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Politische Bildung an beruflichen Schulen

Lernende an Berufsschulen haben großes Interesse an Politik. Sie sind aber auch offen für rechtsextreme oder weit rechts angesiedelte Einstellungen. Für die politische Bildung ergibt sich daraus ein anspruchsvolles Handlungsfeld, meint Anja Besand von der TU Dresden.
Seminar mit Schülern

Frau Besand, was sind die zentralen Erkenntnisse Ihrer Untersuchung?

Anja Besand: Wenn die politische Bildung sich in Zukunft verstärkt weniger akademisch sozialisierten Zielgruppen zuwenden will, scheint die Berufsschule dafür ein geeigneter Ort zu sein. Dort gibt es Lehrerinnen und Lehrer, die sehr viel Erfahrung mit kompetenzorientierten Vermittlungsformen haben. Zudem ist politische Bildung im Rahmen der beruflichen Ausbildung institutionell gut verankert und hat damit einen festen Platz in der Berufsschule – auch wenn sie nicht an allen Schulen den besten Stand hat. Und wir haben ganz vielfältige Zielgruppen dort vor Ort, Menschen mit unterschiedlichen Bildungshintergründen aus nahezu allen Altersgruppen. Wir treffen an berufsbildenden Schulen auch auf Zielgruppen, die als sehr herausfordernd beschrieben werden können. Wir konnten jedoch nicht feststellen, dass diese Zielgruppen dem Politischen gegenüber verschlossen wären. Im Gegenteil – es gibt ein großes Interesse an Politik.
 

Anja BesandAnja Besand ist Professorin für Didaktik der politischen Bildung an der Technischen Universität Dresden. In der Studie „Monitor politische Bildung an beruflichen Schulen. Probleme und Perspektiven“ aus dem Jahr 2014 untersuchte sie die Situation der politischen Bildung an berufsbildenden Schulen.

Es gibt ein großes Interesse an Politik? Können Sie das etwas ausführen?

Anja Besand: Entgegen des immer wieder beschriebenen Trends konnten wir in unserer Untersuchung keine allgemeine „Politikverdrossenheit“ oder „Politikferne“ der Schülerinnen und Schüler feststellen. Wie erwähnt gibt es ein großes Interesse an Politik. Vielleicht ist dies ein Effekt des an den Berufsschulen durchschnittlich etwas höheren Lebensalters und der weiter fortgeschrittenen Lebenssituation vieler Schülerinnen und Schüler. Ein problematischer Befund hingegen ist, dass eine nicht unbeträchtliche Zahl der Schülerinnen und Schüler im Bereich der beruflichen Bildung mit rechtsextremen oder sehr weit rechts orientierten Einstellungen zumindest kokettiert. Viele Lehrerinnen und Lehrer sehen sich zudem außerstande, im Arbeitsalltag angemessen darauf zu reagieren und wünschen sich mehr Unterstützung.
 

Welche Zielgruppen werden durch die politische Bildung an den berufsbildenden Schulen erreicht?

Anja Besand: Zunächst sind dies die Schülerinnen und Schüler des dualen Bereichs, also die zukünftigen Bäcker oder Metzger, aber auch Hotelfach- oder Bankkaufleute, die wir vor Augen haben, wenn wir im Alltag über die Berufsschule sprechen. Eine weitere große Gruppe sind Schülerinnen und Schüler in vollzeitschulischen Bildungsgängen, etwa die zukünftigen Kranken- oder Altenpflegerinnen und -pfleger. Eine dritte große Gruppe sind die Schülerinnen und Schüler im sogenannten Übergangssystem. Das Übergangssystem ist das System, in das alle Jugendlichen kommen, die noch schulpflichtig sind, aber keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Innerhalb dieser drei Gruppen gibt es eine hohe Altersspreizung, eine hohe Leistungsspreizung und natürlich auch eine hohe Unterschiedlichkeit von Interessen.
 

Gibt es denn geeignete Angebote politischer Bildung für diese sehr unterschiedlichen Zielgruppen?

Anja Besand: Die Angebote werden der Heterogenität der Schülerschaft an beruflichen Schulen nicht immer gerecht. Besonders sichtbar wird dies in den Bereichen Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) und Berufsgrundbildungsjahr (BGJ). Für diesen beruflichen Übergangsbereich mit einer umfangreichen Schülerschaft gibt es nur ganz wenige spezialisierte Konzepte, vielleicht zwei oder drei Bücher mit Lehrmaterial zur politischen Bildung. Das verdeutlicht die geringe Aufmerksamkeit, die diesem Bildungsbereich bislang zukommt. Dabei könnten die beruflichen Schulen ein Laborbereich für alltagsnahe, praxisorientierte politische Bildung werden – schließlich arbeiten dort Spezialisten für kompetenzorientierten Unterricht. Allerdings: Während die beruflichen Fächer kompetenzorientiert unterrichtet und auch geprüft werden, findet das im allgemeinbildenden Bereich deutlich seltener statt. Auch die politische Bildung kommt hier bislang zu kurz.
 

