Heimat das ist kein Begriff, der unmittelbar in das Zentrum einer aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion zu führen scheint. Er bietet sich auch nicht an, neue Dimensionen der Lösung von Zukunftsproblemen zu diskutieren. Im Gegenteil: Der Begriff Heimat hat oberflächlich betrachtet bei vielen – insbesondere bei Jüngeren – ein angestaubtes Image. Ja schon das Wort Image will nicht recht zu dem Begriff Heimat passen.
Und vor allem für viele ältere Menschen ist Heimat untrennbar mit ihrer eigenen Vergangenheit verbunden. Wobei das sowohl für solche gilt, die ihre ursprüngliche Heimat verlassen haben oder verlassen mussten, als auch für solche, die nach wie vor in Ihrer Geburtsgegend leben, für die aber überraschender Weise Heimat eben das ist, was dort früher war.
Je mehr wir uns aber vertieft auf die Materie einlassen, desto deutlicher wird, dass es zwar einige Konstanten gibt, die als zu Heimat gehörig immer wieder auftauchen. Aber wir stellen auch fest, dass der Begriff inzwischen einer sehr starken Individualisierung unterworfen ist, wobei das gerade für die Jüngeren unter uns zutrifft.
Ganz deutlich wird das auch, wenn wir die Texte unserer drei Künstler lesen – und erst recht natürlich bei den Fotografien, Grafiken und Bildern selbst. Die Texte sind überschrieben: „Heimat ist gleichzeitig ein nach innen und nach außen sehen“ – „In meiner Arbeit steckt immer auch ein Stück Heimat“ – „Heimat kann man immer dort finden, wo man sich wohl fühlt“.
Das sind ganz persönliche Einordnungen. Da tauchen Begriffe wie Spurensuche und Friedhof auf, Geruch, Gefühl und DDR, aber auch Ess- und Wohnkultur, Freundschaften oder Westberlin.
Patrick Weiss hat sein Heimatgefühl mitgenommen und findet hier Ruhe, Weite, Stille ohne einsam zu sein, was ihm in Berlin passieren konnte, auch wenn er mit 500 Menschen zusammen war. Für Stefan Lierse muss Heimat vom konkreten Ort losgelöst werden, weil Heimat ein geistiges Gebilde ist, eine Idee. Und Björn Gripinski findet, dass in Zeiten der Globalisierung Heimat auch mit der Frage zu tun hat: Woher komme ich, wohin gehe ich?
Heimat im Zeitalter der Globalisierung – ist das überhaupt noch ein Thema, wenn das Internet und die Reisemöglichkeiten den Menschen ganz andere Dimensionen öffnen als das eher beschauliche heimatliche Umfeld. Dabei stellt sich dann irgendwann auch die interessante Frage, der ich hier freilich nicht nachgehen kann, ob wir auf eine multikulturelle Gesellschaft zusteuern. Und sie stellt sich nicht nur hier in Deutschland sondern, fast überall auf der Welt. Jedenfalls – und das ist für unser Thema von Belang – kann und wird so eine multikulturelle Gesellschaft nur fruchtbar und bereichernd sein, wenn die jeweiligen kulturellen oder heimatlichen Identitäten mitgenommen, in sie eingebracht und nicht aufgegeben werden.
Auch in den USA beschreibt der Begriff melting pot of nations die negativen Auswirkungen der Vermischung gegenüber den vielen erfolgreichen Bemühungen, nationale Kulturen nebeneinander lebendig zu erhalten und in einen toleranten Dialog und Austausch miteinander zu bringen. Leider wird das heute bei uns als Parallelgesellschaften diskriminiert.
Jedenfalls gibt es als Reaktion auf diese ja durchaus begrüßenswerten Entwicklungen in Richtung Internationalisierung oder besser kulturellen Austausch – von manchen eingestanden und realisiert, von anderen vielleicht auch nur unterschwellig aufgenommen und wieder verdrängt – eine mehr als verständliche Rückbesinnung auf eigenes Umfeld und Herkunft, vielleicht auf Heimat. Denn mit dem Surfen im World Wide Web, das grenzenlose Freiheit vorgaukelt, geht häufig der Verlust von Bindung einher, ohne die der Mensch aber nicht auskommen kann. Sicher hat das Schlagwort „back to the roots“ da eine seiner berechtigten Perspektiven.
Je intensiver jedenfalls die rund herum erfreulichen Kontakte mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen sind, umso mehr sehen wir uns selbst der berechtigten Frage ausgesetzt: Wo kommst du her? Und da reicht es dann eben nicht aus zu antworten: Aus Kleinmachnow, das is’ da so ’ne kleine Gemeinde in Brandenburg im Südwesten von Berlin.
Die Menschen im Ausland wissen oft nicht so fürchterlich viel über Deutschland. Aber ein paar gängige Stereotype haben sie schon mitgekriegt, und da fragen sie dann ab: Wie war das bei Euch mit den Nazis? War das Ost- oder Westdeutschland? Brandenburg, ist das nicht Preußen? Aber vor allem interessiert sie das persönliche, familiäre und heimatliche Umfeld.
