind sie grundverschieden. Drei Vätertypen, die für die drei Phasen Brandenburgs nach der Deutschen Einheit stehen.

Glückwünsche von Manfred Stolpe und Matthias Platzeck für Dietmar Woidke

Sie singen im Chor. Stolpe, Platzeck, Woidke, aufgereiht wie die Sängerknaben mit Anzug und Krawatte, stehen im Kuhstall von Glövzin und schmettern voller Inbrunst ein Abschiedsständchen. »Geh aus mein Herz und suche Freud« singen die drei brandenburgischen Ministerpräsidenten von der SPD. Für einen CDU-Mann. Ein treffenderes Bild als jenes von der Verabschiedung des langjährigen Prignitzer Landrates Hans Lange im August 2014 kann es kaum geben: Da stehen sie, in staatsmännischer Tracht, mitten in der märkischen Provinz. Die drei Landesväter singen in unterschiedlichen Lagen, doch wenn sie gemeinsam ihre Stimme erheben, ergibt sich ein Gleichklang, dem sich keiner entziehen kann.

Hans Lange kann ein Lied davon singen. Von 1993 bis 2014 war der Christdemokrat Landrat, hat alle drei sozialdemokratischen Ministerpräsidenten seit der Wende erlebt. Dass sie ihm, dem parteipolitischen Konkurrenten, zum Abschied die Ehre erweisen, sagt viel über den Politikstil, den die drei Regierungschefs bei all ihrer Unterschiedlichkeit pflegen: Sie wollen Leitfiguren für alle Brandenburgerinnen und Brandenburger sein. Zumindest in Glövzin rückt das Parteibuch in den Hintergrund, klopft man einem CDU-Mann auf die Schulter, der von sich selbst sagte: Erst kommt die Prignitz, dann die Partei.

Dieses Hemdsärmelige, Bodenständige, Nonchalant-Volksnahe ist es, was die drei märkischen Ministerpräsidenten seit der Wende eint. Und doch sind sie grundverschieden. Drei Vätertypen, die für die drei Phasen Brandenburgs nach der Deutschen Einheit stehen. Im Agieren des jeweiligen Ministerpräsidenten spiegelt sich auch der Umgang des Landes mit der DDR-Vergangenheit und der Ist-Stand des Transformationsprozesses in die neue Zeit. Das liegt am unterschiedlichen Charakter der drei Regierungschefs, aber auch an ihrem Alter, ihrer Vorwendeerfahrung: Es ist nun mal ein Unterschied, ob man am Tag der Wiedervereinigung 54 wie Manfred Stolpe, 36 wie Matthias Platzeck oder erst 28 Jahre alt wie Dietmar Woidke war.


Stolpe: Aufbauender Schulterklopfer

Manfred Stolpe, der erste Ministerpräsident nach der Wende, war der behütende Übervater. Der aus Stettin stammende Kirchenjurist war es, der eine Landesidentität erst geschaffen hat. Denn anders als etwa in Sachsen gab es so ein Wir-Gefühl in Brandenburg nicht. Stolpe stimmte das Büchsenschütz-Lied von der Märkischen Heide und dem Roten Adler an – und alle stimmten ein. Stolpe, der 1982 als Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg auch Chef-Unterhändler der Kirche mit der DDR-Staatsführung war, musste sich viel Kritik gefallen lassen. Nicht nur wegen seiner Kontakte zur Staatssicherheit, sondern auch deshalb, weil er nicht alles verdammte, was früher den Alltag vieler Ostdeutscher ausgemacht hatte.

Von »sozialdemokratischer Versorgungs- und Beglückungsmentalität«, schrieb etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Stolpe kultiviere eine »kleine DDR«, hieß es oft, er verfolge einen »Brandenburger Weg«. Eine Wendung, die ihm in den Mund gelegt wurde, die er selbst aber nie gebrauchte. Die Leute sollten nach der Wende nicht das Gefühl haben, »Vertriebene im eigenen Land« zu sein, erklärte er seine Position.


Platzeck: Integrierender Umarmer

Matthias Platzeck, der Stolpe 2002 nach dessen Rücktritt folgte, ist aus einem anderen Holz. »Wir sind ganz unterschiedliche Typen«, sagte Stolpe über seinen Nachfolger. Platzeck sei spontaner, umgänglicher als er selbst. Die beiden respektieren sich, schätzen sich – und sind beim für Genossen untypischen »Sie« geblieben. Wenn Stolpe der behütende, altväterliche Hirte war, war Platzeck der Typ gelassener Patchwork-Daddy. Unterschiedlich ist auch ihre Ost-Biografie. Während Stolpe nah dran war an den DDR-Mächtigen, sucht der in einem konservativ-christlichen Elternhaus aufgewachsene Platzeck das Weite vor der Haustür.

