Leichte Sprache

Der Führer in meinem Kinderzimmer

Was tun rechtsextreme Eltern ihren Kindern an? Patrick Gensing hat nach Antworten gesucht und sich einen Fall in Jüterbog genauer angeschaut. Ein junger Mann versucht, ein Flüchtlingsheim anzuzünden. Er bekennt sich zu der Tat und deckt damit seinen Vater.
Gehirnmanipulation

Der Prozess um den Brandanschlag auf eine Unterkunft für minderjährige Flüchtlinge in Jüterbog im Oktober 2016 hat eine überraschende Wende genommen: Demnach könnte der angeklagte Chris P. doch nicht alleiniger Täter gewesen sein. Laut „Märkische Allgemeine Zeitung“ erklärte die Freundin des Angeklagten Mitte Oktober vor dem Landgericht Potsdam, dass der 21-jährige Chris P. gemeinsam mit seinem 44-jährigen Vater und einem Freund den Brandanschlag verübt haben soll. Der Vater soll die Molotow-Cocktails gebaut haben, die beiden jungen Männer hätten diese dann auf die Flüchtlingsunterkunft geworfen. Chris P. hatte zu Prozessbeginn gestanden, am 1. Oktober 2016 in seiner Heimatstadt zwei Molotow-Cocktails auf ein Asylheim geworfen zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Mord und schwere Brandstiftung vor.

Auch die Mutter des Angeklagten belastete ihren Ex-Mann schwer. In einem Brief habe ihr Sohn aus der Untersuchungshaft heraus zugegeben, dass der Vater beteiligt gewesen sein soll – er aber ihm zuliebe die alleinige Schuld auf sich nehme. Zudem soll die Frau ihrem Ex-Mann vorgeworfen haben, die gemeinsamen Kinder rechtsextrem zu indoktrinieren. Die Angaben der Mutter decken sich mit Erkenntnissen der Ermittler: Bei der Hausdurchsuchung haben sie in P.s Zimmer keine Hinweise auf eine rechtsextreme Gesinnung gefunden. Dafür sind sie in der Garage des Wohnhauses, in dem P. bis zuletzt mit seinem Vater wohnte, fündig geworden.

Am Auto: ein Reichsadler - mit Eisernem Kreuz statt Hakenkreuz. Im Regal Rechtsrock-CDs. „Balladen des Nationalen Widerstands“, „Radio Wolfsschanze I und II“, „Freikorps“. Die aber müssen nicht dem Angeklagten, könnten vielmehr auch dem Vater gehört haben. Wenige Stunden nach dem Anschlag auf das Jüterboger Asylheim hatte Chris P., wie er vor Gericht angab, gemeinsam mit seinem Vater gesungen: „Hisst die rote Fahne mit dem Hakenkreuz“. Ein Lied der Band „Landser“, die als kriminelle Vereinigung eingestuft wurde.

Kindheit zwischen Drill, Fahnenappell und Nazi-Propaganda

Ein junger Mann, dem wohl schon im Kinderzimmer beigebracht wurde zu hassen. Experten warnen schon länger vor rechtsextremen Eltern, die ihre Kinder und deren Umgebung ideologisch indoktrinieren. Aussteiger berichten über ihre Kindheit zwischen Drill, Fahnenappell und Nazi-Propaganda. Beispielsweise Heidi Benneckenstein; sie erzählt in dem Buch "Ein deutsches Mädchen - Mein Leben in einer Neonazi-Familie" ihre Familiengeschichte, von ihrem Vater, einem strammen szenebekannten Nazi, der seine Kinder völkisch-nationalistisch erzieht.

Ihre Ferien verbringt sie in Zeltlagern der "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ), die mittlerweile verboten ist: "Da musste man strammstehen, musste die Fahne in einer Hand halten und dann einen Treueeid nachsprechen", berichtet sie im NDR. Die HDJ war eine Nachwuchskaderschmiede der braunen Bewegung und erinnerte nicht nur vom Namen an die Hitler Jugend (HJ). Viele rechtsextreme Funktionäre waren in der HDJ – und wuchsen in einer Art Parallelwelt auf.

Die Fachjournalistin Andrea Röpke beschäftigt sich seit Jahren mit der Szene. Sie betonte im NDR, die Kinder würden antimodern und sektenähnlich erzogen. "Ganz schockierend für mich ist, dass diese Kinder sehr frühzeitig mit Feindbildern aufwachsen. Sie wachsen immer mit diesem erhabenen Gefühl, zu einer besonderen Volksgemeinschaft, zu einer besonderen Gemeinschaft zu gehören auf, und von der verabschiedet man sich nicht so schnell, im Gegenteil, man bekämpft dann das, was da außen ist." Das Online-Portal Vice veröffentlichte einen Auszug aus dem Buch von Benneckenstein, in dem sie Einblicke in eine abgeschlossene Welt gewährt:

Wir saßen am Lagerfeuer, sangen verbotene Lieder, marschierten kilometerweit durch Wälder und sprachen uns mit "Kamerad" und "Heil Dir" an. Wir wurden militärisch gedrillt und ideologisch geschult. Campiert wurde auf Zeltplätzen in Wäldern oder an unbesiedelten Küstenstreifen. Abends hörten wir Vorträge über "Rassekunde", "die biologischen Grundlagen unserer Weltanschauung" oder "altgermanische Runenschrift", schauten den Nazi-Propaganda-Film "Der Ewige Jude" und lauschten den Versen des NS-Dichters Heinrich Anacker, zum Beispiel seinem Gedicht "Die Waage Europas", das von der ungleich beladenen Waage Europas handelt, die der Führer wieder ins Gleichgewicht bringt.

