Am 13. April 1945 bekam ich unseren zweiten Sohn. Der hatte es plötzlich sehr eilig, auf die Welt zu kommen. Das war eine Tour!
Es gab keine Taxe mehr, dafür kam ein Pferdewagen. Auf dem lag ich und es schuckelte sehr. Meine Mutter und mein anderer Sohn Helmut kamen mit und ich hatte solche Angst, dass es zu früh losgeht, wo doch der Junge dabei war.Ich werde nie vergessen, wie mich Helmut immer angesehen hat mit seinen großen braunen Augen und nur noch sagte: „Mutti, Mutti!“ Kaum war ich in der Klinik in der Behlertstraße und man hatte mich ausgezogen, war auch schon der Manfred da!
Am 14. April war dann nachts der große Angriff auf Potsdam. Keiner hatte damit gerechnet. Wir Frauen wurden in den Luftschutzkeller gebracht. Als die Bombe runterging, schrien wir alle fürchterlich; auch die Kinder, die nebenan in einem extra Raum waren.
Dann war es plötzlich ganz still. Wir dachten, jetzt haben wir unsere Kinder verloren. Der kleine Raum in dem wir lagen, war voller Rauch und Staub, man konnte nichts mehr sehen, der Qualm wurde immer dichter und wir bekamen kaum noch Luft zum atmen.
Schon fünf Jahre vorher habe ich einen Bombenangriff (im August 1940) in der Klinik erlebt, denn da wurde unser Sohn Helmut geboren. Und auch damals mussten wir runter in den Keller.
Nur deshalb wusste ich, wo die Tür war. Ich stand auf, tastete mich durch den Rauch und hab zum Glück die Tür aufbekommen – dahinter war ein langer Gang und endlich kriegten wir auch wieder Luft.
Junge SS-Männer haben uns rausgeholt und ins Stadthaus (heute Rathaus) gebracht. Bis dahin war ich die ganze Zeit sehr tapfer gewesen aber als ich dann in Sicherheit war, fing ich schrecklich an zu heulen. Endlich kamen die Schwestern und sagten uns, dass alle Kinder gerettet sind. Da war die Freude natürlich groß!Beinahe wäre eine Verwechslung passiert. Man hatte mir ein Baby in den Arm gegeben und ich machte es von dem ganzen Staub und Kalk sauber. Auf einmal rief die Schwester meinen Namen und gab mir ein anderes Kind. Erst dachte ich, ich werd nicht mehr – ich hatte ein Kind und es war gar nicht mein Kind! Zum Glück standen aber die Namen auf dem Bändchen am Handgelenk.
Eine fremde Frau hat mir am nächsten Tag sehr geholfen. Sie nahm mich zu sich nach Hause und weil sie selber ein kleines Mädchen hatte, bekam ich von ihr Flaschen und Windeln. An der Klinik hatte man ein Schild angebracht: Alle sind gerettet, alle leben! Meine Schwester konnte mich irgendwie ausfindig machen.
Sie organisierte meinen Transport. Ich weiß noch, wie ich mit dem Baby auf einem zweirädrigen Wagen lag und so bis nach Babelsberg zu meiner Schwester kam. Sie und ihr Mann hatten dort eine Gärtnerei und es gab wenigstens etwas zu essen.
Dort haben wir auch das Ende des Krieges erlebt. An die erste Begegnung mit einem Russen erinnere ich mich genau. Ich stand mit Helmut in der Küche und hatte Manfred auf dem Arm, der war gerade mal 10 Tage alt.
Und dann stand plötzlich der russische Soldat ganz groß in der Tür und sagte zu mir: „Du kommst mit!“ Ich aber sagte: „Nein, ich komm auf gar keinen Fall mit.“ Und dann hab ich ihm meine blutigen Hosen gezeigt und er hat nur Pfui gesagt und ist abgehauen. Das war mein Glück. In seiner Wut hat er aber alle Hühner mitgenommen, ihnen die Köpfe abgedreht und sie in einen Kopfkissenbezug gesteckt. Ich hab mich danach nur noch versteckt und verkrochen.
Wir machten ein großes Schild an unsere Tür, auf dem stand: „Vorsicht Typhus!“ und dadurch hatten wir Ruhe. Da hat sich keiner mehr rangetraut. Wir haben das Schild monatelang hängen lassen.
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