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Märkerinnen

Die starken Töchter Brandenburgs
Abgesehen von einigen Ausnahmen ist die märkische Geschichte in Bezug auf ihre Frauen ziemlich vergesslich. Dass Brandenburg damit wertvolle weibliche Schlüsselfiguren und Vorbilder fehlen, wurde als Problem längst erkannt und das Ausmisten stereotyper Schubladen hat begonnen.

Illustration: Anne Baier, ByeByeSea.com

Die bekannteste Brandenburgerin? Wie aus der Pistole geschossen fällt meist ein Name: Regine Hildebrandt! Keine Luise, Effi oder Angela, nein, die Menschen denken an die couragierte Politikerin mit dem großen Mundwerk und dem Herz am rechten Fleck. Dabei war Regine Hildebrandt eigentlich Berlinerin. 1941 in Berlin-Mitte geboren, dort aufgewachsen und sozialisiert, Biologiestudium an der Humboldt-Universität, Arbeit beim VEB Berlin-Chemie und in der Zentralstelle für Diabetes. Erst mit der Wende kam die Protestantin und frisch gebackene Sozialdemokratin in die Politik und damit nach Brandenburg. Nach  einem kurzen Intermezzo in der ersten freigewählten DDR-Regierung wurde sie im Herbst 1990 Ministerin für Arbeit und Soziales in Brandenburg. Kurze Zeit später zog Regine Hildebrandt von Berlin nach Woltersdorf, wo sie 2001 im Kreise ihrer Familie viel zu früh an Krebs starb.

Kurze elf Jahre genügten, um aus ihr eine Gallionsfigur Brandenburgs, gar Ostdeutschlands zu machen. Ihre unangepasste, streitbare, zugleich zugewandte Art traf den Nerv vieler Menschen. In der Nachwendezeit, als in Brandenburg die Arbeitslosenquote landesweit auf fast 20 Prozent anstieg, schaffte die Frau an der Spitze des Arbeitsministeriums das Kunststück, dennoch von der Bevölkerung geliebt zu werden. Darüber war sie geschmeichelt, amüsiert und auf ihre raue Art auch nachdenklich:

Wie ick es finde, Deutschlands beliebteste Politikerin zu sein? Jarnich find’ ick det. Wenn se alle verschissen haben, muss ja eener nach oben."

Gerade wegen dieses derben Zungenschlags, der Mut zusprach, tröstete und austeilte, flogen ihr die Sympathien zu. Pragmatisch, bodenständig, märkisch. Eben eine von uns, so dachte man, und das schien schon damals in der Politik etwas Besonderes zu sein. Vielleicht lag es auch daran, dass die Hildebrandt, so wie sie die Öffentlichkeit wahrnahm, erst mit Brandenburg geboren wurde. Als Berufspolitikerin war sie wie das Bundesland selbst: neu, obgleich nicht ohne Vergangenheit. Mit ihrer populären Art taugte sie zur Identifikationsfigur, zur Projektionsfläche und konnte so einen Raum ausfüllen, der hierzulande schon recht lange vakant war. Denn wie sonst ist es zu erklären, dass einem auf Anhieb kaum andere berühmte Märkerinnen einfallen, deren Wirken so untrennbar mit dem Land verbunden ist?
 

96 Skulpturen und nicht eine einzige Frau

Abgesehen von einigen adeligen Ausnahmen ist die märkische Geschichte in Bezug auf ihre Frauen ziemlich vergesslich. Mochten noch so viele zu Lebzeiten gewichtige Funktionen gehabt haben, der Geschichtsschreibung waren sie oft nicht einmal eine Randnotiz wert.

