Rosemarie C.

Geboren im November 1923

Mein Vater war Ofenbaumeister und meine Mutter hat die Buchhaltung gemacht. Ich hatte eine herrliche Kindheit. Meine Grundschule war in der Hohenzollernstraße (heute Schopenhauerstraße), später ging ich dann in die Deutsche Oberschule für Mädchen. Meine beste Freundin war Renate Kasack, man nannte uns immer „Re und Ro“, weil wir eigentlich alles gemeinsam gemacht haben.

Verlängerung der Schlossstraße  Links: Stadtschloss, rechts: Plögerscher Gasthof (ehem. „Alte Kommandantur“), Hintergrund Mitte: Hotel „Zum Einsiedler“

Verlängerung der Schlossstraße Links: Stadtschloss, rechts: Plögerscher Gasthof (ehem. „Alte Kommandantur“), Hintergrund Mitte: Hotel „Zum Einsiedler“, Foto: Karlheinz Heesener

Später wurde ich zur Hauswirtschafterin ausgebildet und ging in die Frauenfachschule in der Neuen Königsstraße (heute Berliner Straße), die von uns „Puddingakademie“ genannt wurde. Das Gebäude gibt es heute noch, jetzt ist die Handelsschule drin.

Dann begann der Krieg und wir lernten gleich nach einem anderen Programm. Zum Beispiel, wie man Pudding aus Ersatzstoffen macht. Das war schon sehr gut organisiert. Später wurde ich in einen Rüstungsbetrieb nach Berlin dienstverpflichtet. Dort lernte ich auch meinen Mann kennen.

Wir heirateten 1943 und meine Eltern richteten ein wunderbares Fest wie zu Friedenszeiten aus, was während des Krieges schon gar nicht mehr so leicht war. Mein Vater organisierte zum Beispiel den Brautschleier. Wir feierten nur im engsten Kreis und ich weiß noch, dass meine beiden Vettern dafür Fronturlaub bekamen.

Mein Mann arbeitete als Ingeneuer bei Wernher von Braun in der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde. Zuerst habe ich ihn noch in Zinnowitz besuchen können, später war die Insel Usedom hermetisch abgesperrt und wir haben uns nicht mehr gesehen.

Nach dem Krieg gab es die Möglichkeit, mit Wernher von Braun nach Amerika gehen zu können, aber wir hatten unsere Eltern hier, die wollten wir nicht zurücklassen. Ob das die richtige Entscheidung war – wer weiß, vielleicht wäre dann alles anders gekommen. Aber unsere Eltern hätten wir sicher nie wieder gesehen und das wollten wir nicht.

Nach meiner Heirat zog ich in die Wohnung meiner Großmutter, die trennte ein Zimmer für mich ab und das genügte mir als Bleibe. In der Zeit arbeitete ich bei dem Rüstungsbetrieb Friesicke & Höpfner in der Großbeerenstraße in Babelsberg, dort wurden Antennen für Flugzeuge gebaut. War Fliegeralarm, gingen wir in den Luftschutzkeller der Fabrik und ich erinnere mich, wie bei einem Angriff im Juni 1944 die Panzerschränke herumtanzten, die in dem Keller standen.

Wir hatten Angst, von den schweren Panzerschränken erschlagen zu werden und sind danach nicht mehr in den Keller gegangen. In dieser Zeit lief das Leben nur noch mechanisch ab: Man ging arbeiten, es gab regelmäßig Luftalarm und Entwarnung und ständig war man auf der Jagd nach irgend etwas. Bedrückend waren die vielen Todesnachrichten der gefallenen Söhne und Väter. Kaum eine Familie, die man kannte, blieb verschont.

Nikolaikirche Links: Schlosskonditorei „Rudolph Gehricke“, rechts: Stadtschloss

Nikolaikirche Links: Schlosskonditorei „Rudolph Gehricke“, rechts: Stadtschloss, Foto: Karlheinz Heesener

Den schweren Luftangriff am 14. April 1945 erlebte ich in unserem Keller. Der war kein richtiger Luftschutzkeller, aber wir hatten alles mit Balken abgestützt. Eng war es auch geworden, denn inzwischen hatten wir Flüchtlinge aufgenommen. Eine Mutter mit drei Kindern lebte bei uns.