Die Eckpfeiler der rechtsextremen Ideologie werden zur Basis der Kindeserziehung: Das strikte Freund-Feind-Schema, die Idealisierung des Kampfes, Ausgrenzung, elitäres Denken, gewalttätige Sprache und Hass auf andere Menschen sind quasi Alltag.
 

Flugblätter auf der Buchmesse verteilt

Und Kinder werden auch öffentlich für politische Zwecke eingesetzt: Auf der Frankfurter Buchmesse berichteten Augenzeugen von zwei Kindern im völkischen Vorzeigeoutfit, die vor dem Stand des neurechten Antaios-Verlag Flugblätter verteilten, die sich gegen die Amadeu-Antonio-Stiftung richteten. Die Stiftung gehört zu einem der wichtigsten Feindbilder in der extremen Rechten – sicherlich auch, weil sie das Thema rechtsextreme Eltern bereits in einer Broschüre behandelt hat. „Wie verhalten sich KollegInnen, die im Fürsorgebereich arbeiten und Hausbesuche machen, wenn sie sehen, dass im besuchten Haushalt Nazisymbole ausgestellt sind oder die Kinder offensiv angehalten werden, sich nur »deutsch« zu benehmen und bei »undeutschem« Verhalten mit einer Strafe zu rechnen haben?“, so lautet eine der Fragen in der Handreichung. Oder auch: „Was machen ErzieherInnen, wenn sie merken, dass Eltern ihre Kleinen anhalten, nicht mit Kindern anderer Hautfarbe zu spielen?“

Eine Erzieherin berichtete über Erfahrungen mit Kindern aus rechtsextremen Familien: „Ich finde die Kinder seltsam.Viel zu ruhig, spielen viel alleine oder als Geschwister miteinander. Seitdem ich weiß, dass die Familie auch mit anderen Familien in solche Lager fährt, finde ich es eher unheimlich, dass die Kinder überhaupt nichts erzählen.“ Genau diese Isolation soll früh durchbrochen werden. Dazu heißt es in der Broschüre:

Kindern aus diesen Familienzusammenhängen wird oft der Zugang zu nicht rechtsextremen Verhältnissen verwehrt. Somit fehlt den Kindern der Austausch mit anderen Lebensformen und die Begegnung mit kultureller Vielfalt. ErzieherInnen aus Kindertagesstätten, die Kinder aus rechtsextremen Familien in ihren Gruppen erleben, berichten von einer vergleichsweise ungewöhnlichen Zurückhaltung dieser Kinder, von ihrem Familienleben und beispielsweise von ihren Wochenendaktivitäten zu erzählen. Ein solches Verhalten kann Ausdruck des Drucks sein, den Eltern ausüben. Es liegt nahe, dass die Feindbilder der Eltern auf die Kinder übertragen werden und ihnen Zurückhaltung und Schweigen auferlegt wird. Das Misstrauen, welches sich dadurch bei den Kindern bildet, aber auch der Druck kann sich negativ auf die Entwicklung der Kinder auswirken.

Im Fall des Brandanschlags von Jüterbog ging diese Übertragung der Feindbilder so weit, dass der Sohn die alleinige Schuld für ein Hassverbrechen auf sich nahm, um seinen Neonazi-Vater zu schützen. Dabei dürfte er wohl der Hauptschuldige sein, was die Vermittlung von Hass betrifft. Umso wichtiger, dass Kindern von ideologischen Fanatikern frühzeitig die Möglichkeit eröffnet wird, sich auch in anderen Lebenswelten zu bewegen und Menschen mit anderen Meinungen zu begegnen.
 

Patrick GensingPatrick Gensing ist Blogger, Journalist und Nachrichtenredakteur. Für die Netzinitiative publikative.org – eine Seite, die zunächst als NPD-Watchblog bekannt wurde, wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er schreibt zu Fachthemen wie Antisemitismus, Medien, Rechtspopulismus und -extremismus.

 


 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (2 Bewertungen)

Kommentare

Zuordnung

Nicht nur die Bundeszentrale für politische Bildung ordnet das primitive "Hakenkreuz"-Lied: („Hisst die rote Fahne mit dem Hakenkreuz“) nicht der vom Berliner LG verbotenen Gruppe "Landser", sondern der ehemaligen Nürnberger Skinhead-Band "Radikahl" zu (vgl.

http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/185064/rechtsrock-fuer-s-vaterland

) und auch andere Quellen nicht fragwürdigen Ursprungs sagen dasselbe. (

http://www.sueddeutsche.de/panorama/rechtes-liedgut-auf-schulabschlussfeier-bei-der-extremen-rechten-wird-das-ein-hoehnisches-grinsen-ausloesen-1.1423722

oder

http://slideplayer.org/slide/206645/

). Ein bißchen mehr Fakten-Recherche bei einem Fakten-Rechercheur darf es schon sein.

Eigene Bewertung: Keine

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.