
In meiner Arbeit steckt immer auch ein Stück Heimat
Zuerst fand ich, dass Heimat ein ganz belangloses, uninteressantes Thema ist, weil Heimat sowieso da ist, immer um uns ist. Und deshalb dachte ich bei der Arbeit für diese Ausstellung zuerst: Heimat – alles klar, zack, es geht los. Aber so ging es nicht. So konnte ich Heimat nicht darstellen. Und als ich darüber nachdachte, wurde die Sache sehr kompliziert.
Heimatbilder und sich ein Bild von Heimat zu machen sind sehr verschiedene Dinge für mich. Es klingt platt und banal, wenn ich höre: Das ist die Heimat, hier bin ich verwurzelt, nur hier kann ich mir ein Bild von Heimat machen. Das ist mir zu einfach.
Wenn ich sage: Meine Heimat ist Deutschland oder meine Heimat ist Magdeburg, dann ist das zu wenig und noch nicht Heimat für mich. Erst wenn ich das Land oder die Stadt mit einem Gefühl verbinde, macht es den Ort zu diesem Ort, den ich Heimat nennen könnte. Deshalb ist Heimat für mich ein sehr komplexer Begriff, der etwas Allgegenwärtiges hat.
Blättere ich meine Skizzenbücher durch, finde ich immer etwas, was für mich Heimat ist. Mal habe ich da eine Ecke gezeichnet und dort eine Straße, so dass sich Heimat plötzlich wie ein großes Puzzle zusammensetzt. Nicht bei allen Zeichnungen geht das. Eine Palme auf tropischer Insel zum Beispiel ist eben keine Heimat. Aber ich habe auf einmal gemerkt, dass ich zu dem Thema schon oft gearbeitet habe, bewusst oder unbewusst und ich bin darauf gekommen, dass mich Heimat als Gefühl immer umgibt und in mir ist. Ich denke, in der Arbeit, die ich mache, steckt immer auch ein Stück Heimat drin.
Heimat kann auch Zufluchtsort sein. Zum einen geistig, wenn ich versuche, mich in meine Gedanken zu flüchten. Zum anderen konkret, wenn ich nach Hause in die elterliche Wohnung komme und es riecht so lecker nach Kartoffelknödeln und Rotkraut. Das ist etwas sehr Schönes, das ich als Heimweh spüre, wenn ich wieder weg fahre.
Aber ich kann meine Heimat nicht eintauschen, an einen anderen Ort gehen und einfach beschließen, das ist meine neue Heimat. Es ist schwierig, seine Heimat loszuwerden. Vielleicht ist Heimat auch eine sentimentale Erinnerung. Ich habe mich gefragt, ist das heutige Magdeburg noch das Magdeburg meiner Kindheit? Nur weil die Mauer weg ist und es die DDR nicht mehr gibt, ist Magdeburg doch dieselbe Stadt geblieben. Aber das stimmt nicht, da ist auf der Gefühlsebene etwas passiert, da sind Bindungen auseinander gegangen, ich habe die Stadt verlassen und vieles hat sich verändert.
Ein heimatliches Gefühl aber ist geblieben. Darüber denke ich gar nicht nach, das ist immer da, das ist allgegenwärtig. Da muss ich keine Erinnerung hervorholen, das passiert ganz einfach durch einen Geruch oder durch etwas, was ich sehe oder höre. Zum Beispiel kann mir das in einem Hotelzimmer passieren. Ich mach den Schrank auf und plötzlich riecht es so wie bei meinen Eltern oder meiner Großmutter im Nachttischschrank und da fühle ich mich ertappt, und denke, Mensch, da ist es wieder, obwohl ich genau weiß, das ist ein Hotelzimmer und nicht mein Zuhause.
Inzwischen denke ich, Heimat muss vom konkreten Ort losgelöst werden, weil Heimat ein geistiges Gebilde ist, eine Idee. Auch kann ich Heimat nicht komplex und zusammenhängend erklären.
Meine Heimat-Bilder will ich als Stückwerk lassen. Begonnen hatte ich mit dem Matroschkakopf, wahrscheinlich, weil ich die Russen mag und mich zu ihnen hingezogen fühle. Die Auseinandersetzung mit Symbolen fasziniert mich immer wieder. Und obwohl diese farbige Zeichnung so konkret erscheint, will ich sie doch auch abstrakt auf diesem weißen Blatt Papier zeigen, losgelöst aus den Zusammenhängen. Und weil sich der Begriff Heimat für mich immer wandelt, wandeln sich die Motive auf diesen Blättern auch. Nur stellenweise sollen sie miteinander verbunden sein, dann aber wieder auf weißen Flächen das Bodenlose zeigen und damit Platz schaffen für das, worüber man schlecht reden kann. Die Gedanken und Gefühle, die hierbei entstehen, sollen die Verbindung mit dem Konkreten herstellen. Nur so kann ich das Thema, das ich nicht fassen kann, einkreisen und zu ergründen versuchen.
Gesprächsprotokoll: Martina Schellhorn
Stefan Lierse
1987 Abitur und Einberufung zum Wehrdienst
1990 Umzug nach Potsdam
1991 Sziologiestudium an der Universität Potsdam
1996 Studium Kommunikationsdesign an der FH Potsdam
2002 lebt und arbeitet freischaffend in Potsdam
Ausstellungen:
1991 Galerie 08/15 Potsdam „DART“ – Ein neues Wort für den Duden
1992 Galerie 08/15, Grafik und Aquarelle
1997 FH Potsdam „Das Volksgetränk Bier“ – Plakatwettbewerb
1998 Altes Rathaus Potsdam „Vis–a-vis“, Gruppenausstellung
2000 Landgericht Dessau
Inselgalerie Werder/Havel
2001 BUGA 2001 Potsdam
Kunstwerk Potsdam „Potsdam Fresh Art“
2002 Potsdam Boulevard „Interzone – Ein Showroom“
2003 Galerie im Waschhaus Potsdam „Verführerischer Realismus“
2004 Raum 12, Potsdam „Heimat – Home – Made in Germany“
2005 Raum 12, Potsdam „Gruppenshow“
Landtag Brandenburg
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