
„Qualen“
Die Menschen in den Konzentrationslagern wurden gefoltert und gequält. Ich möchte mit meinem Bild die Qual darstellen und habe mich dabei an Edvard Munchs „Der Schrei“ orientiert, denn Mimik und Gestik der Person drückt alle schrecklichen Empfindungen aus, díe die Menschen gehabt haben.
Christina Baudisch
17 Jahre
Taschentuch
Ein flüchtiger Moment der Ruhe vor den Verlorenen. Ungezählte Risse haben die braunen Fasern zerstört. Für jeden bin ich Flucht vor der Gräue dieser Welt. Ich bin Sohle, Waschlappen, Pflaster, Handschuh. Sie streiten um mich und laufen dem Feind in die Hände.
Einer hat gewagt, mit verschränkten Armen an einem Aufseher vorbeizuschlendern. Er grinste ihn an und ließ die Mütze auf dem Kopf. Er wurde in Einzelhaft gesteckt und nicht wieder gesehen. Er war allein, denn sie streiten um mich und laufen dem Feind in die Hände.
Einer verkündete beim morgendlichen Aufbruch zur Fabrik: „Wir singen nicht!“ Er wurde erschossen und die andern sangen doch. Er war allein, denn sie streiten um mich und laufen dem Feind in die Hände.
Die Tschechen dürfen Briefe schreiben, die Polen dürfen nicht. Deshalb hassen die Polen die Tschechen. Die Tschechen lachen über die Polen und alle hassen die Polen, weil die Polen die Tschechen hassen. Und sie streiten um mich und laufen dem Feind in die Hände.
Torsten Steinbrecher
18 Jahre
„Identitätsverlust“
Besonders bewegt hat mich die Vorstellung, dass die Häftlinge eines Konzentrationslagers alle einander glichen. Ihre Identität war nur noch eine Nummer.
Saskia Klug
17 Jahre
„Kontrast“
Den Holocaust können wir heute nicht erfassen, weil wir ihn nicht erlebt haben. Deshalb habe ich nicht die typischen Grausamkeiten dargestellt, sondern den Kontrast zwischen den Zeiten, von damals und heute.
Matthias Höhne
17 Jahre
Ewiger Wind
Kahle Landschaft und
Kühles Leben
Freudlose Bäume auf
Fruchtbaren Ebnen
Lange Geschichte ist
Lehrendes Gut
Verspätete Reue zeigt
Verlassenen Mut
Stumme Worte, doch
Schmerzender Klang
Tonlose Schritte, ein
Traumloser Gang
Eisiges Schweigen im
Ewigen Wind
Verbitterte Mienen derer, die sind
Jessica Lange
16 Jahre
„Außer Reichweite“
Besonders schlimm fand ich die Quälereien, die die Gefangenen erdulden mussten. Zum Beispiel haben die Aufseher die Mützen der Häftlinge genommen und sie in die „Neutrale Zone“ geworfen. Die Gefangenen konnten diese nicht zurückholen. Einerseits durften sie die Zone nicht betreten, andererseits wurden sie aber auch für das Fehlen der Mütze erschossen. Sie hatten keinerlei Chance.
Marie Schönknecht
18 Jahre
„Ahnungslos?“
Um die angebliche Ahnungslosigkeit der Täter aufzuzeigen, habe ich sie in Anlehnung an das bekannte Bild mit den drei Affen „Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“ dargestellt.
Annemarie Lahr-Eigen
18 Jahre
Station Z
Station Z hieß
Endstation
Mord nach Plan
Konstruktives Vernichten
Krankenlager
Endstation
Keine Hilfe
Tödliche Versuche
Schussgraben
Endstation
Ein Knall
Tausende Leichen
Jessica Lange
16 Jahre
Trauerweide
Ein Baum gepflanzt
– die Trauerweide –
Kann nichts fühlen
nichts verstehen
Doch jedes Blatt
und jeder Zweig
erzählt ihre Geschichte
Ein Baum gepflanzt
– die Trauerweide –
Hörte Schreie
sah die Qualen
Und heut
versucht sie
uns zu zeigen
wie hilflos
alle waren
Jessica Lange
16 Jahre
„Der Sachsengruß“
Die Strafen waren sehr verschieden: der Zählappell bei Wind und Wetter, kalte Duschen direkt aufs Herz oder die Laufstrecke, auf der man tagelang umhergescheucht wurde. Besonders erschreckend fand ich den „Sachsengruß“, bei dem man einen ganzen Tag hocken musste, so dass die Blutzirkulation abgeklemmt wurde und man danach kaum noch laufen konnte.