Er sei ein »astreines DDR-Kind«, sagte Platzeck einmal über sich selbst, ganz ohne Westkontakte. Der Diplom-Ingenieur wird schnell desillusioniert vom real existierenden Sozialismus. Er sucht nicht den Konflikt mit dem System, er will etwas gegen die verdreckte Luft in seinem Land tun, die vom Abriss bedrohte Potsdamer Altstadt retten. 1988 gründet er eine Bürgerinitiative, nach der Wende geht er zu Bündnis 90.

Ein Bürgerrechtler im wahrsten Sinne des Wortes, kein Oppositioneller mit parteipolitischer Stoßrichtung. Erst 1995 tritt er der SPD bei. Platzeck führt Stolpes märkischen Wohlfühlkurs in Teilen fort, ist aber distanzierter zur DDR als sein Vorgänger. Für ihn war wie für viele in seiner Generation diese Wende-Erfahrung prägend: Von einem Tag auf den anderen kann alles anders sein. Platzeck ist pragmatisch, flexibel. 2009 schließlich lässt er sich auf eine Koalition mit den Linken ein. Stasi-Enthüllungen in der Linksfraktion erschüttern das junge Bündnis.

Eine Phase der Aufarbeitung beginnt, die manche Kritiker wie der Grünen-Fraktionschef Axel Vogel für zu oberflächlich und zu spät halten. Brandenburg bekommt 2010 eine Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur. Als letztes ostdeutsches Bundesland, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung. Aber Platzeck selbst ist nichts vorzuwerfen. Er war nicht Teil des alten Systems. 2013 schließlich erklärt Platzeck, Brandenburg habe inzwischen einen guten Aufarbeitungsstand, was die DDR angehe. »Das Thema« sei im Wesentlichen durch.


Woidke: Der Mann mit verbindlich festem Händedruck

Nach der Nachwendezeit und der Aufarbeitungsphase kehrt der Alltag in Brandenburg ein. Auf den aufbauenden Schulterklopfer und den integrierenden Umarmer folgt der Schraubstock – der Mann mit dem verbindlich-festen Händedruck.

Dietmar Woidke ist der Mann fürs Normale. Für Woidke, der Platzeck im August 2013 nach dessen gesundheitlich bedingtem Rückzug folgt, ist das Thema DDR tatsächlich sehr fern. In der alltäglichen Politik spielt es kaum noch eine Rolle. Woidke stand dem rot-roten Bündnis noch als SPD-Fraktionschefzunächst skeptisch gegenüber. Aber mittlerweile geht es um den Start des Flughafens BER und nicht um die Stasi.

Wie Platzeck, der sich einst selbst als »Provinz-Ei« bezeichnete, kokettiert Woidke gerne mit seiner Herkunft aus der Provinz. Er wolle Platzecks Kurs fortsetzen, erklärt er bei seinem Amtsantritt. Heimatverbunden, aber kein Hinterwäldler will er sein. Das kommt an beim Volk. Woidke wuchs auf einem Bauernhof in der Lausitz auf, der seit Jahrhunderten in Familienbesitz ist. Er lebt noch heute in seinem Elternhaus in Forst. 1993 trat der Agraringenieur in die SPD ein. 1994 wurde er erstmals in den Landtag gewählt und gehört seitdem dem Parlament an. Im Oktober 2010 wurde er Innenminister.

Die Wende, die DDR, spielten keine herausragende politisch-prägende Rolle in seinem Leben. Er war nicht Teil des Systems oder nah dran wie Stolpe, er war kein Bürgerrechtler wie Platzeck. Er war weder noch. In Berlin schließt er sich der Evangelischen Studentengemeinde an. Im Sommerurlaub 1989 in Ungarn denkt er kurz daran, in den Westen zu gehen, kehrt aber doch zurück, weil – so die pragmatische Erklärung – ja nicht alle abhauen können.

Am 9. November 1989 fährt er mit seiner Frau im Trabi zur Bornholmer Straße. West-Berlin enttäuscht ihn auf den ersten Blick. Er fährt schnell wieder zurück, weil die kleine Tochter im Osten wartet, genehmigt sich zu Hause einen doppelten Whisky. Ein Geschenk vom letzten West-Besuch. Eine Geschichte, wie sie so oder so ähnlich wohl viele DDR-Bürger erzählen können.

Seit der Neugründung des Landes hätten die Brandenburger viel geschafft, sagt Woidke 2014 in einer Regierungserklärung vor dem Landtag. Er lobt in seiner Rede die »märkische Art des gemeinsamen Zupackens« und erklärt, dass es heutzutage vielen jungen Südeuropäern ganz ähnlich gehe wie der Wende-Generation in Brandenburg und Ostdeutschland. Eine gänzlich unideologische Sicht auf die Dinge. Oskar Niedermayer, Parteienforscher an der Freien Universität Berlin, erklärt sich das Phänomen der ungebrochenen SPD-Dominanz in Brandenburg so: »Wichtig war nach der Wende im Osten immer die Person des Ministerpräsidenten als eine Art Leitfigur im neuen System«, sagt er in einem Interview mit der Märkischen Allgemeinen Zeitung.

