Werner M.

Geboren im September 1930

Als der Krieg zu Ende ging, es muss im Februar oder März 1945 gewesen sein, fuhr eine Autokolonne der SS mit Lautsprechern durch die Straßen und forderte die Bewohner auf, in den Häusern zu bleiben, die Haustüren abzuschließen und die Fensterläden zuzumachen. Ich aber war neugierig und hab trotzdem heimlich durch die Ritzen der Fensterläden gesehen.

Blick vom Palast Barberini auf das Alte Rathaus. Davor eine Tankstelle für Leuchtgas, die während des Krieges installiert wurde. Foto: Karlheinz Hesener

Blick vom Palast Barberini auf das Alte Rathaus. Foto: Karlheinz Hesener

Durch die ehemalige Kaiserstraße kam an der Post entlang zum Wilhelmplatz (heute Platz der Einheit) eine Häftlingskolonne. Der Zug mit den Elendsgestalten wurde rechts und links durch SS-Männer mit Hunden und Gewehren begleitetet.

Es müssen hunderte Häftlinge gewesen sein. Sie trugen gestreifte Jacken und Hosen und waren teilweise barfuß. Sie sind Richtung Nauen gelaufen. In der Mitte dieses Elendszuges waren hin und wieder große Wagen mit Gepäck drauf. Eigentlich waren das Pferdewagen, aber die wurden auch von Häftlingen gezogen.

Es war ein schrecklicher Anblick. Ich bekam zum ersten Mal richtig mit, worüber mein Vater manchmal gesprochen hatte.

Bei Alarm hatten wir keine Angst mehr, das war schon fast normal in der Zeit. Und ich bin auch nicht mehr in den Keller gegangen. Am 14. April 1945 war mein Bruder zufällig von der Front auf Genesungsurlaub. Er hatte eine Schussverletzung, von der er sich aber schnell erholte.

Wie immer bin ich auch in dieser Nacht nicht in den Keller gegangen. Mein Bruder aber rannte nach dem Alarm in den Hof und plötzlich war es taghell. Das waren die Leuchtbomben. Er bekam schreckliche Angst und hat nach mir geschrien. Ich schlief in einem Anbau zwischen Vorder- und Hinterhaus.

Das Fachwerkhaus hinten fiel dann ganz schnell zusammen. Mein Bruder brüllte mich an, ich soll machen, dass ich rauskomme. Ihm war das unheimlich. Ich weiß noch, wie er zu mir sagte, dass er lieber an der Front sein würde, denn da wüsste er, von wo der Gegner kommt.

Ich bin im Trainingsanzug mit dem Nachthemd drunter und mit Turnschuhen an den Füßen in den Keller gerannt. Ich saß in der Mitte des Kellers, als eine Luftmine auf den Hof niederging und dabei die Grundmauern zerdrückte, das waren 50 Zentimeter dicke Mauern! Kisten flogen um uns herum wie Streichholzschachteln. Wir konnten in all dem Staub und Ruß die Hand nicht vor den Augen sehen. Im Keller war auch ein Wasserzuber, in den tauchten wir Tücher und pressten sie vor unseren Mund, damit wir wieder Luft kriegten. Plötzlich haben wir über uns in den Himmel gesehen – und das bei einem dreistöckigem Haus! Mit der nächsten Bombe war die Lücke wieder zugeschüttet. 14 Menschen starben in unserem Keller.

Der Angriff war nach 20 Minuten vorbei und wir wollten nur noch raus, obwohl es immer noch knallte. Das war der Munitionszug am Bahnhof, aber das wussten wir damals nicht. Ein Fenster war die einzige Öffnung zur Straße. Durch das krochen wir heraus und uns war völlig egal, ob da Steine von oben geflogen kamen, wir wollten nur raus.

In meiner Panik bin ich dann zu unserem kaputten Haus gelaufen, um noch irgend etwas zu retten. Rausgeholt hab ich aber nur lauter Quatsch, was ich im Schutt greifen konnte: Dessertteller und ein paar Kaffeetassen. Überall lagen die Balken und es brannte. Während ich das tat, dachte ich noch, warum hält mich jemand an meinem Fuß fest und es wurde ganz warm in meinem Turnschuh. Ich sah dann, dass ich in einen Nagel getreten war und mein Fuß sehr angeschwollen war. Schmerzen verspürte ich in dem Moment nicht. Ich rannte dann in das Krankenhaus in die Neue Königstraße (heute Berliner Straße), weil mein Fuß immer dicker wurde. Erst da begriff ich, was passiert war. Der Keller lag voll mit Verletzten und stöhnenden Menschen. Es war schrecklich.