In der Nacht des 14. April war es stürmisch, die Christbäume (Leuchtbomben) sind deshalb abgetrieben, weg von Sanssouci hin zur Innenstadt und zum Brauhausberg. Merkwürdig war schon, dass man den Alten Fritz und seinen Vater, den Soldatenkönig, eine Woche vorher aus der Gruft in der Garnisonkirche geholt hatte. Vielleicht wusste man doch etwas?

An die ständigen Luftangriffe waren wir inzwischen gewöhnt, auch hatten wir eigentlich gute Erfahrungen, denn wir hörten immer, wie die Bombergeschwader über uns hinweg nach Berlin flogen. Aber als wir die Leuchtbomben in dieser Nacht sahen, hatten wir kein gutes Gefühl mehr.

In der Zeit waren auch meine Mutti und eine alte Tante bei uns; nur um meinen Vater machten wir uns Sorgen. Er hatte Dienst und brachte die Fremdarbeiter zur Arbeit und holte sie abends wieder ab, um sie zur Sammelstelle in die Alexandrinenstraße (heute Helene-Lange-Straße) zu bringen.

Manchmal gab er ihnen etwas Brot. Das durfte natürlich niemand wissen, aber es waren so arme Teufel. Dafür schenkten sie ihm selbst gebasteltes Spielzeug, kleine Vögelchen oder Autos. Zum Teil waren das ganz fantastische Konstruktionen, wenn auch mit einfachsten Mitteln hergestellt.

Wir saßen eingekauert im Keller und warteten auf das Ende, auf das eigene oder auf das Ende des Alarms. Die Zeit erschien uns endlos. Die Erde bebte und neben dem Haus schlug eine Luftmine ein, danach war das Dach unseres Hauses weg und von dem Moment an hatten wir kein Wasser mehr und keinen Strom. Wenn ich an das zerstörte Potsdam denke, erinnere ich mich besonders daran, dass aus dem Palast Barberini tagelang Rauchwolken aufstiegen und ein schrecklicher Brandgeruch in der Luft lag.

Dennoch glaubten wir immer noch an den Endsieg. Andererseits waren wir auch nicht so dumm, um nicht zu wissen, wie schlecht die Lage war. Wir hatten eine Karte, da steckten wir den Frontverlauf ab und konnten ja sehen, wo die Wehrmacht zurückgedrängt wurde. Vielleicht glaubten wir ein wenig an ein Wunder, weil wir es glauben wollten.

Bald danach kamen die Russen. Oben auf dem Ruinenberg hatten sie ein Geschütz stehen und schossen munter auf die Häuser in der Tieckstraße. Unser Haus wurde auch getroffen, eine Wand war weg, so dass die Küche im oberen Stockwerk praktisch zum Balkon wurde. Unseren Hauseingang hatten wir mit Balken verrammelt, denn wir glaubten ja der Nazi-Propaganda, wie furchtbar die Russen seien.

Als sie kamen, genügte es, sich paar Mal mit der Schulter gegen die Tür werfen und schon waren sie im Haus drin. Wir alle saßen ganz ängstlich wie die Häschen im Keller und niemand wusste, was sie uns antun werden. Der Russe, der in unser Haus kam, sah sehr gut aus. Er hat uns alle angesehen und dann war er wieder weg. Das war meine erste Begegnung. Später hatte ich Glück und bin relativ unbeschadet davongekommen.

Der Vormarsch stockte dann, denn die russische Armee kam nicht über die Havel, so dass sich die Soldaten bei uns häuslich einrichteten. Die LKW standen auf der Straße, die Russen wohnten bei uns und kochten auf einem kleinen Spirituskocher. Alle waren sehr nett und freundlich, sie haben uns sogar Essen abgegeben. Nur wenn sie betrunken waren, musste man sich in acht nehmen.

In dieser Zeit dachte keiner von uns, so, jetzt geht der Krieg zu Ende. Diese Erkenntnis und das Wissen kamen erst später. Wir konnten kein Radio hören, denn wir hatten keinen Strom; es gab keine Zeitung, uns erreichten keine Nachrichten. Als ein russischer Kinderarzt und seine Frau in unsere Wohnung einquartiert wurden, erzählte der uns eines Tages, dass er nach Berlin gerufen wurde, um die toten Goebbels-Kinder zu untersuchen. Der Selbstmord von Goebbels und seiner Familie konnte uns nicht erschüttern, denn wir sollten ja alle für den Führer sterben. Aber wir wussten jetzt, dass es vorbei war.

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