
Heimat ist gleichzeitig ein nach innen und nach außen Sehen
Für mich ist der Begriff Heimat nicht einfach zu fassen. Obwohl ich im Alltag nicht darüber nachdenke, gibt es doch ein Gefühl für Heimat in mir, das immer präsent ist. Aber allein deshalb würde ich nicht in einen Heimatverein gehen und die Geschichtschronik des Ortes schreiben, in dem ich geboren wurde.
Fahre ich aber nach Hause, dann sage ich auch: Ich fahre in die Heimat. So einfach ist das plötzlich. Der Weg nach Hause ist für mich wie eine Annäherung an Heimat. Auf der Autobahn fängt es an, kurz vor Magdeburg, wenn ich den Dom sehe, wie ein Markstein steht er da, eingebettet in die Landschaft. Ich denke dann, ja, das ist meine Stadt, da komm ich her.
Ich empfinde Heimat für mich als einen Ort der Gesamtheit mit den meisten und tiefsten Eindrücken, die mir mitgegeben sind. Und plötzlich weiß ich auch, dass Heimat nichts mit dem Zuhause zu tun hat.
Für die Ausstellung habe ich versucht, mir die Frage zu beantworten: Wo ist der Ort meiner Heimat? Wo stelle ich mein Stativ hin, wo mach ich mein Bilder? Ich habe mich entschieden, nicht nach Magdeburg zu fahren und dort die Heimat-Bilder zu produzieren, sondern meine Heimat an anderen Punkten zu suchen, da, wo ich Heimat empfinde oder dort, wo mein Begriff von Heimat mit dem, was da eigentlich ist, kollidieren kann.
Ich war in Berlin unterwegs und bin auf einen Friedhof in Neukölln gegangen. Dort fand ich die Stelle, wo man die alten Grabsteine zusammen sammelt. Der Friedhof als letzter Ort – und plötzlich wird alles zusammengeschoben und man muss auch diesen Ort verlassen. Die letzte Ruhestätte für uns Erdenbürger ist nicht mehr sichtbar, nicht auffindbar. Und mir fiel ein, wie meine Mutter früher auf der Suche nach einem bestimmten Grab war. Es hieß in unserer Familie, ich muss nachsehen, ob das Grab von Tante Anna noch da ist. Aber irgendwann war es nicht mehr da und es gab keinen Grund mehr, dorthin zu gehen. In Deutschland werden die Gräber beräumt, wenn keiner mehr da ist und zahlt.
Später entstand in meiner Vorstellung die Überlegung: Irgendwann gibt es keine Angehörigen mehr in deiner Heimatstadt, keiner der ein Grab pflegt, keiner der es besucht und keiner, der dort noch beerdigt wird. Was passiert dann? Tauscht sich der Heimatbegriff aus? Kann es einen Wechsel geben mit dem jetzigen Dasein in einer anderen Stadt? Kann es einen Austausch der Wahrnehmung geben?
Das Haus meiner Großeltern war eigentlich ein Hinterhaus in Magdeburg. Der Krieg hatte es zum Vorderhaus gemacht. Bei meiner Spurensuche habe ich an einem Tag in Berlin genau diese Häuser-Szene gefunden und ich erinnerte mich wieder an das Gefühl, dass die Sonne auf der falschen Seite ist und das Haus komplett falsch her-um steht, weil es doch eigentlich ein Hinterhaus ist. Ich hatte in meiner Kindheit viel Zeit bei meinen Großeltern verbracht und plötzlich habe ich sie in Gedanken wieder besucht.
Es gibt viele Menschen, die für ihre Heimat kämpfen. Ist es ein überschwängliches Heimatgefühl oder kämpfen sie, um einen Zustand zu erhalten, in dem sie sich wohl fühlen und der sich nicht ändern soll? Dafür, dass die Heimat unverändert und überhaupt vorhanden bleibt?
In Zeiten der Globalisierung hat Heimat auch mit der Frage zu tun: Woher komme ich, wohin gehe ich? Gibt es einen Weg zurück in die Heimat?
Ein Bild von Hornow gehört für mich auch dazu und fügt sich ein in meine Gedanken, die ich von Heimat habe. Hornow und die Straße dahinter, die auf einmal weg ist, das will ich mir ansehen, denn ich kann es mir nicht vorstellen. In der Nähe der verschwundenen Dörfer hat man Fotografien aufgestellt. Sie stehen für eine andere Zeit, man sieht Menschen, die geheiratet haben, das Leben im Dorf – und dann ist nichts mehr da. Das Dorf ist nicht mehr erlebbar, nicht mehr vorstellbar. Etwas ist spurenlos verschwunden.
Heimat ist gleichzeitig ein nach innen und nach außen Sehen. Ich bin gespannt, wo ich meine Balance dazwischen finde. Es ist angenehm, mich an das Thema Heimat anzunähern. Ich merke aber, dass ich trotzdem eine bestimmte Sichtweise nicht verlasse und doch wieder auf dem Friedhof lande. Ich frage mich, wo ist der fröhliche Moment? Warum ist so viel Traurigkeit, wenn ich an Heimat denke?
Gesprächsprotokoll: Martina Schellhorn
Björn Gripinski
1977 in Magdeburg geboren
1995 Film „Zentralbahnhof“ Günter Kunert, Kamera und Regie, 1. Platz Jugendvideowettbewerb Sachsen-Anhalt
1996 Abitur und Zivildienst
1997 Studium Kommunikationsdesign an der FH Potsdam, Assistenz bei Fritz Busam Architekturfotografie, Fotoklasse von Prof. Gisela Scheidler
2003 Ausstellungsgestaltung bei „Freiheit wollen wir! Der 17. Juni 1953 im Land Brandenburg“
2004 Gründung der Firma freybeuter, Ausstellungen und Kommunikation
Ausstellungen:
2000 Kaserne Krampnitz, Fotoprojekt
2001 Kunstwerk Potsdam „Potsdam Fresh Art“
2003 Waschhaus Potsdam „Verführerischer Realismus“
Teilen auf
Neuen Kommentar hinzufügen