Ungefähr eine Stunde war vergangen. Die freiwillige Feuerwehr hatte mit Hilfe von Zwangsarbeitern gerettet, was zu retten war. Die Innenstadt brannte, wie man es sich nicht vorstellen kann. Und ich heulte und fragte meinen Papa, wie es jetzt weitergeht. Er streichelte mich und sagte zu mir, mach dir mal keine Gedanken, das bauen wir schöner auf, als es je war. Zehn Tage später war er tot. In dem Artilleriefeuer hat er erst einen Fuß verloren und ist dann in der Nacht des 24. April im Lazarett gestorben. Mein Vater war 52 Jahre alt.

Unsere Wohnung war zerbombt, da war nichts mehr zu retten. Uns nahm dann ein Kunde auf, der ein Wohnboot besaß. Auf dem konnten wir zwei Tage übernachten. Der Mann hatte eine jüdische Frau, die er versteckt hielt und der Sohn musste das Victoria-Gymnasium (heutige Helmholtz-Gymnasium) verlassen, weil er halbjüdisch war. Die Familie fühlte sich immer sicherer, als absehbar war, dass der Krieg zu Ende ging. Alle drei haben überlebt. Als die Russen kamen, wurde das Wohnboot als Fährschiff benutzt. Wir zogen in den Keller unseres Hauses und waren froh, ein Dach über dem Kopf zu haben.

Letzter Brief des Vaters von Werner M. an seine Schwester in Oberursel im Taunus

Potsdam, den 19. II. 1945

Meine Lieben!
Will euch wieder ein Lebenszeichen von uns geben. Joseph wird euch ja berichtet haben, welche Luft hier weht. Beschreiben kann man und soll es nicht, auch besser ihr wißt nichts davon. Der Angriff auf Berlin hat viele Menschen getroffen, es war der schwerste bis jetzt, nun liegt er schon wieder Wochen hinter uns, noch kommen Massen von Flüchtlingen aus dem Osten, eine richtige Völkerwanderung. Die Menschen muß man sehen, dann erst kann man sich ein Bild machen, was eine Schwere auf jedem einzelnen liegt. Haus und Hof mussten sie verlassen, nur was sie zum Teil tragen können, oder auf Wagen verpackt haben.

Denkt auch ihr müsst alles im Stich lassen was ihr jahrelang, ja ein Menschenalter aufgebaut habt, und ein Wiedersehen gibt es nicht mehr. Der Bruder weiß nicht wo die Schwester ist. Umgekehrt weiß der Sohn oder Tochter nicht wo die Eltern geblieben sind. Wie weit nun die Russen von uns entfernt sind, wird euch wohl bekannt sein.

Was nun kommt und sich noch entwickeln mag ist unbestimmt, wir rechnen mit allem. Sollte der Russe noch einmal solch großen Stoß machen dann ist Berlin dran. Wir rechnen hier auch alle mit einer Einkesselung von (Groß – Berlin) da werden wir wohl auch bei sein. Es sind hier soviel Menschen überall, wir selbst haben 7 Menschen aufgenommen, doch mit einem Wandern fast nicht zu rechnen ist.

Anna will auch auf alle Fälle hier bleiben mit Werner. Ich werde ja dann zum Volkssturm eingesetzt. Ebenso ist auch möglich daß Werner eines Tages bei euch eintreffen kann. Sollte er wandern dann wird er ab und zu eine Karte schreiben. Wir haben uns nun schon langsam mit allem abgefunden, sollten wir am Ende bei den Lebenden noch sein, dann werdet ihr weitere Nachrichten von uns hören. Noch ist Potsdam verschont geblieben von allem, aber wer weiß wie es kommt.

Heinz wird auch an euch schreiben, wenn er merkt wir sind eingekesselt, haltet dann die Verbindung mit ihm aufrecht. Und sobald wir uns wieder melden können, werden wir es selbstverständlich tun. Gesundheitlich geht es uns noch gut, ich arbeite noch im Betrieb, wo ich auch sicher bis zur letzten Minute bleibe. Die Hühner haben wir noch, sowie Hasen, also für die erste Not ist gesorgt. Zum Glück habe ich für Futter reichlich gesorgt, es reicht bis zum Herbst. Sollte es Joseph möglich sein, noch einmal Mehl zu schicken per Expreß so wären wir euch sehr dankbar.

Nun bleibt alle gesund und munter. Grüßt bitte alle Geschwister von uns. Solange wir noch schreiben können, schreibe ich noch. Heinz liegt zwischen Ratibor und Sohrau, es geht ihm noch gut. Euer Peter liegt im Westen, am schönsten hat es der andere Peter. Also seid für heute recht herzlich gegrüßt von

Peter, Anna und Werner

Viele herzliche Grüße und vielleicht ein Wiedersehen!
Anna

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