Leichte Sprache

Gespräch mit einem Freund und AfD-Wähler

Warum hält sich die Besorgte-Bürger-Parole „Uns hört man ja nicht zu!“ so hartnäckig? Und wer hört eigentlich wem nicht zu? Wenn wir unsere eigenen Ansichten stets überhöhen, hören wir auf, miteinander zu reden. Wollen wir das wirklich?

„Ich wähle die AfD!“, verkündete neulich ein Bekannter. „Warum?“, fragte ich. „Weil die anderen es nicht draufhaben!“. Hm, wir saßen mit ein paar Freunden zusammen und wussten nicht so recht, was wir mit diesem Argument anfangen sollten. Was haben „die anderen“ nicht drauf? Umweltpolitik, Medienpolitik, Politik an sich und Flüchtlingspolitik sowieso. Gut, das waren Themen und wir fingen an zu diskutieren.

Dass die AfD den Klimawandel vehement leugnet, ist kein Geheimnis. Der Philosoph und Astrophysiker Harald Lesch hat in einem Video die Kernpunkte des AfD-Parteiprogramms zur Umwelt- und Energiepolitik geprüft und wissenschaftliche Fakten dagegen gestellt.


Das Video kannte auch unser Freund. Aber die von Lesch angeführten Forschungsergebnisse seien alle manipuliert und staatlich gelenkt. Lesch hat auf Youtube über 8.000 Kommentare erhalten, darunter viele, die so klangen, wie unser Freund eben:

ich mag den Herrn eigentlich aber er sollte sich nicht von der Regierung Missbrauchen lassen.“ Harry Waltan auf youtube zum Video von Harry Lesch - Das AfD-Programm wissenschaftlich geprüft

Wir sollten mal prüfen, welche Informationsquellen wir nutzten. „Die kompletten Medien in Deutschland sind so geleitet, damit der Bürger in eine ‚gewisse“ Richtung gelenkt wird.“, sagt unser Freund. Die "Lügenpresse" also. Die Frage danach, was man wem glauben kann, finde ich durchaus gerechtfertigt. Das Abgleichen verschiedener Quellen, das Abwägen von Informationen, das Filtern wichtiger und richtiger Informationen – all das, was in den Schulen unter dem Stichwort Medienkompetenz vermittelt wird und in der Realität dann so oft anders läuft. Meine Freundin und ich lesen verschiedene Zeitungen, Blogs und Online-Foren. Leider, so müssen wir gleich erfahren, ist das falsch. Und warum? Weil es nur deutsche Medien sind und die lügen alle.

Unser Freund liest täglich am Morgen drei führende Tageszeitungen: aus Japan, den USA und der Schweiz. Also keine deutschen Zeitungen? Doch, aber die lügen ja. Ob wir zum Beispiel den exakten jährlichen CO2-Ausstoß kennen würden? Nein, den hatten wir beim Kaffee nicht parat. Er schon. Ebenso wie die deutsche Exportbilanz, die Sozialausgaben und Steuerverschwendungsdaten. Und die stehen alle in den internationalen Medien?

Wir kamen uns zunehmend uninformiert vor. Und unwissend. Noch lange nach dem Gespräch habe ich darüber nachgedacht, woher dieses Gefühl kam. Es waren nicht nur die zahlreichen angeblichen Fakten, die uns unser Freund präsentierte und die ich nicht im gleichen Maße kontern konnte. Vielmehr dachte ich daran, ob die Quellen meines Wissens überhaupt vertrauenswürdig waren. Müsste ich nicht noch Japanisch, Chinesisch und verschiedene brasilianische Unterdialekte lernen, um Verschwörungen, Manipulationen und Fehlinformationen in Deutschland erkennen zu können?

Argumentationstrainer Till Stromeyer, ein Experte in der Auseinandersetzung mit rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Positionen, empfiehlt ein mehrstufiges Gesprächsmodell: Zuhören, Gegenfragen stellen und mit gut sortiertem Faktenwissen sein Gegenüber überzeugen.

Lina Dingler studiert Politikwissenschaften und Wirtschaft an der Universität Potsdam. Im Februar und März 2015 hat sie über ihre Praktikumszeit in der Landeszentrale gebloggt.

Aber was bringt es, wenn nur die eigenen Quellen als vertrauenswürdig eingestuft, alle anderen aber mit Misstrauen belegt werden?

Ehrlich, ich war und bin ratlos. Ja, es stimmt, dass der Flughafen in Berlin eine Schande für die Politik ist. Aber für welche? Für die Berliner und die Brandenburger? Stellt die Fehlplanung das politische System in Deutschland in Frage? Ja, es stimmt, lange war nicht klar, wie viele Geflüchtete im letzten Jahr zu uns gekommen sind. Aber stimmt es nicht ebenso, dass die Situation für uns alle neu war? Dass sich das Verhalten von Menschen nicht so exakt berechnen lässt wie ein chemisches oder physikalisches Experiment? Das kann man immer und immer wiederholen. Das Ergebnis ist dasselbe. Für Gesellschaften funktioniert das anders. Der menschliche Wille, Eigensinn, individuelle Muster, all das lässt sich nicht nach dem technischen Schema: wir haben ein Problem - voilá, das ist die Lösung behandeln.