Ich sehe nicht ein, warum wir uns immer um die Männer oder gar um ihre Schlachten kümmern sollen; die Geschichte der Frauen ist meist viel interessanter"

heißt es in einem Roman Fontanes. Der berühmte märkische Dichter nahm wie kein anderer Anteil am Schicksal der Frauen im 19. Jahrhundert und beschrieb deren unselbständiges, perspektivloses Leben in der preußischen Gesellschaft. Dass zu Fontanes Zeiten eher die Schlachten der Männer zählten, zeigt eine Begebenheit aus der frühen Regierungszeit Wilhelm II.: 1895 gab der Kaiser in Berlin eine Siegesallee für den Tiergarten in Auftrag. Mit ihr wollte Wilhelm II. der märkisch-preußischen Geschichte huldigen. 32 Denkmalgruppen spannten den Bogen von Albrecht dem Bären bis zum ersten deutschen Kaiser.

Unter den insgesamt 96 Skulpturen fand sich nicht eine einzige Frau. Wer sich die Mühe machte, konnte immerhin auf einer Marmorbank das Relief der Kurfürstin Elisabeth von Bayern erspähen. Die Stammmutter der Hohenzollern eignete sich wunderbar als Rückenlehne. Schon Zeitgenossen wunderten sich, dass so populären Frauen wie Kurfürstin Sophie Charlotte oder Königin Luise kein Flecken auf der Allee gegönnt wurde. Dabei waren es gerade die Ehefrauen und Töchter der fürstlichen Herrscher, die dank ihrer diplomatischen Geschicke, vor allem auf dem Gebiet der Heiratspolitik, den Aufstieg der Mark Brandenburg zum erfolgreichen Hohenzollern-Staate mitgestalteten.

Frauen wie Anna von Preußen, die als Erbin Ostpreußens, des Herzogtums Kleve und der Grafschaften Mark und Ravensberg der Regionalmacht Brandenburg im ausgehenden 16. Jahrhundert riesige Territorialgewinne verschaffte. Oder Luise Henriette von Oranien. Die Ehefrau des Großen Kurfürsten gestaltete die Politik ihres Landes aktiv mit. So ließe sich die Reihe fortsetzen. Zu wirklich nachhaltigem Ruhm brachte es eigentlich nur eine: Luise von Preußen, die schon zu Lebzeiten wegen ihrer Anmut und ihrer patriotischen Gesinnung in allen Schichten verehrt wurde und um die sich nach ihrem frühen Tod ein regelrechter Kult entwickelte. Die meisten Regentinnen aber sind vergessen.
 

Weibliche Schlüsselfiguren und Vorbilder

Höchste Zeit also für eine symbolische Bresche in der Siegesallee. Sie schlägt 2015 eine große Ausstellung. Genau 600 Jahre nachdem Friedrich VI. aus dem Hause Hohenzollern mit der Mark Brandenburg belehnt wurde, nimmt sich die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg der »Frauensache – Wie Brandenburg Preußen wurde« an. Die Schau holt die Frauen der Hohenzollern in die Erinnerung zurück. Doch verhält es sich mit den früheren Landesmüttern wie mit der berühmten Spitze des Eisbergs. Im Dunst der Vergangenheit mögen sie gerade noch erkennbar sein, der große Rest aber versinkt unter der Oberfläche. Dass dem heutigen Land Brandenburg damit wertvolle weibliche Schlüsselfiguren und Vorbilder fehlen, wurde als Problem längst erkannt und das Ausmisten alter, stereotyper Schubladen hat mittlerweile begonnen.

Zu den erklärten Zielen der hiesigen Gleichstellungspolitik gehört neben arbeitsmarktpolitischen Themen oder Gleichstellungsfragen in Erziehung, Familie oder Bildung auch die Würdigung »der gesellschaftlichen Leistungen von Frauen«. So war der 200. Todestag von Königin Luise 2010 Anlass genug, um gleich ein gesamtes Themenjahr den Frauen in Brandenburg-Preußen zu widmen. Unter dem Motto »Mut und Anmut« machten sich zahlreiche Kulturland-Projekte landauf und landab ans Werk, Märkerinnen zu besserer Sichtbarkeit zu verhelfen.

