Ausstellungseröffnung

7. Oktober 2008

Foto: fbn

Rede von F.W. Bernstein zur Ausstellungseröffnung

„Das wäre ja gelacht!“ – so ist die Ausstellung von Karikaturen von Barbara Henniger überschrieben. Die Frage erhebt sich: Was gibt’s denn da zu lachen? Die Antwort lacht einem auf Plakat und Einladung entgegen: Die Künstlerin lacht. Und wie!
Von ihr selbst gezeichnet lacht sie uns an! Lacht sie uns aus?

Nein: Es ist kein Grinsen – wer grinst, der hält in der Regel das Maul. Er hält es geschlossen. Wie beim Lächeln. Oder gar Schmunzeln. Ja, Barbara Henniger lacht hellauf. Und zeigt Zähne! Das ist Gruß und Drohung in einem.
So hat Burt Lancaster gelacht in dem Seeräuberfilm „Der rote Korsar“. Oder „... Pirat“? Und wenn er so lachte, ging man ihm am besten aus dem Weg.
Das ist bei der roten Piratin Barbara nicht empfehlenswert – Sie versäumen etwas, wenn Sie die Flucht ergreifen. Ihr Lachen ist nämlich hörbar. Hellauf und schallend.

Sie zum lachen zu bringen, ist die reine Wonne. Und Sie haben auch viel zum Lachen, wenn Sie ihre Zeichnungen betrachten. Dazu gleich mehr.

F.W. Bernstein; Foto: Beate Wätzel

F.W. Bernstein; Foto: Beate Wätzel

Ich darf mich legitimieren, mich ausweisen und angeben mit meiner ersten Begegnung mit der lachenden Zeichnerin – halt: eine Durchsage: Wenn Sie heute am traditionellen Tag der Republik, so hieß der doch damals? Wenn Sie heut und hier Lachen hören, dann kann‘s natürlich – außer Barbara Henniger oder Ihnen selbst, die Dame des Hauses sein: Frau Schellhorn. Von Manfred Bofinger „Lachtaube“ genannt (haben Sie’s gehört?).

Wie ich Barbara Henniger begegnet bin: Das war im Februar 1990, kurz nach dem Ende und der Wende, da haben die Ostzeichner uns Westberliner Zeichner eingeladen in eine Kneipe weit draußen in Weißensee. Durch Matsch und Schnee und Kälte fuhr ich mit Rainer Hachfeld und Erich Rauschenbach dorthin – und die Eulenspiegelleute wussten, was sich gehört: Man hat aufgetischt, ein großes Abendessen hub an und ein Abendtrinken.
Und Barbara Henniger mittenmang. Mann kannte sich, selbst ich kannte die Namen: Harald Kretzschmar, Peter Muzeniek, Louis Rauwolf, Heinz Behling, Frank Leuchte, Wolfgang Kleinert, Hartmut Berlin, Reiner Schwalme. Ja, und Barbara Henniger. Einige aus diesem Gastmahl sind nicht mehr unter uns, Manfred Bofinger, den ich bei der Gelegenheit persönlich kennenlernen durfte. Wir haben dann zügig die Wiedervereinigung betrieben...

Barbara Henniger hat das schon 2003 in einem Cartoon dokumentiert: Zwei Herren auf einem noblen Empfang, fragt der eine: „Was haben Sie im Osten saniert?“, sagt der andere: „MICH!“.

Ich darf, bevor ich ins Erklären komme, noch kurz beim Erzählen bleiben. Eine unvergessliche Begegnung mit besagter Dame: Das war Ende der 90er Jahre, auch so ein Empfang wie im Cartoon, es war bei einer Veranstaltung in einem Bankhaus am Pariser Platz, es ging – ja, um Karikatur. Und dabei war auch unser Münchner Großmeister Ernst Maria Lang. Und der bat mich vor diesem Event: „Fritz, kennst Du die Barbara Henniger – bitte stell mich ihr vor.“ Das war mir eine Ehre – wäre mir eine Ehre gewesen – ich habe geübt: Ernst, darf ich Dir Barbara Henniger vorstellen...?

Ich bin aber wohl zu spät gekommen, denn wer sitzt da schon herzlich beieinander auf einem Sofa? Und wer lacht? Man hatte sich ohne mich gefunden...

Regelmäßig alle Jahre wieder treffe ich Barbara Henniger in Dresden, wenn die Sächsische Zeitung Ende des Jahres ihren Karikaturenpreis vergibt und groß feiert.

Wir sind beide vom selben Jahrgang – noch Friedensware – doch was die Geburtsorte betrifft, könnten die Unterschiede nicht größer sein: Sie in Dresden, ich weit drunten in den Südstaaten, in Göppingen. Sie hat das gemacht, was meine Mutter immer wollte, dass ich es mach: Architektur studieren. Ich hab gleich Kunst studiert und hatte es dann doch ziemlich schwer, in die Karikaturmacherei zu kommen. So viel von mir.