Mareike Wendtland
17 Jahre
Sonntag in Sachsenhausen
Es ist Totensonntag, ich sitze in einem Café mit Spitzengardinen wie Kränzen und einer freundlichen, aber sehr ernsten Bedienung, die sich nicht zu lächeln traut. Draußen gehen Leute mit echten Kränzen vorüber. Ich weiß, wo sie sie ablegen werden, nicht genau, aber an diesem … gräulichen Ort. Ich halte mich an meiner heißen Schokolade fest, ich brauch das jetzt, es ist kein gewöhnlicher Sonntag und das Café liegt an keinem gewöhnlichen Ort. Ich bin all dem entflohen, der Weite und Tragweite, beide ungreifbar. Greifbarer ist diese Frau, nur ein grauer Hinterkopf, der vor mir im Café sich kaum bewegt, aber vor ihr flackert eine Kerze und ich frage mich, ob sie sie für einen Menschen angezündet, hier einen Toten besucht hat. Da ist es plötzlich nicht nur mehr ein Hinterkopf.
Es ist kein gewöhnlicher Sonntag, ich habe gestern meine Oma verloren und halte mich an meiner Schokolade fest. Habe Gestecke und Rosen gesehen. Meine Omi war wie eine Rose, sie lebte ihr Leben so besonders – ich starre auf die Kerze – sie hatte die Chance dazu. Dies ist kein gewöhnliches Café an keinem gewöhnlichen Ort, die Kränze werden am einstigen Erschießungsgraben, am früheren Galgen niedergelegt. Dies ist kein gewöhnlicher Sonntag, weil ich hier bin, hier, und mich der nahe Tod einholte, als ich den fernen Tod begreifen ging. Ich weine. Aber ich weine um eine Frau, die würdevoll sterben konnte. Eine Frau, die ein Grab haben wird.
Katja Marzahn
25 Jahre
„Namenlos“
Den Häftlingen in Konzentrationslagern wurde alles genommen: ihr Name, ihre Würde, ihr Leben.
In meiner Collage will ich diese Entwürdigung darstellen. Statt ihrer Namen bekamen die Gefangenen Nummern. Ich gebe ihnen ihre Namen zurück.
Marie Faust
17 Jahre
Betroffenheit
Ich fahre in ein Lager. Ich will nicht betroffen sein. Betroffen waren schon andere. Ich will lernen, um zu verstehen. Ich will mich nicht mit heruntergeklapptem Kiefer über das Gelände schleifen. Ich will nicht ein Gedicht schreiben, das die Frage nach dem Warum? stellt.
Ich kenne die Hintergründe. Ich will mir den Vordergrund näher bringen. Ich habe ein Bild von der Welt. Jetzt will ich Erfahrungen sammeln, diese in Worte fassen und Tatsachen akzeptieren.
Betroffenheit verfälscht die Wahrheit, aber lässt Wahrheit nicht falsch werden. Die Wahrheit steht an erster Stelle.
Torsten Steinbrecher
18 Jahre
„Die vermeintliche Idylle“
Die Grausamkeiten in den Konzentrationslagern waren unvorstellbar. Dennoch lebte man in unmittelbarer Nähe zum Lager in einer „Idylle“. Dort hatten die Aufseher und ihre Familien ein Häuschen und inszenierten ihre „heile Welt“, obwohl wenige Meter weiter gequält und gemordet wurde.
Diese Skrupellosigkeit wollte ich darstellen.
Senta Günther
17 Jahre
Novembergefälle
Ein Frösteln
In verfahrener Weite
Umzäumtem Endlos
Rastlosem Grau
Ein Krächzen
Aus schwarzem Gefieder
In zitternder Dürre
Haltlosem Raum
Ein Fall
Durchdrungen von Schrot
Zusammengesacktes Lauwarm
Leise erkaltend.
Ein Keuchen
Dünn und luftlos
Mit leerem Blick
Im Kreis.
Ein Sprechen
Sonorer Bariton
Zwischen Bartgewirr und
- - - Hingestelltem
Verliert sich
Irgendwo.
Schneidend raue Lauigkeit
Umwabert
Alles.
Fröstelt
Selbst.
