Wolfgang W.

Geboren im Februar 1932

Wie haben die Menschen, die 1945 in Potsdam wohnten, das Ende des Krieges erlebt? Was ist ihnen davon in Erinnerung geblieben. Die Landeszentrale hat mit Potsdamer Bürgern gesprochen, die im Frühjahr 1945 zwischen 13 und 28 Jahre alt waren.

Ich bin Potsdamer und mit den Werten des Preußentums groß geworden. Da fand ich meine Vorbilder. Meine Ideale waren Toleranz im Glauben und kein Rassismus. Danach wurde ich erzogen und das hatte ich mir angelesen. Die „Hitlers“ waren mir – obwohl ich ja noch ein Kind war – zutiefst unsympathisch.

Vorläufiger Ausweis und Einreiseerlaubnis meines Vaters in die russische Besatzungszone

Vorläufiger Ausweis und Einreiseerlaubnis meines Vaters in die russische Besatzungszone

Wir wohnten in der Brandenburger Vorstadt in der Luisenstraße (heute Zeppelinstraße). In unserem Haus wohnte ein kaisertreuer Schneidermeister, und der sagte oft zu mir: „Wolfgang, wenn wir noch den Kaiser hätten, wäre kein Krieg gekommen! Die Nazis sind die Verräter an der Monarchie, die sind viel zu links.“

Während des Krieges war mein Vater an der Front in Ostpreußen. Ich war erst Pimpf und sollte dann zur Hitlerjugend gehen. Aber diese Massenorganisation mit primitiven Führern und einer vormilitärischen Ausbildung, die nur auf Trimmen und Gehorchen ausgerichtet war und dem ehrenvollen Sterben für Führer, Volk und Vaterland war mir zuwider und ich ging nicht hin.

Es kamen Briefe von der HJ-Kreisleitung, wenn meine Mutter mich nicht zum Dienst schickt, würde ich von der Polizei geholt werden. Meine Mutter war aber keine ängstliche Frau. Sie informierte meinen Vater und der schrieb dann an die NSDAP-Kreisleitung, dass es unerhört sei, dem Sohn eines Frontoffiziers, der seine Pflicht fürs Vaterland tut, mit solchen Zwangsmaßnahmen zu drohen.

Es hätte Ursachen und Gründe, wenn die Mutter ihren Sohn nicht zu diesem anstrengenden Geländedienst schicken würde. Und es hat funktioniert! Nie wieder bin ich zur Hitlerjugend gegangen. Mit heutigem Wissen bin ich erstaunt, welchen Mut und welche Zivilcourage meine Eltern hatten.

Als ich 12 war, hatten wir einen Philipps-Radio-Apparat und es gab die Sondersendungen über die Wehrmacht. Die waren mir langweilig und deshalb habe ich an den Knöpfen des Radios herumgedreht und dann kam dieses Klopfen und ich hörte BBC-London. Eine nette Frauenstimme sprach davon, was der „Herr Hitler“ in seinen Reden sagte...

Es war sehr interessant, was ich hörte. Aber ich hab mich nicht getraut, mit irgend jemandem darüber zu sprechen, auch nicht mit meiner Mutter. Eines Tages kam ein Mann von der NSDAP zu uns in die Wohnung wegen der Sammlung für das Winterhilfswerk. Während er wartete, machte er ganz nebenbei das Radio an. Zum Glück hatte ich den Sender wieder weggedreht. Wenn ich mir heute vorstelle, was damals passiert wäre und was ich meiner Mutter angetan hätte! Niemand hätte ja gedacht, dass ich das gewesen wäre.

Ab der zweiten Jahreshälfte 1944 wurde fast täglich Berlin angegriffen. Das hieß auch für uns, dass wir ständig Fliegeralarm hatten, fast jede Nacht. Wir hörten den Drahtfunk. Das war ein technischer Sender, der vernetzte die Militär- und Abhöranlagen und den Polizeifunk und dort erfuhr man immer schon Minuten früher, welches Planquadrat angeflogen wird. Danach kam die Sirene, wir nahmen unsere Rucksäcke und den gepackten Koffer und gingen die Luisenstraße entlang, am Brandenburger Tor in die Hohenzollernstraße, in die Kaiser-Wilhelm-Straße zum Luftschutzkeller meiner Schule (heute Einstein-Schule in der Hegelallee).

