
Politische Karikatur und Frauen? Eine seltene Kombination. Bei Barbara Henniger trifft sie zu. Die Dresdnerin wird in diesem Jahr 70. Was ihr blitzgescheiter Verstand ausheckt, kommt in scheinbar einfachen Zeichnungen aufs Papier. Ihr komprimierter Witz beinhaltet so viel Druck wie der Kessel einer Dampfmaschine. Verdichtet auch der Lebenslauf: sieben Jahrzehnte in etwa sieben Zeilen.
Die Liste der Preise dagegen ist lang. Zu den renommiertesten gehören der „Goldene Hut“, verliehen auf der 24. Wereldkartoenale 1985 in Belgien, und der „Goldene Gothaer“ 1991. 2003 kam in Berlin der 1. Preis des Karikaturenwettbewerbs "Was ist sozial?" dazu und 2006 der „Goldene geflügelte Bleistift“ beim Karikaturenpreis in Dresden.
Am Anfang ihres Berufslebens sollte sich Barbara Henniger entscheiden – zwischen Häuser bauen oder Sätze bauen. Beides hatte so seine Fußangeln in der DDR. Sie gab dem Tageszeitungsjournalismus den Vorrang. Nur für kurze Zeit. Dann setzte sich die linke Hand durch. Das ist die, mit der sie zeichnet. Und zwar seit 1967. In diesem Jahr übersiedelten Hennigers von Dresden nach Strausberg bei Berlin. Heimarbeit in Form von Karikaturen bot die beste Chance, draußen und gleichzeitig mittendrin zu sein.
Wer Familie Henniger je in ihrer grünen Vorstadtidylle besucht hat, erinnert sich ewig: Häuschen und Garten – alles eins, Veranda, Garage – irgendwie, irgendwann miteinander verbunden. Hund oder Katze oder beide gucken über die Schulter und sind immer dabei. Genau wie Heinfried, der Ehemann, egal, ob er da ist oder nicht. Und dazwischen die kleine Frau am großen Zeichentisch.
Wie soll man ihre Cartoons beschreiben? Am besten gar nicht. Man muss sie anschauen. Aber bitte genau hinsehen, denn bei Barbara Henniger gibt es zum klaren Strich quasi als Sahnehäubchen den guten, bissigen, metaphorischen, philosophischen Gedanken oben drauf. Das hat ihre Beliebtheit beim DDR-Publikum ausgemacht und damit hat sie sich, wenn auch nicht gleich von Anfang an, Meriten in ganz Deutschland und darüber hinaus erworben. Ihr eigener Nachsatz zur politischen Karikatur im schönsten Dresdner Slang: „Ä biss’l lachen muss man aber schon können!“ Sicher, auch wenn einem das Lachen zuweilen vergehen möchte. Man schaue nur auf ihre Einwürfe zu Rechtsradikalismus oder Arbeitslosigkeit, zu Familie oder Gesundheit. Kaum ein Thema bleibt ausgespart.
Die Aktualität und diese quasi zweite Ebene, die Barbara Henniger einzieht, machen ihre Blätter nicht zeitlos, aber immer wieder aktuell. Ihre Zeichnungen sind durchweg politisch gemeint. Die Frau ist schließlich an einem 9. November, noch dazu 1938, auf die Welt gekommen. Da bleibt man nicht unpolitisch. Nach eigenem Bekunden hat sie erst der 9. November 1989 mit ihrem Geburtsdatum versöhnt.
Ihr Strich ist mit den Jahren kantiger und kompromisslos geworden. Der Betrachter darf sich dran stoßen. Barbara Henniger erarbeitet ihre Blätter mit Bleistift, Farbstiften und Pastellfarben. „Computerfarben? Die sind mir nicht lebendig genug!“ Das ist keine Technikfeindlichkeit, sondern Treue zum Handwerk. In eine Zeitung gehören politische Karikaturen, davon ist Barbara Henniger überzeugt.
Die beruflichen Erfolge sind hart erarbeitet. Man nennt Barbara Henniger in einem Atemzug mit den Großen ihrer Zunft, egal, ob Ost oder West. Eine Berliner Journalistin gab ihr den schönen Namen „Barbara Linkerhand“. Vergleiche, die adeln. Aber wo steckt sie, diese immense geistige, schöpferische Arbeit, die einer Karikatur vorausgeht? Wir schauen, lachen, schmunzeln, fühlen uns eins mit der Zeichnerin. Sie ist eine, wir sind viele und sie hat es geschafft, uns alle zu packen. Wie? Mit links eben. Und mit rechts – beidhändig und treffsicher in Bild und Wort.
Bei ihr hat der Begriff Variationsbreite eine andere Dimension. Zu DDR-Zeiten lieferte Barbara Henniger ihrem Hausblatt „Eulenspiegel“, für das sie noch heute regelmäßig arbeitet, zu einem Thema mindestens drei Varianten. Eine ging dann hoffentlich durch. Meist die harmlosere. Die anderen landeten zuhause in Mappen. Im günstigsten Fall fanden sie einen Weg vorbei an der Zensur hinein in Bücher oder Ausstellungen.
Wir haben sie eingeladen, Ausschnitte aus 40 Jahren Karikaturistendasein in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung zu zeigen. Ihre Einmischungen sind ebenso erhellend wie aufhellend – damals wie heute. Und wenn Barbara Henniger feststellt, „bewegte Zeiten sind immer gute Zeiten für Satire“, sollten wir uns fragen, ob wir uns genug bewegen.
Gabriele Voigt
Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung
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