Ulrike Mölle
17 Jahre
Getrocknetes Rot
Zwei Bahren aus Porzellan, genauso weiß wie der Raum, stehen mit unerbittlicher Schwere. Hingeworfen zwischen den klaren Grenzen aus weißen Fliesen. Blütenweiß geschrubbt, täglich frisch. Abgewaschenes Rot ist weggeflossen, gepresst durch metallene Abflussgitter. Neues Rot aus neuen Körpern frisst sich in das Weiß, ätzt sich in die grauen Fugen dazwischen.
Und wieder schrubben und kratzen. Rauhgefaserte Putzlappen in grobhäutigen Händen scheuern panisch, schäumen das Rot auf, lösen es von den kalten Wänden und den weißen Särgen in der Mitte der leblosen Höhle, deren Licht so beißt.
Die Luft: reibungslos und kalt. Kälter als draußen.
Und das Rot wird weggeschlossen. Angehalten.
STILLGESTANDEN!
Stundenlang draußen in der Kälte. Zusammenbruch und weggepferchte Willenlose, deren Rot so zäh ist, langsam fließt, träge pulsiert. Auch da unten im Keller fließt es nur unmerklich, bildet Rinnsale, brennt sich heimlich in den Stein. Ein Mahnmal.
Zwei Bahren aus Porzellan, vergilbtes Weiß mit vertrockneten Rosen darauf.
Ulrike Mölle
17 Jahre
„Verlassen“
Der fensterlose Raum steht dafür, dass es kein Entkommen gab. Mein Bild soll auch die Einsamkeit und Verlassenheit der Menschen in diesem KZ zeigen.
>Friederike Zimmermann
17 Jahre
Einmal
Niemandsland
trauernde Bäume
Wachtürme
Beton
Es wird ohne Anruf
sofort scharf geschossen
ein Jude
unter mir öffnet sich dann
ein Teller
leer
ein Körper
nackt
ein Unterhemd
nur ein Unterhemd
ein Pole
tausend mal tausend mal tausend
Jedermannsland
der Braunen
Baracken
Versuchslabor
mehrere Zwangsarbeitsfabriken
Arbeit macht frei
eine Messlatte ein Gewehr
ein Genickschuss
(eine Station Z)
ein Zigeuner
eine Schuhteststecke
ein Kilometer
tausend mal tausend mal tausend
ein Schornstein
ein mächtiger Ofen
ein Regimegegner
ein psychisch Kranker
ein Schwuler
tausend mal tausend mal tausend
und wär es nur einer gewesen
Katja Marzahn
25 Jahre
Gesehen
Gesehen habe ich viel
Mauern aus Beton
Treppen aus Stein
Zäune aus Stahl
Hinter ihnen Häuser
Große – kleine – mittlere
Zerfallene – restaurierte
Kahle und bunte
In ihnen
Wenige Betten
Viele Menschen
Unter ihnen
Damals – Gefangene, Tote
Heute – Besucher
Katja Hamel
16 Jahre
„Wirklich unwirklich“
Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wohl für eine Frau sein musste, wenn ihr alles genommen wurde: der Schutz ihrer Familie, der Schmuck, die Kleidung, sogar das Haar, ihre ganze Weiblichkeit. Die Täter waren ganz „normale Männer“, Familienväter, nette Nachbarn, gute Freunde, die glaubten, nach Recht und Gesetzt zu handeln.
In meinem Bild habe ich versucht, das Unvorstellbare, diesen Ekel, meinen Abscheu, darzustellen.
Bianca Meylahn
18 Jahre
rest
keine sprache, kein ausdruck, der mir in den sinn kommt. Ich hole luft, muss atmen. mir ist, als hätte ich etwas verstanden oder gesehen.
wind schnitt die espen zurecht unter einem gewischten himmel. zog wolken wie fäden über den appellplatz: „arbeit macht frei“. die uhr über dem tor: fünf nach zwölf. und alles blieb still.
ich hörte von welchen, die an pfähle gehängt wurden. ich hörte musik aus dem casino. ich hörte den dumpfen schuss hinterm haus. ich hörte meinen atem beim gehen.
war winziger punkt zwischen tausend barackenruinen und ging umher wie taub. nichts schlug mich. ich hatte nicht mal angst: haut und herz aus holz.
sitze nun hier. hab keine worte. atme und atme und atme. und höre geräusche von fern. ziehe mir einen splitter aus dem finger und weiß, dass es schmerzt.