Wir waren uns absolut sicher, dass Potsdam nicht bombardiert werden sollte. Potsdam war Residenzstadt, die Kasernen lagen alle an der Peripherie und die konservativen Potsdamer glaubten fest daran, dass auch eine gewisse Rücksicht auf die englische Verwandtschaft des Kaisers genommen wird. Alle haben sich geirrt.

Genau erinnere ich mich an den Bombenangriff in der Nacht des 14. April 1945. In dem Keller meiner Schule waren wir inzwischen zu einer richtigen Solidargemeinschaft geworden, man kannte sich, nahm Anteil und half sich. In dieser Nacht war starker Wind und die sogenannten Christbäume gingen am Wildpark und auch am Brauhausberg herunter. Der Luftschutzwart scheuchte uns dann in den Keller und es ging über Potsdam los. Als die Bomben fielen, und die Detonationen in großer Nähe krachten, schwankte es im Keller wie auf einem Schiff oder bei einem Erdbeben.

Das Denken hatte sich ausgeschaltet, die Menschen – es müssen Hunderte gewesen sein – waren still und diese Stille war unheimlich. Es wurde stumm gebetet, das sah ich an den gefalteten Händen. Vielleicht war es auch ein Flehen an unbekannte Mächte. Wir spürten Todesnähe in uns. Das Gefühl war wie eine Enderwartung: Wenn man das Heulen hörte und dann das Krachen, wusste man, dass die Schule nicht getroffen war. Hörte man aber nur das Heulen, glaubte man immer, dass gleich alles vorbei wäre. Ganz in der Nähe ging eine Luftmine herunter und der Zugang zum Keller war verschüttet. Zum Glück war das aber nicht weiter dramatisch, wir konnten schnell wieder freigeschippt werden.

Das meiste hatte die historische Stadtmitte abbekommen. Gegen Mitternacht sind wir nachsehen gegangen, immer in der Angst, ob unser Haus noch steht, die Wohnung noch da ist. Nie werde ich diese Bilder vergessen! Wir kamen über den Luisenplatz in die Luisenstraße (heute Zeppelinstraße), und vom dritten Haus an waren die uns bekannten Geschäfte, eine Konditorei, ein Kolonialwarenladen weg, wie ausgelöscht. Auch das große Fotoatelier Puppe, in dem wir Kunden waren, bestand nur noch aus zerborstenen Wänden.

Für mich war dieser nächtliche Weg zu unserem Haus das erste und unvergessene Bild des Grauens in diesem Krieg. Den Brandgeruch glaubte ich noch lange zu spüren. Die erste Häuserzeile in der Zeppelinstraße war vollständig zerstört, Auch in der Feuerbachstraße / Ecke Kronprinzenstraße war ein Haus von einer Bombe getroffen, man sah mitten hindurch noch die halbe Wohnung, ein grauenhafter Anblick. Unser Haus war verschont geblieben; nur die Fensterscheiben waren alle kaputt, auch der Putz von der Decke war herabgefallen. Aber wir waren so froh, dass wir unsere Wohnung noch hatten.

Elzard Kuhlman

Unser Nachbar Elzard Kuhlman war Leiter des Rundfunk-Tanzorchesters Radio Hilfersum und wurde nach Berlin dienstverpflichtet. Im Haus des Rundfunks leitete er ein Unterhaltungsorchester. Im Mai 1945 ging er wieder zurück nach Hilversum

In unserem Haus wohnte auch das Ehepaar Kuhlman. Elzard Kuhlman war Leiter des Rundfunk-Tanzorchesters Berlin. Es war wohl eine Mischung aus Neugierde und Anteilnahme, als mich Herr Kuhlman am nächsten Tag mitnahm, um zu sehen, wie die Stadt nach dem Angriff aussah. Wir gingen den Kiwitt entlang, vorbei am Saran-Sägewerk und sahen die hohen, schwarzen Feuerwolken der brennenden Altstadt über dem Wasser der Havelbucht.