Buchcover

In Brandenburg habe es von Anfang an starke SPD-Ministerpräsidenten gegeben, die diese Landesvaterrolle voll ausfüllten. Vor der Landtagswahl 2014 schien es zwischenzeitlich so, als könne die CDU, die wie Landrat Lange nur in der Provinz regieren darf, den Bann brechen und auch im Windschatten von »Bundesmutter« Angela Merkel den Landesvätern der SPD das Wasser abgraben. Die Umfragewerte waren gut wie nie. Zudem galt Woidke vielen zunächst als zu spröde und nicht so galant wie Platzeck und Stolpe. Doch Woidke ist schneller in seine Rolle hineingewachsen, als Kritiker es für möglich gehalten haben.

Es war Matthias Platzeck, der früher als andere gesehen hat, dass sein Nachfolger der richtige Mann zur richtigen Zeit ist. Weil er die in seiner Rede beschworene »märkische Art des Zupackens« verkörpert, die gebraucht wird in Zeiten, wo Haushalte zu konsolidieren und Flughafenplaner zu kontrollieren sind. Woidke ist ein Parade-Märker. Einer, der sich mit Brandenburg identifiziert und sich nicht mehr finden muss. Keine Identitätskrise, keine Altlasten. Nach der Landtagswahl ist es Platzeck, der den neuerlichen Erfolg der SPD erklärt. Dietmar Woidke habe »unheimlich gut hingepasst«. Er habe eine gute Sicht der Dinge, die er der Bevölkerung vermittelt habe. Und dann folgt der Schlüsselsatz, der Ritterschlag: »Dietmar Woidke ist nicht nur der Ministerpräsident, er ist bereits der Landesvater.«

Marion Kaufmann
Aus: Das Brandenbuch. Ein Land in Stichworten. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Potsdam 2015

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Kommentare

Historisches Bewußtsein

Wie wäre es, wenn man diese Reihe ein wenig erweitert und hier auch die Ministerpräsidenten des Landes Mark Brandenburg/Landes Brandenburg (1947-1949/1949-1952) aufführt? Man könnte ferner überlegen, ob man nicht auch die Landesdirektoren der Provinz Brandenburg ab 1876 hier aufführen sollte.
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Re: Historisches Bewusstsein

Vielen Dank für Ihre Anregung, die bei uns auf offene Ohren stößt. Im Rahmen des Beitrags auf dieser Seite ist es jedoch schwierig, eine Erweiterung in dem von Ihnen vorgeschlagenen Sinne vorzunehmen, da es sich um einen Auszug aus dem "Brandenbuch" handelt. Wir überlegen jedoch, wie wir Ihren Vorschlag für die Jahre nach 1945 vielleicht an anderer Stelle aufnehmen können. Über die Landesdirektoren der Provinz Brandenburg wird indessen auf Wikipedia bereits recht gut informiert. Wer sich in die Thematik "richtig vergraben" will, dem sei die wissenschaftliche Abhandlung "Adel und Staatsverwaltung in Brandenburg im 19. und 20. Jahrhundert" (1996), unter anderem in der Stadt- und Landesbibliothek in Potsdam verfügbar, empfohlen. Mit herzlichen Grüßen, Ihre Landeszentrale

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Re: Historisches Bewußtsein

Daß mein Vorschlag an dieser Stelle umzusetzen, mit der Idee der Vorstellung des "Brandenbuches" kollidieren würde, hatte ich ja auch schon angenommen. Dennoch schön, daß Sie es anderweitig umsetzen wollen. Aber den Wikipediaverweis für die Landesdirketoren "kaufe" ich Ihnen nicht ab ;-) Sowohl Informationen zu unseren Ministerpräsidenten als auch einiges andere, was auf den Seiten der BLPB zu lesen ist, findet man auch auf Wikipedia.... Gegen die Beleuchtung der Landesdirektoren spräche nur die Ansicht, daß man diese nicht auf eine Ebene mit den Ministerpräsidenten heben möchte. Ich finde aber man dürfte das ruhig tun. Ich bin gespannt auf die Darstellung der Brandenburger "Oberhäupter" - da fällt mir gerade ein und auf... da könnte man ja schon im Mittelalter anfangen... ich weiß, steht auch auf WIkipedia, aber hier wäre es ein Bekenntnis und Fingerzeig, det dit ooch Brandenburjer Jeschichte is... ;-)
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