Eine Spurensuche der besonderen Art ging dabei auf das Konto der damaligen Potsdamer Gleichstellungsbeauftragten, Sabina Scheuerer. Bei Spaziergängen fiel der gebürtigen Münchnerin auf, dass vielerorts bedeutender Männer gedacht wird. Gedenktafeln, Inschriften, Denkmale – Brandenburg vergisst seine Söhne nicht. Den Töchtern gegenüber, so empfand Scheuerer, verhielt sich das Land jedoch stiefmütterlich.

Mit Hilfe des Frauenpolitischen Rates und dank vieler Anregungen rief sie die »FrauenOrte« ins Leben. Überall im Land entstanden an markanten Orten Hinweistafeln, die an Frauenpersönlichkeiten aus allen Schichten erinnern. Etwa an Käthe Pietschker. Alteingesessenen Potsdamern ist das »Werner-Alfred-Bad« in der Hegelallee ein Begriff. Viele lernten in dem Jugendstil-Bad schwimmen. Was kaum noch jemand wusste: Der milde Stifter war kein Herr Alfred, sondern eine Frau – Siemens-Tochter Käthe Pietschker. Die Pfarrersgattin und sechsfache Mutter verlor 1911 ihren ältesten Sohn Werner Alfred bei einem Flugunfall. In ihrer Trauer wollte sie »ein Beispiel an Zuversicht und Gottvertrauen« sein und versank nicht in untätigem Gram, sondern schenkte Potsdam eine gut ausgestattete Badeanstalt, auf deren Fehlen ihr Sohn sie zu Lebzeiten aufmerksam gemacht hatte. Das ehemalige Bad ist heute ein Gesundheitshaus, das neben medizinischen Einrichtungen einen Biomarkt und ein Café beherbergt. Der soziale Geist seiner Stifterin lebt darin weiter. Wie an Käthe Pietschker erinnern inzwischen 45 Tafeln an Politikerinnen, Unternehmerinnen, Bäuerinnen, Gutsbesitzerinnen, Künstlerinnen oder Schleusenwärterinnen.

Was verbindet all diese Frauen, die nicht nur ganz unterschiedlich waren, sondern auch in völlig verschiedenen Epochen lebten? »Wenn es einen kleinsten gemeinsamen Nenner gibt, dann vielleicht, dass sie alle unkonventionell waren und bereit, für oder gegen eine Sache zu kämpfen«, sagt Projektleiterin Sabina Scheuerer vorsichtig. Schubladen sind nicht ihre Sache. Doch noch eine weitere Gemeinsamkeit fällt auf: Allen scheint ein enormer Bildungshunger gemein, befeuert vom Wunsch nach Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. So ist es wenig verwunderlich, dass viele Persönlichkeiten der »FrauenOrte« im späteren Leben erzieherisch tätig waren. Als Stifterinnen oder Direktorinnen von Schulen oder Reformpädagoginnen gaben sie ihre Erfahrungen an junge Frauen weiter. In dem Maße aber, wie sich Bildung verbreitete, wuchs zugleich das Wissen um die Grenzen der eigenen Entfaltung.

Wohin noch vor gut einhundert Jahren Bildung ohne Aufgabe, Streben ohne Anerkennung und ein Dasein ohne Selbständigkeit bei jungen Frauen führen konnte, hat wiederum niemand treffender als Theodor Fontane beschrieben. Seine »Effi Briest«, die vielleicht berühmteste Märkerin in der Literatur, zerbricht an einer patriarchalischen Gesellschaft, die »mit einem Blick des Mitleids oder auch wohl mangelnder Achtung« (Fontane) die Frauen streift. Sie galten als Nervenbündel, denen man zur Schonung intellektuelle Abstinenz verordnete: »Keine geistigen Anstrengungen, keine Besuche, keine Lektüre«, empfiehlt im Roman Effis Hausarzt, gleichwohl ein aufgeklärter Mann mit gutem Herz.
 