Ich gebe offen zu, ich bin kein AfD-Wähler. Und dennoch höre ich zu, weil ich verstehen möchte. Ich möchte verstehen, warum sich zum Beispiel die Besorgte-Bürger-Parole „Uns hört man ja nicht zu!“ so hartnäckig hält, obwohl die Fakten längst das Gegenteil belegen. Politiker, Blogger, Journalisten, es gibt wohl kaum jemanden, der nicht erkennt, dass die rechtspopulistische Partei Anhänger im gesamten Querschnitt der Bevölkerung hat. So kommt es, dass der Fraktionsvorsitzende der AfD im Landtag Brandenburg, Alexander Gauland, schon unzählige Male auf Günther Jauchs Sofa Platz nahm. AfD-Lokalpolitiker dürfen in öffentlich-rechtlichen Radioformaten mitdiskutieren und selbst Satiresendungen haben die Partei im Blick.

Die AfD und ihre Wähler scheinen das aber nicht wahrzunehmen, sondern vielmehr zu denken, ihnen wird das Wort im Munde umgedreht. Zum Beispiel als die AfD-Vizefrau Beatrix von Storch auf geflüchtete Frauen und Kinder schießen lassen wollte. Das war ein Ausrutscher auf der Maus. Wir haben da nicht richtig hingehört! Oder Gauland, der annahm, niemand wolle gern mit Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng Tür an Tür leben. Das war eine Falle der Medien.

Ich frage mich, wer hier eigentlich wem nicht zuhört. Dieser Freund zum Beispiel: bildungshungrig und wissbegierig. Aber auch wenn ich täglich aus dem internationalen Pressespiegel zitieren und die aktuellen CO2-Werte auswendig könnte, am Ende unseres Gesprächs steht doch immer eine absolute Überhöhung seiner (oder meiner?) Ansichten. Abseits von jeglicher Politik oder Parteipräferenz ist es aber genau das, was mich umtreibt. Denn damit hören wir auf, miteinander zu reden. Wollen wir das wirklich?

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Kommentare

Mehr Gespräche, weniger Belehrung

Im allgemeinen ist die Grundlage für ein konstruktives Gespräch, dass sich die Gesprächspartner auf Augenhöhe begegnen. Eine Kommunikation, die von vornherein auf einer Über- und Unterordnung der beteiligten Personen basiert, bleibt fast immer auf der Eltern-Kind-Ebene stehen.

Natürlich können auch solche Gespräche lehrreich sein, aber es ist doch dabei klar, dass die Rollen eindeutig verteilt sind; nämlich in den Part, der den anderen belehren und auf dessen Mängel hinweisen darf und den anderen Part, der von anderen belehrt werden kann, doch dem es seinerseits bestenfalls im Ansatz zusteht, Kritik an anderen Beteiligten vorzunehmen. Dann handelt es sich aber auch nicht um ein Gespräch, sondern um eine - wie auch immer geartete - Form der Belehrung.

Offensichtlich handelte es sich bei der eingangs geschilderten Kommunikation auch eher um letzteres, als um ersteres. Das ist schade. Vielleicht wäre aber alles anders abgelaufen, wenn im Vordergrund nicht das "Wie kannst Du nur DIE wählen?", sondern mehr das Warum? abgeklopft wäre, aber eben auf Augenhöhe. Dazu hätte auch beigetragen, eine wechselseitige Kritik der politischen Positionen vorzunehmen und nicht nur eine einseitige.

So stellt sich die Frage, wieso eine "wissenschaftliche Prüfung" des Parteiprogramms auf jenes der AfD beschränkt werden sollte. Persönlich halte ich die Position dieser Partei zum Klimawandel für abenteuerlich und insgesamt nicht haltbar, aber ist etwa die Position eines sozialistischen Gesellschaft im Parteiprogramm der Linken (siehe etwa https://www.die-linke.de/partei/dokumente/programm-der-partei-die-linke/...) - nachdem die Geschichte praktisch anders verlaufen ist - "wissenschaftlich" wirklich haltbarer? Gab es eine solche wissenschaftliche Überprüfung beim einstigen Parteiprogramm der Grünen mit den bekannten Sätzen zum sexuellen Umgang zwischen Erwachsenen und Minderjährigen? Und wurden die Ergebnisse dieser Untersuchungen jedem einzelnen Wähler dieser Parteien auch entsprechend vorgehalten?

Nebenbei spricht eine in der Medienarbeit in Deutschland sehr aktive und immer wieder von vielen Medien ("Zeit", "Tagesspiegel", "Süddeutsche Zeitung" ...) lobend erwähnte Stiftung Teilnehmern der AfD Diskussionen mit anderen Politikern auf Augenhöhe (http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/wie-umgehen-mit-der-afd-den-medie...) - siehe insbesondere unter "Fernseh-Talkshows: Es geht auch ohne AfD" oder "Ausgewogenheit ohne Selbstdarstellung" - pauschal ab. Hier wird klar, dass die Einladung von AfD-Politikern aus Sicht der AAS bestenfalls dem Ziel der Demaskierung und Bloßstellung der Betreffenden dienen soll. Doch das hat sich bereits mehrfach ebenfalls als Überhöhung entpuppt. Der beabsichtigte Entzauberungseffekt erweist sich dann schnell als Seifenblase.

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