Leichte Sprache

Sprache im Internet als Form von Gewalt

Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel untersucht den aggressiven und verhetzenden Sprachgebrauch gegenüber Juden im Internet. Im Interview mit ARD.de erklärt sie, warum Sprache eine Form der Gewalt sein kann und wieso davon im Netz besonders häufig Gebrauch gemacht wird.
Daumen runter

Einfluss der Netzkommunikation auf die reale Welt

ARD.de: Kann Sprache eine Form von Gewaltausübung sein?

Monika Schwarz-Friesel: Ja, Sprache ist ein sehr gefährliches, höchst einflussreiches, oft aber unterschätztes Machtinstrument. Mit Sprache werden Menschen beleidigt, verhöhnt und abgegrenzt - also wie bei der körperlichen Gewalt verletzt. Geistige Gewalt greift die Würde von Menschen an, degradiert sie und beschädigt sie seelisch. Sie schafft ein intensives Klima der Intoleranz.

Kommt es im Internet häufiger zu verletzenden sprachlichen Angriffen als in der direkten Kommunikation?

Die Anonymität, die bei der Internetkommunikation oft gegeben ist, verstärkt den Einsatz aggressiver Sprachgebrauchsmuster. Die Nutzer lassen alle Hemmungen fallen, und es kommt zu vulgären und gewaltandrohenden Sprechhandlungen wie: "Alle Drecksjuden ins Gas" oder "Zerstört das jüdisch verseuchte Israel!"

Die User befürchten keinerlei Sanktionen und toben sich mit ihrer verbalen Aggressivität in der virtuellen Welt des Internets auf eine Weise aus, die im öffentlichen und alltäglichen Sprachraum - zur Zeit noch - unmöglich wäre.

Monika Schwarz-Friesel. | Bildquelle: Monika Schwarz-FrieselProf. Dr. Monika Schwarz-Friesel ist Linguistin und Antisemitismusforscherin an der Technischen Universität Berlin. Foto: Schwarz-Friesel (2013)

Woran liegt das?

Die heimische PC-Situation simuliert Privatheit und lässt zum Zeitpunkt des Schreibens das Bewusstsein für die breite Zugänglichkeit des Textes in der Öffentlichkeit in den Hintergrund treten.

Auch User, die nachweislich ihren wirklichen Namen angeben, lassen sich beim Schreiben ihrer Texte davon beeinflussen. Andererseits reizt es natürlich gerade auch viele, über das Netz ein breites Publikum zu erreichen - und das im Schutz der Anonymität.

Gibt es im Netz auch Stimmen, die den Hass und die Hetze verurteilen?

Im Internet treffen aggressive User auf zu wenig energischen Widerspruch. Immer mehr hasserfüllte Kommentare stehen einer vergleichsweise geringen Zahl von zu Toleranz aufrufenden Texten gegenüber - die verbale Gewalt wird zu selten verurteilt. Ein Teufelskreis: Je mehr enthemmte Kommentare widerspruchslos erscheinen, desto größer wird die Bereitschaft, sich an dieser Kommunikation auch zu beteiligen.

Hat die Aggressivität im Cyberspace Auswirkungen auf das reale Leben?

Das Internet wird zwar als sogenannte virtuelle Welt bezeichnet, aber die Kommunikation im Netz spielt für immer mehr eine immer größer werdende Rolle. Was und wie im Netz kommuniziert wird, kann langfristig erheblichen Einfluss auf die reale, alltägliche Sprachverwendung haben.

Zum Beispiel zeigen die verhetzenden und beleidigenden Sprüche wie "Jude, Jude, feiges Schwein" auf den Anti-Israel-Demonstrationen im Sommer 2014, wie schnell ein diskriminierender Sprachgebrauch auch die öffentliche Kommunikation in der realen Welt erreichen kann.

Das Interview führte Anja Scherer.
15.11.2014

 

CC-LizenzDer Text dieses Interviews steht unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0. | Quelle: Monika Schwarz-Friesel, Anja Scherer


Landeszentrale, November 2014

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