Plötzlich drängte mich Herr Kuhlman, wieder umzukehren. Er sagte es langsam und sehr bestimmt, nach einer Weile befahl er mir auch zu rennen. Auf unserem Weg hatte ein Blindgänger gelegen und wer weiß, wenn ich allein gewesen wäre, hätte ich dieses längliche schwarze Ding, eine Luftmine, gar nicht bemerkt. Vielleicht hat mir Elzard Kuhlman das Leben gerettet.

Nach dem 14. April sind wir nie wieder in den Keller gegangen, weil meine Mutter große Angst davor hatte, verschüttet zu werden und zu ersticken. Wir erfuhren dann von den Splittergräben, die im Park von Sanssouci angelegt wurden und auch für die Bevölkerung zugänglich waren.

Es waren tiefe Gräben im Erdreich, die mit Holzleisten und Dachpappe überdacht und mit Erde getarnt waren. Man saß darin nicht unbequem, nur das Wasser stand einem bis zum Knöchel und ich bekam davon Rheumatismus. Hier fühlten wir uns aber sicherer und hatten weniger Angst als in einem Haus. Dennoch war die Angst immer da – nur die Angst vor dem, was von oben kommt, war geringer geworden.

Mit einem gewissen Fatalismus haben wir uns gesagt, wenn es uns trifft, dann sind wir alle weg; verschüttet werden wir aber nicht. In dieser Zeit haben wir nur von einem Tag auf den anderen gelebt und gedacht.

Manchmal hörten wir ein Grollen, das klang wie Gewitter. Das war die Front, die näher kam. Wir aber glaubten noch immer der Nazi-Propaganda. Viele sprachen davon, dass eine neue Armee unter General Wenck zusammengestellt würde. Nur alte Männer, die bereits den Vorkrieg erlebt hatten, sagten mir: „Junge, das ist eine Gespensterarmee, daran musst Du nicht glauben.“ Wir haben aber daran glauben wollen, dass der Führer noch etwas in petto hat. Und wir hofften auf die verbündeten Japaner, die uns hier heraushauen würden. Ein verlorener Krieg war für uns undenkbar.

Entlassungspapiere meines Vaters aus englischer Kriegsgefangenschaft

Entlassungspapiere meines Vaters aus englischer Kriegsgefangenschaft

Entlassungspapiere meines Vaters aus englischer Kriegsgefangenschaft

Nach dem Bombenangriff rechnete jeder damit, dass die Russen kommen werden. Meine Mutter hörte von Bekannten, dass im Keller von Dr. Bestehorn für uns Platz wäre, denn es hieß, die Frauen sollten jetzt besser zusammenrücken. Er wohnte in der Nähe von Sanssouci.

Wir nahmen ein paar persönliche Sachen mit, schlossen unsere Wohnung ab und lebten mit anderen Frauen, Kindern und alten Männern sechs bis sieben Tage im dortigen Keller. Ich weiß noch, wie frühlingshaft warm der April war und wie schön die Bäume blühten...

Die Leute im Keller waren voller Angst, man redete, um sich abzulenken. Ich erinnere mich, dass unerhört viel geredet wurde, Interessantes und Langweiliges. Besonders erinnere ich mich an den pensionierten Bürgermeister von Bornim, der sich in einem abgetrennten Teil des Kellers zusammen mit Dr. Bestehorn und seiner Frau aufhielt und sehr laut jammerte.

Ein alter Mann, der Weinkrämpfe bekam und klagte: „Was wird nur aus der deutschen Jugend? Viele sind an der Front verblutet, die besten werden vernichtet werden.“ Für mich war das Jammern des alten Mannes gespenstisch. Dann wurde ich krank, vielleicht vor Erschöpfung, vielleicht auch wegen der psychischen Anspannung.