Sascha Macht
20 Jahre
in den totenkellern
untertags
die ausgeleuchteten grotten
schlaglichtartig bild an bild
menschen wie säcke
zwängt sich das zu klar umrissene
in mich hinein
unter gefrorenen fliesengewölben
trete ich auf den unmöglichen rand
finde mich haltlos
stürze
tiefer noch
Sascha Macht
20 Jahre
„Himmlische Hölle“
In unmittelbarer Nähe zum Konzentrationslager waren Schulen und Einfamilienhäuser gebaut worden, in denen die SS-Leute mit ihren Frauen und Kindern glücklich lebten – neben der Hölle der Internierten. Um diese paradoxe Wirklichkeit zu begreifen, habe ich auf meinem Bild eine zufriedene Familie neben den KZ-Alltag gesetzt.
Eric Qualitz
17 Jahre
„Die Erlösung“
Ich wollte kein Bild malen, das die Grausamkeit und Unmenschlichkeit eines KZ darstellt. Als besondere Herausforderung empfand ich, ein etwas positives Bild zu die-sem Thema zu malen.
Die Menschen, aus denen der Baum besteht, sollen die Seelen der Opfer darstellen. Der Baum wächst in den Himmel, in den Wolkenbruch, der ihre Seelen aufnimmt und ihnen die Erlösung bringt. Das kleine Mädchen stellt die Erlösung dar, die deshalb die gleiche Farbe hat wie der Wolkenbruch. Sie ist ein Kind der Generation, die sich die Schuldfrage stellt und versucht, Geschehenes für die Zukunft zu verhindern.
Jacqueline Reich
19 Jahre
Rückblick
Ich stehe vor dem schmiedeeisernen Tor. „Arbeit macht frei“. Ich schließe meine Augen und streiche den entseelten Schriftzug nach. Ich habe überlebt.
In meinem Kopf höre ich sie schreien – die Schatten. Meine Hände umschlingen das kalte Metall. Ich reiße die Augen auf.
Bevor ich durch das Tor gehe, schaue ich noch einmal zurück. Auch damals schaute ich zurück. Ich habe überlebt.
Ich wanke hinter den Schriftzug. Ich atme tief ein. Die Luft ist klar. Wieder schließe ich die Lider. Vor mir laufen, taumeln, kriechen schwarze Gebilde. Schmerzend beißt sich die leichenbrennende Luft in die Nase. Ich öffne die Augen. Ich habe überlebt.
Langsam taumle ich zum Anfang des riesigen Steinhalbkreises vor mir. Ich ziehe die Schuhe aus, auch die Socken. Einen Fuß vor den anderen setzend stolpere ich über die Steine. Sie stechen, beißen, schneiden sich in die nackte Haut. Mein Blick folgt einem Raben, der sich schreiend in die Luft erhebt. Blau strahlt das Himmelreich mir entgegen. Meine Füße stechen, als ich das andere Ende des Halbkreises erreiche. Ich habe überlebt.
Ich schwanke zum Gefängnis. Es steht allein, zwischen den Ruinen seiner Geschwister. Wieder höre ich sie schreien – die Schatten. Im Karzer pfeift der Wind. Ich blicke in eine der Zellen. Aus einem kleinen Spalt am verholzten Fenster dringt Licht.
Mir wird schwarz. Ich sehe die Schatten gegen die luftigen Türen treten, schlagen, klopfen. Verzweifelt lehnen sie an den Wänden. Das Gesicht in die Hände vergraben. Ich habe überlebt.
Ich sehe mich. Mich und einen anderen Gefangenen. Wir stehen uns gegenüber. Seine Augen starren schwarz und tief, in den Höhlen vergraben, in die Leere. Seine knochigen Hände befühlen kalten Stein. Sein Bauch ist aufgebläht und scheint blass unter der schmutzigen und zerlumpten Kleidung hervor. Er verliert das Gleichgewicht. Ich habe überlebt.
„Steh auf!“ formen meine Lippen. Er tastet nach der Wand und erfühlt einen heraus stehenden Stein. Seine Fingernägel krallen sich an ihn. Er zieht sich hoch. Kreischend rutschen seine Nägel über den Stein. Er liegt vor mir, japsend, stöhnend – still.
Mein Kopf lehnt an der kalten Wand, so wie damals. Ich knie mich hin. Meine Finger streicheln den Boden. Rau kratzt er meine Haut. Ich habe überlebt.
Katja Hamel
16 Jahre
ohne Titel
Karoline Einicke
19 Jahre
Betrachtet
Ich sah ihre Kleidung
ihre Briefe
Ihre Bilder
Ihre Namen
getragenes
geschriebenes
abgelichtetes
aufgelistetes
sah Lumpen
las Warnungen
sah Filme
Las sie
Katja Hamel
16 Jahre
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