Aber sie, Barbara Henniger, die Architektin, ist von Anfang an in bester Gesellschaft: Saul Steinberg, der große Amerikaner, ist gelernter Architekt, von den Jüngeren Beck aus Leipzig, und natürlich Ernst Maria Lang aus München – schon deshalb haben sich die beiden auf dem Sofa damals gleich so gut verstanden. Architekten können gut zeichnen.

Im neuen Eulenspiegel illustriert Barbara Henniger die diesjährige Buchmessenstrecke „Vom Umgang mit Büchern“, sie baut Stücker sieben Frankfurter Hochhaustürme aus lauter bunten Büchern. Einige dieser Türme klar erkennbar, korrekt, präzise, deutlich und doch locker hingeschrieben. Vor diesen bunten Kulissen eilt ein Aktentaschenträger ins Bild, zieht den Hut vor dem Geistlichen, der ihm entgegen kommt: „Grüß Gott, Hochwürden – auch zur Messe?“

Das ist eine Illustration, fast ganzseitig immerhin – keine satirische Entlarvung, keine messerscharfe Pointe – eher eine freundliche Dekoration – und doch und gerade zeigt sich mir hier das Rätsel der Barbara Henniger. Vom Türmezeichnenkönnen abgesehen – für Architektinnen eine der leichteren Übungen – was macht die spezifische Eigenart, ihre komische, grafische und satirische Qualität aus?

Harald Kretzschmar, der große Kenner, der gerade sein neues Buch über den Künstlerstandort Kleinmachnow auf den Markt gebracht hat, versucht es umständlich: „Bereits in den 80er Jahren kultivierte diese Zeichnerin einen Cartoonstil, der in durchaus populäre Strichmanier „übersetzte“, also metaphorische Gedankengänge, ja Gedankenblitze anbietet...“

Sie hat keine fulminante, hochexplosive und expressive Handschrift, keinen Superstil, keine aufschäumende Virtuosität, wie die Engländer etwa, der Steadman und der Gerald Scarfe. Sie zeichnet einfach, präzise und deutlich, aber ihre Figuren vibrieren förmlich vor innerer und damit äußerer Beweglichkeit. Und – Architektur! – sie baut (achten Sie drauf!) – mit grafischen Kulissen ihre Bühne des Papiertheaters, wie Wilhelm Busch unser Geschäft nannte, Innenräume mit sicherer Gestaltung und immer milieusicher.

In diesem Jahr im Wilhelm-Busch-Museum (die Ausstellung ist gelaufen) „10 Klassiker der ostdeutschen Karikatur“, Obertitel: „Eulenspiegel. 11 Klassiker“. Genauer: 10 Klassiker und eine Klassikerin nämlich!

Ich darf bei der Gelegenheit eine Beichte vor der Klassikerin ablegen: Lange Jahre gehörte ich zu den arroganten Wessis, besonders vor der Wende, die mit steifer Oberlippe unsere Brüder und Schwester „drüben“ und besonders deren Grafik betrachteten.

F.W. Bernstein und Barbara Henniger; Foto: Beate Wätzel

F.W. Bernstein und Barbara Henniger; Foto: Beate Wätzel



Nein, es war keine Arroganz, es war mehr: Es war Ignoranz. Inzwischen weiß ich‘s besser und bewundere das Handwerk der Klassiker – ohne formalen Firlefanz erzählen und erklären sie die Welt.

Barbara Henniger fängt beim Eulenspiegel mit „Humorzeichnungen“ an, da rümpften wir Frankfurter Besserwessis die Nase, wie über unsere westlichen Witzzeichnungen. Aber wenn unsere Barbara Henniger in vier Bildern ein Alltagsdrama erzählt, ohne ein einziges Wort, da applaudiere ich im Nachhinein: Im ersten Bild fährt eine Frau im Trabbi ab. Mann steht trübe in der Tür und winkt. Bild zwei: Der Mann verzweifelt, fleht, betet, rauft die Haare – eine stumme Pantomime. Im dritten Bild: Die Frau kommt wieder, Mann jubelt. Bild vier: Mann kniet nieder, küsst – das Auto – es ist wieder da!

Die Szenen auf leicht getöntem Papier, das Auto zart koloriert. Und siehe, die Form geht völlig im Inhalt auf.

Ich gratuliere Barbara zu dieser Ausstellung und uns und dem Haus zu Barbara Henniger.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Schlagworte

Bewertung
Noch keine Bewertungen vorhanden.

Neuen Kommentar hinzufügen

Eingeschränktes HTML

  • Erlaubte HTML-Tags: <a href hreflang> <em> <strong> <cite> <blockquote cite> <code> <ul type> <ol start type> <li> <dl> <dt> <dd> <h2 id> <h3 id> <h4 id> <h5 id> <h6 id>
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.
CAPTCHA
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.