Sehen Sie in dem Zusammenhang Chancen oder Möglichkeiten durch die Kooperation mit außerschulischen Trägern politischer Bildung?

Anja Besand: Leider ist es aufgrund der unterschiedlichen Organisationsformen nie ganz leicht, schulische und außerschulische politische Bildung zusammenzubringen. So sind in der dualen Ausbildung die Schülerinnen und Schüler entweder im Blockunterricht oder nur einen Tag pro Woche in der Schule. Im Bereich des Übergangssystems des BVJ/BGJ, in dem die Schülerinnen und Schüler nahezu jeden Tag in der Schule sind, bieten sich jedoch gute Möglichkeiten zur Kooperationen mit außerschulischen Akteuren. Nach unserer Erfahrung warten die beruflichen Schulen nur darauf, dass von außen jemand kommt und ihnen hilft. Gleichzeitig ist es für außerschulische Akteure wichtig, Angebote zu entwickeln, die anschlussfähig an berufliche Handlungskontexte und Organisationsstrukturen sind. Wenn sie Zugang zu beruflichen Schulen finden wollen, dann müssen sie angehenden Bäckerinnen und Bäckern ein anderes Bildungsangebot machen als Erzieherinnen und Erziehern.
 

Können Sie das etwas ausführen? Wie sieht eine geeignete politische Bildung für Bäcker aus?

Anja Besand: Natürlich gibt es Fragestellungen, die sich über einen Beruf hinaus verallgemeinern lassen, aber nur in den wenigsten Fällen haben sie für alle Berufe die gleiche Relevanz. Daher gilt es zu überlegen, welche Fragen sich aus den beruflichen Feldern heraus stellen. Im letzten Semester beispielsweise haben wir gemeinsam ein spezielles Format für Hochbau-Tiefbau-Schülerinnen und -Schüler entwickelt. Zunächst fiel es uns schwer, einen Ansatzpunkt zu finden, bis wir auf das Thema Whistleblowing und Edward Snowden kamen. Durch die Enthüllungen des amerikanischen Whistleblowers war das Thema in den Medien präsent und auch der berufliche Bezug ließ sich leicht herstellen. Im Hochbau-Tiefbau-Gewerbe kommt es gelegentlich dazu, dass beispielsweise Baumaterialien verschoben oder illegale Beschäftigungsverhältnisse begründet werden – die Schülerinnen und Schüler könnten dann vor der Frage stehen, ab wann sie nicht mehr zur Loyalität ihrem Arbeitgeber gegenüber verpflichtet sind.
 

Vor welchen weiteren Herausforderungen steht die politische Bildung an berufsbildenden Schulen?

Anja Besand: Die politische Bildung hat im Bereich der beruflichen Bildung ein Image- oder Anerkennungsproblem. Einerseits ist sie institutionell gut verankert, andererseits ist sie nicht hoch angesehen und gerade wenn es dann näher an die Prüfungen geht, hält mancher die politische Bildung für verzichtbar, dann werden die Stunden dafür anderweitig genutzt. Viele Schulleitungen setzen zudem auch Fachfremde in diesem Bildungsbereich ein, da Sie der Überzeugung sind, dass man für den Unterricht in der politischen Bildung nicht unbedingt fachlich ausgebildet sein muss. Tatsächlich gibt es in der politischen Bildung in beruflichen Schulen mittlerweile mehr fachfremde Lehrkräfte als ausgebildete. Das ist schon ein substanzielles Problem, ein Image- und Anerkennungsproblem. Hierbei spielen auch die zentralen Abschlussprüfungen der verschiedenen Kammern eine Rolle, die stark auf rechtliche und ökonomische Fragen fokussiert sind. Das wirkt als mächtiger heimlicher Lehrplan, bei dem die genuin politische Bildung nicht selten ziemlich unter die Räder kommt.
 

Kann die politische Bildung diese Probleme bewältigen?

Anja Besand: Viele Praktikerinnen und Praktiker haben oft das Gefühl, nicht ausreichend auf die Praxis vorbereitet zu sein. Die in unserer Studie befragten Gemeinschaftskundelehrerinnen und -lehrer hingegen sehen sich durch ihre Ausbildung deutlich im Vorteil gegenüber den vielfach eingesetzten fachfremden Lehrkräften. Sie können substanzielle Unterschiede in der Gestaltung ihrer Angebote benennen und loben die Kenntnisse aus ihrer Ausbildung, die sie in der politischen Bildungsarbeit nutzen können. Da wir auch Lehramtsstudentinnen und -studenten für diesen Bereich ausbilden, war dieser Befund für mich ganz tröstlich. Er spricht auch für die Aufgabe der Transferstelle politische Bildung. Denn offensichtlich lohnt es sich, wissenschaftliche Erkenntnisse an die Praxis heranzutragen, weil sie in der Praxis ankommen und genutzt werden.
 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Veröffentlichung auf unserer Seite mit freundlicher Genehmigung der Transferstelle für politische Bildung, Mai 2015

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