Nie habe ich es für möglich gehalten, dass die Russen nach Potsdam kommen könnten. Wir alle hielten das für ausgeschlossen. Von Luftschutzhelfern hörten wir, dass Berlin besetzt wäre, dann wieder, dass doch noch um Berlin gekämpft würde – es war ein ziemliches Chaos mit Informationen zwischen Tatsachen und Wunschdenken.

Als dann die Russen vor der Tür standen, war das für uns alle eine unwirkliche Situation. Wir hatten so viele Gerüchte gehört – und dann waren sie da.

Was ich an dem Tag tat, war dreist, aber so ist man vielleicht im Alter von 13 Jahren. Es war eine Mischung zwischen Neugierde und Abenteuer, die Gefahr ahnte ich nicht. Ich trat also hinaus und sah sie stehen: einen ganz jungen, blonden russischen Offizier zusammen mit einem höherer Offizier, einem Mongolen. Ich bot denen Zigaretten an, die meinem Vater gehörten und die ich mir in die Taschen gestopft hatte.

Der Blonde sagte: „Du Werwolf!“ und wollte mich packen. Ich hatte keine Ahnung, was das war und bekam einen riesigen Schreck. Der andere Offizier aber sagte: „Kind, keine Angst.“ Dann kam ein Kommandoruf und sie waren weg und es wurde wieder geschossen. Ich ging mit sehr weichen Knien zurück in den Keller.

Langsam wurde das Essen knapp. Irgendwoher erfuhr Dr. Bestehorn, dass eine Bäckerei am Bassinplatz noch Brot verkaufte und er fragte: „Wer hat den Mut, vom Bäcker Brot zu holen?“ Alle sahen zu Boden, aber meine Mutter stand auf und sagte: „Ja, ich gehe.“ Die Stadt wurde in diesen Tagen von Tieffliegern beschossen. Wir hörten die Detonationen und das Artilleriefeuer.

Die Angst der Erwachsenen übertrug sich auf uns Kinder. Es war morgens um 9 Uhr als meine Mutter losging. Sie war schon eine sehr unerschrockene Frau. Ich blieb zurück und wartete. Am Nachmittag war sie noch immer nicht zurück. Da glaubte ich, dass ich sie nie wiedersehe.

Sie kam dann, abends nach 6 Uhr, schwer mit Brot gepackt und ich sah aus wie ‘ne Leiche und sagte nur noch: „Wo bleibste denn?!“ Ihre Antwort weiß ich noch heute: „Ach, du dusseliger Bengel!“ Es hatte so lange gedauert, weil sie ständig von Hauseingang zu Hauseingang in Deckung gehen musste. Sie erschien uns wie eine Marketenderin, als sie an alle das Brot verteilte.

Einige Tage später hörten wir Russen im Keller mit der Meldung: „Gitler kaputt!“ Das war lange vor dem 8. Mai und damit war der Krieg in Potsdam zu Ende. Als Befreiung empfanden wir das nicht. Nein, die Soldaten der sowjetischen Armee kamen nicht als Befreier, sie kamen als Sieger. Für mich ist es immer der Tag der Erlösung von den Schrecken des Krieges zusammen mit der Erkenntnis, wir bleiben hier, wir werden nicht verschleppt, wir können unsere Stadt wieder aufbauen – ein Neuanfang ist möglich.

Deutlich erinnere ich mich an die ersten Maßnahmen der neuen Verwaltung. In der Brandenburger Vorstadt am Schafgraben gab es das sowjetische Heeresproviantamt, dort stand man in langen Schlangen an und konnte Brot holen.

Bald klebten auch Plakate an den Hauswänden. Eines hab ich abgemacht und aufgehoben. Als ich es gelesen hatte, dachte ich, die wollen uns also nicht vernichten. Das war der erste Hoffnungsschimmer. Ich weiß noch genau, wie ich zu meiner Mutter sagte: „Wer das plakatiert, vor denen braucht man keine Angst mehr zu haben.“

In Vorbereitung zur Potsdamer Konferenz gab es viele Plakate und Transparente mit Stalin-Zitaten. Ich erinnere mich an den Satz „Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk bleibt bestehen!“ Das hat uns wieder Mut gemacht.

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