Gleichstellung ist keine Einbahnstraße

Weit scheinen wir heute von dieser Welt entfernt, da eine Templinerin Bundeskanzlerin ist und auch das ranghöchste Amt in Brandenburg – die Leitung des Landtags – von einer Frau bekleidet wird. Was die Gleichstellung betrifft, können Brandenburg und seine 1,24 Millionen Frauen sich sehen lassen. Im bundesweiten Vergleich hat das Land mit 72,8 Prozent die höchste Erwerbstätigenquote von Arbeitnehmerinnen und liegt damit sowohl über dem westdeutschen Bundesdurchschnitt von 68 Prozent als auch über dem ostdeutschen von 70 Prozent (Stand Juli 2014).

Wenn man bedenkt, dass Frauen in den Nachwendejahren überdurchschnittlich hoch von Arbeitslosigkeit betroffen waren (1993 waren doppelt so viele Frauen wie Männer arbeitslos, zwei Drittel der Langzeitarbeitslosen waren weiblich), dann ist die Überwindung dieser Krise ebenfalls eine Lebensleistung, der Anerkennung gebührt. Kein Wunder, dass für Märkerinnen Bildung und Ausbildung eine hohe Priorität haben. Seit Jahren schon haben Brandenburger Mädchen beim bundesweiten Vergleich der Geschlechterverteilung an Gymnasien die Nase vorn. Zuletzt lagen sie mit 54 Prozent Anteil an der Schülerschaft erneut auf Platz eins (Stand Schuljahr 2012/2013). 47 Prozent der Habilitationen an Brandenburger Hochschulen und Universitäten werden von Frauen abgelegt. Der Anteil von Frauen bei den Abschlussprüfungen in Ingenieurswissenschaften ist mit 32 Prozent ebenfalls deutlich höher als in anderen Bundesländern.

Junge Brandenburgerinnen streben nach Ausbildung sowie Berufstätigkeit und sind dafür bereit, notfalls ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Die Abwanderung von Frauen aus den ländlichen Gebieten ist ein wichtiges Thema, denn damit fehlen Gegenden wie der Prignitz, der Uckermark, den Kreisen Elbe-Elster und Spree-Neiße nicht nur die potenziellen Mütter von morgen. Dort, wo junge, schlechter ausgebildete Männer in der Mehrzahl zurück bleiben, gerät neben der Demografie auch das soziale Gefüge aus dem Gleichgewicht.

Buchcover

Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass die Gleichstellung keine Einbahnstraße ist, die nur in Richtung des einen Geschlechtes verläuft. Genauso wünschenswert ist es, dass sich der 80,2 Prozent-Anteil von Lehrerinnen an Brandenburger Schulen stärker zugunsten der Männer verschiebt. Gleiches gilt für Erzieher, Pflegekräfte, Schreib- oder Assistenzberufe. Dort herrscht Not am Mann.

Andererseits fehlen auf den Spitzenpositionen in Brandenburger Chefetagen die Frauen, und zwar sowohl in Kommunen (6 Prozent weibliche Führungskräfte) wie in obersten Landesbehörden (24 Prozent) als auch in Unternehmen (28 Prozent). Wäre nicht nur die berühmte »gläserne Decke« nach oben durchlässiger, sondern wären auch die gläsernen Wände zwischen den geschlechtertypischen Berufsfeldern poröser, würde sich vermutlich auch das Problem der ungleichen Entlohnung schneller lösen.

Noch immer verdienen in Brandenburg Frauen durchschnittlich 9 Prozent weniger als Männer. Typisch weibliche Berufe werden schlechter bezahlt, Teilzeitjobs werden schlechter bezahlt, und ja, Frauen auf gleichen Positionen wie Männer werden schlechter bezahlt. Auf faire Bezahlung und faire Aufstiegschancen zu pochen, erfordert Mut, denn nicht selten müssen dafür Anmut und falsche Rücksichtnahme über Bord geworfen werden.

Dass die Brandenburger Frauen mutig sind, haben sie oft genug bewiesen. Oder um der bekanntesten Brandenburgerin das letzte Wort zu erteilen: »Wer sich nicht bewegt, hat schon verloren.«

Marika Bent
Aus: Das Brandenbuch. Ein Land in Stichworten. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Potsdam 2015

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