Inge F.

Geboren im April 1933

Wie haben die Menschen, die 1945 in Potsdam wohnten, das Ende des Krieges erlebt? Was ist ihnen davon in Erinnerung geblieben. Die Landeszentrale hat mit Potsdamer Bürgern gesprochen, die im Frühjahr 1945 zwischen 13 und 28 Jahre alt waren.

An unsere Flucht aus Kattowitz erinnere ich mich genau. Am 17. Januar 1945 gab es den Befehl, dass Frauen und Kinder den Ort verlassen sollen. Ich kam gerade aus der Schule als Mutti sagte: „Morgen müssen wir weg.“

Meine jüngere Schwester Ursel und ich

Meine jüngere Schwester Ursel und ich

Meine Schwester und ich holten sofort all unsere Spielsachen aus dem Vertiko und wollten alles mitnehmen. Das ging natürlich nicht. Ich weiß nur noch, dass man mir in einem kleinen Rucksack als Überraschung meine Schlittschuhe eingepackt hatte, die ich überhaupt nicht wollte. Das war das Geringste, was mir gefehlt hätte.

Am 18. Januar frühmorgens um 6 Uhr zogen wir los. Es lag wenig Schnee, aber wir nahmen den Schlitten, damit wir unser Gepäck nicht tragen mussten, denn es fuhr keine Straßenbahn mehr zu der Zeit.

Der Bahnhof war völlig überflutet mit Menschen und wir glaubten schon, dass es aussichtslos sei, noch wegzukommen. Der Zug aber fuhr von einem anderen Bahnsteig und weil wir günstig standen, konnten wir über die Gleise laufen und kamen noch hinein.

Von unserem Vater haben wir uns kaum verabschieden können. Das war der letzte Zug, der bis Berlin durchkam. Von dort sind wir mit der S-Bahn zu meiner Großmutter bis Potsdam weitergefahren.

Dort fühlten wir uns eigentlich sicher. Nach Berlin flogen oft mehrmals am Tag die Bomberstaffeln über uns hinweg und hinterließen diese weißen Kondensstreifen am Himmel.

Der Luftschutzkoffer stand bei uns immer bereit und meist ließen wir auch nachts unsere Trainingsanzüge an und sprinteten bei Alarm in den Keller. Es gab auch einen Gemeinschaftsbunker am Weinbergsweg, aber in den haben wir es am 14. April nicht mehr geschafft.

Ich weiß noch, dass wir bei dem Angriff auf Potsdam in unserem Luftschutzkeller auf der Erde lagen und wie sich bei den Detonationen der Betonfußboden unter uns wellte. Die Stahltür machte einen fürchterlichen Krach, so sehr hat die geruckelt. Wir waren ganz ruhig und schrecklich angespannt, dauernd knallte und krachte es. Ich glaube, die Erwachsenen haben gebetet. Direkt vor dem Bunkereingang ist dann eine Bombe detoniert, die Menschen dort konnten zuerst gar nicht wieder heraus.

Am nächsten Tag haben wir dann gesehen, was los war. Die Innenstadt war eine Trümmerwüste. Leute saßen da mit einem Mantel oder einer Decke um, manche hatten verkohlte Haare. Wie ein Häuflein Elend saßen die auf der Straße mit ihrem bisschen Hab und Gut, das sie retten konnten.

Wir nahmen dann zehn Leute auf. Genau weiß ich nicht mehr, wer die Initiative ergriffen hatte, ob meine Mutter, meine Tante oder Großmutter. Es war aber selbstverständlich. Wir haben in unserem sogenannten Salon ein Nachtlager eingerichtet und meine Mutter hat sich bereit erklärt zu kochen. Voraussetzung war, dass alle dazu beitragen mussten, irgend etwas Essbares heranzuschaffen.

Die Konservenfabrik Zinnert war auch bombardiert worden. Dorthin sind wir mit dem Handwagen gefahren, in die Trümmer reingestiegen und haben zerbuffte Konserven rausgeholt. Es gab, das weiß ich noch genau, gemischtes Gemüse mit Karottchen drin. Das haben wir sehr gerne gegessen. Später haben die Leute dann Unterkunft bei Verwandten gefunden.

Mein Vater Otto

Mein Vater Otto

Noch war der Krieg nicht zu Ende, aber wir haben jeden Tag damit gerechnet. In der Bevölkerung war eine große Angst. Viele Menschen hatten gesagt, dass sie den Russen nicht lebend in die Hände fallen wollten und verübten Selbstmord. Auch mein Vater hatte das immer angekündigt. Er hat es zum Glück nicht getan.