Wem das alles etwas abstrakt und theoretisch ist, dem kann und will ich mit meiner eigenen Heimatstory aufhelfen. Ich bin in Brandenburg, in Luckenwalde geboren. Mit drei Jahren habe ich während des Krieges Brandenburg verlassen. Danach habe ich in Schule, Studium und Beruf in vier verschiedenen Bundesländern im Westen jeweils mehr als fünf Jahre gelebt, immerhin 27 Jahre in Baden-Württemberg, ohne dort auch nur den Ansatz einer Heimatbeziehung zu entwickeln.
Ich war während dieser Zeit nie wieder in Brandenburg. 1990 bin ich beruflich nach Brandenburg zurückgekommen – und für mich bestand nie der geringste Zweifel, dass ich in meine Heimat zurückgekommen bin. Ich bin bestimmt kein sentimentaler Mensch, aber als wir unter Fahne mit dem roten Adler die Koalitionsvereinbarung unterzeichneten, sind mir die Tränen gekommen.
Seit dem Weggang als Dreijähriger hatte ich an meine Heimat keine eigenen Erinnerungen. Die lange Zeit einzige „Heimatquelle“ war meine Mutter, meinen Vater habe ich nicht kennen gelernt. Da ich Historiker bin, kamen später andere Quellen hinzu – weniger emotionale, aber die emotionalen waren die stärkeren. Auch wenn mir das nie bewusst war, Brandenburg war für mich jedenfalls unterschwellig Mythos, Traum und utopische Perspektive. Denn als Historiker und Politiker wusste ich nur zu gut, dass für mich keine echte Chance der Realisierung bestand. Wie für viele war auch für mich die deutsche Vereinigung keine realistische Perspektive.
Meine Frau hat später meinen Lebensweg bis zur deutschen Einheit analysiert und festgestellt, dass mein ganzes Leben bis dahin eine zwar nicht bewusste, aber trotzdem konsequente Annäherung an die Rückkehr nach Brandenburg einschließlich der Übernahme des Amtes des Kulturministers war.
Nein, ich glaube nicht an die Vorsehung. Ich will Ihnen nur klar machen, welche starken Bindungen Heimat entfalten kann. Das ging bis zum Essen von dem auch Stefan Lierse spricht: Bei mir waren es natürlich die berühmten Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl, die ich im Westen als einziger in unserer Familie mochte, oder der Zinnaer Klosterbruder, der im Westen keine Bückware war.
Ich will einen vorletzten Aspekt anfügen, einen persönlich-politischen. In einem Vorgespräch mit Frau Schellhorn habe ich mich dazu bekannt, dass Politik für mich ein Aspekt ist, der eng mit Heimat verbunden ist.
Als durch und durch politischer Mensch kann ich mir nicht vorstellen auszuwandern – etwa in das Geburtsland meiner Frau Kolumbien – weil das den Verzicht auf jede politische Betätigung mit sich bringen würde. Und das hat bei mir überhaupt keinen nationalen Bezug.
Vielleicht ist es wie bei einem Künstler, der ein Land nicht als Heimat ansehen könnte, in dem er einem Berufsverbot unterliegen würde. Es gibt sie also die künstlerische Heimat oder die politische Heimat und das keinesfalls im platten Sinn.
Ein letzter aber dafür vielleicht der einzige ganz feste Punkt bei dieser Spurensuche: Stadt, Land, Nation, Heimat? Ich schaue auf das Elsass, das zeitweilig zu Deutschland, zeitweilig zu Frankreich gehört hat. Für die Menschen war das Elsass die Heimat – deutsch oder französisch, also Heimat keine Frage der Nationalität.
Die Stadt, ein klarer Identifikationspunkt, aber natürlich immer auch Teil ihres Umlandes – die Insel Westberlin dabei eine große Ausnahme, zeitlich befristet. Ich lege mich fest auf die Region, als Ort an dem man Heimat festmachen kann, auch wenn sie politisch, historisch, landschaftlich selten klar definierbar ist. Und dann ist da noch als entscheidendes Kriterium das jeweils persönliche Empfinden von Heimat, ohne das Heimat nicht ist und sein kann. Letztlich gibt es jenseits aller Definitionsversuche nur eine persönlich gefühlte Heimat.
Ich schließe mit einem der einfühlsamsten Gedichte der deutschen Literatur, in dem Friedrich Wilhelm Nietzsche zu unserem Thema Stellung nimmt. Vereinsamt überschreibt er seine bekannten Verse:
Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!
Nun stehst Du starr,
Schaust rückwärts, ach! Wie lange schon!
Was bis Du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?
Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was Du verlorst macht nirgends halt.
Nun stehst Du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.
Flieg, Vogel schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
Versteck, Du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!
Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, -
Weh dem, der keine Heimat hat!
Teilen auf
Neuen Kommentar hinzufügen