Ein großer Trost war die Kirche. Die Sonntage waren wie eine Prozession, so viele besuchten den Gottesdienst und die Frömmigkeit war in dieser Zeit enorm groß.

Die Kirche war wie ein Rettungsanker für die Menschen. Man wurde durch den Glauben getragen und bekam wieder Lebensenergie. Auch Zuhause haben wir jeden Tag eine Andacht gehalten und abends auch. Es war für uns selbstverständlich, denn meine Großmutter war eine Pfarrersfrau. Mein Großvater hatte meine Eltern getraut und ich wurde von ihm getauft. So sind wir erzogen worden und aufgewachsen.

Die letzten Tage des Krieges waren chaotisch. Nirgends war man mehr sicher, überall lagen tote Menschen herum und tote Tiere.

Zu meinem Geburtstag am 27. April lebten wir fast nur noch im Kohlenkeller. Die Schüsse der Artillerie gingen schon ab 5 Uhr morgens los. Um Wasser zu holen, mussten wir mit dem Handwagen bis zur Jägerallee, dort gab es noch Pumpen, die funktionierten. In Sanssouci hatten die Russen schon ihre Zelte aufgeschlagen. Das erfuhren wir von meiner Tante, die uns zu meinem Geburtstag besuchte. Nachmittags aßen wir einen Napfkuchen, den meine Mutter gebacken hatte. Die Zutaten hatte sie vorher irgendwie organisiert.

Abends kamen die Russen. Ich weiß noch genau, wie die Tür vom Keller aufging und ein Russe mit einer Kerze in der Hand dastand und sich umsah. Ich lag hinten auf dem provisorischen Lager über den Kohlenkisten, dann waren da meine Tante und meine Mutter. Meine Schwester lag ganz vorne.

Meine Eltern, meine Schwester  Ursel und ich

Meine Eltern, meine Schwester Ursel und ich

Mich haben sie abgetastet und als sie merkten, dass ich ein Kind war, haben sie mich in Ruhe gelassen. Die Kerze wurde ausgemacht und dann ging es los. Meine Tante und meine Mutter mussten dran glauben. Zuerst war es ganz still, das war besonders unheimlich. Aber dann hat Ursel so gebrüllt und ich auch, dass sie abgezogen sind. Was wirklich passiert ist, weiß ich nicht. Nie haben wir darüber gesprochen.

Einige Tage später war unsere Wohnung Ukrainer-Sammelstelle, also der Anlaufpunkt für Zwangsarbeiter, die zurück in die Heimat fuhren. Die kamen hier an, haben sich in unserer Wohnung umgezogen und ließen ihre alten Kleider liegen.

Die Sachen hat meine Mutter mit der Kohlenzange angefasst, in einen Sack gesteckt und im Garten vergraben. Monate später wurden sie wieder rausgeholt, gewaschen und dann weiter verwertet. Als die Ukrainer abfuhren, nahmen sie auch Ursels Puppe mit. Aber Mutti hat es geschafft, sie zurückzubekommen.

Danach wurden russische Offiziere bei uns einquartiert. Sie benahmen sich korrekt und zu uns Kindern waren sie alle sehr nett. Wann der Krieg genau zu Ende ging, wussten wir nicht. Es war so ein schleichendes Ende. Radio konnten wir auch nicht hören, denn die Apparate mussten abgegeben werden. In der Sammelstelle waren hunderte von Radios aufgetürmt und ich fragte mich, wer die wohl jetzt bekommen wird. Von einem Tag der Befreiung würde ich nicht sprechen. Der Krieg war zu Ende, es war die Kapitulation.

Sehr bald wurde die Bevölkerung aufgefordert zu enttrümmern. Alle haben mitgemacht, auch die Schulen, das war selbstverständlich. Wir bildeten lange Ketten und haben uns die Steine zugereicht oder zugeworfen. Andere hatten so kleine Hämmerchen, um den Mörtel oder Putz abzuklopfen. Wenn die Ziegel wieder in Ordnung waren, wurden sie aufgestapelt. Es war eine sehr harte Arbeit. Wir alle waren dreckig und staubig, aber wir haben gesungen und dadurch ging es besser.

Die "Ratschläge für meine Tochter Inge" bekam ich von meinem Vater zum 12. Geburtstag am 27. April 1945

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