Am 24. Juli 2000 wird am Morgen auf der Insel Usedom ein Obdachloser tot aufgefunden. Norbert Platz hatte sich einen Schlafplatz gesucht. Auf den Stufen der Kirche in Ahlbeck wollte er übernachten. Er wurde 51 Jahre alt. Gegen Mitternacht wurde er von vier Jugendlichen totgetreten. Einfach so. Er starb einen langen qualvollen Tod.
Sie brüllten dabei rechte Parolen, beschimpften den Mann. Mädchen sahen zu, sie hinderten die Jungs nicht. Anwohner machten wegen des Lärms die Fenster zu, zogen die Gardinen vor oder stellten den Fernseher lauter. Niemand mischte sich ein, niemand half dem Obdachlosen, niemand rief die Polizei. Alle hörten weg, alle sahen weg.
Eine aufrüttelnde Meldung in der Zeitung, eine von vielen ähnlichen im Sommer 2000. Diese gehört zu den schrecklichsten, sie verstört, macht ratlos und hilflos – und weckt viele Fragen.
Warum hat dem Mann keiner geholten? Was ging in den jugendlichen Schlägern vor? Warum haben sie einen Menschen tot getreten?
Nicht einmal die Täter vermögen eine Antwort zu geben. Später wird der 24jährige Gunnar D. vor Gericht sagen: „Keine Ahnung.“
Durch die Meldung in der Zeitung entstand die Idee, ein Zeichen zu setzen. Neben Veranstaltungen, die erklären, Büchern, die aufklären und Programmen, die verhindern sollen, entstand der Wunsch, etwas zu tun gegen die alltäglich gewordene Gewalt und gegen die Gleichgültigkeit, mit der ihr begegnet wird.
In Zeiten, wo Wegsehen schreckliche Folgen haben kann, ist Hinsehen oft sehr mutig. Deshalb steht der bekenntnishafte Satz ICH SEHE NICHT WEG! für die Initiative für Zivilcourage und gegen Gewalt, die die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung im September 2000 startete. Hinsehen kann der erste Schritt zu aktivem Handeln sein, zum Eingreifen und Verhindern.
Künstler aus Brandenburg und Berlin wurden gebeten, den Satz umzusetzen. Kann man Gewalt illustrieren? Darf man mit Mitteln der Karikatur und Collage dieses ernste Thema auch heiter-ironisch beleuchten?
Den Künstler zeichnet aus, dass er sehr genau hinschaut. Sein Werkzeug ist zuerst das Auge, dann die Hand, die zeichnet, malt oder fotografiert. Der kreative Kopf steckt dazwischen und produziert die Idee, die dann als Kunstwerk Ebenen erreichen kann, die Worten oft verschlossen bleiben. Dabei muss politische Kunst polarisieren und provozieren. Sie kann nicht nett und gefällig sein – nur so gelingt es, den Blick zu schärften, Zusammenhänge zu verdeutlichen und zum Denken und Handeln zu bewegen. Die Kunst des Künstler besteht darin, dem konkreten Ereignis eine allgemeine Gültigkeit zu geben.
Das kann drastisch und direkt sein wie in den fein hingestrichelten Zeichnungen von Klaus Vonderwerth, dessen sattes Ehepaar den wild um sich schlagenden Nachwuchs kaum bändigen kann oder brutal überhöht wie bei Klaus Stuttmann, der seine Gestalten in gefährlicher Dümmlichkeit zeichnet. Aber auch im harmlosen Gewand des „netten“ Nachbarn von nebenan versteckt sich oft alltägliche Gewalt. Erkennt man nicht in den Figuren von Barbara Henniger und Reiner Schwalme den Vater, der seine Kinder verprügelt, der die Springer-Stiefel und Bomberjacke seines Sohnes übersieht und sich raushält, wenn Ausländer angepöbelt und geschlagen werden?
Gewalt hat heute viele Gesichter. Sie darzustellen und zu zeigen gelingt Andreas Kämper auf beunruhigende Weise. Er findet seine Motive im Alltag und fotografiert sie ungeschönt. „Viel zu brutal und geschmacklos“ lautete das ablehnende Urteil einiger Betrachter. Auch die reduzierte Bildsprache von Andreas Prüstel hat nicht nur Zustimmung gefunden. „Jetzt macht Ihr uns auch noch unseren Einstein zum Neo-Nazi!“ war häufig der Kommentar von über 60jährigen, Jugendliche dagegen haben die symbolträchtige Collage sehr gut verstanden: Hakenkreuze gehören in den Müll!
Es war beabsichtigt, dass dieses „kleine Stückchen“ Kunst Unbehagen auslösen soll, um so deutlicher entsteht dann das Bedürfnis, sich mit dem Thema auseinander zu setzen.
Als Transportmittel wurde die Postkarte gefunden. Und zu den ersten 6 Karten kamen inzwischen über 20 hinzu: Neben den Arbeiten von professionellen und bekannten Künstlern kann man jetzt auch die kreative Umsetzung von Jugendlichen auf Postkarten bewundern. Firmen und Institutionen, Schüler und Privatpersonen beteiligten sich und unterstützen die Initiative. Ihnen allen ist Dank zu sagen. Durch sie ist der Satz ICH SEHE NICHT WEG! ins Land getragen worden, stand als Motto für Firmenjubiläen, als Bekenntnis auf Weihnachtskarten, war Thema bei Projekttagen in Schulen und Auslöser vieler Diskussionen und Gespräche. Und sie brachte eine Spenden-Summe von mehr als 40.000,- DM. Mit diesem Geld werden Jugendclubs oder Vereine in ihrer Arbeit für Zivilcourage und gegen Gewalt unterstützt.
Wenn jetzt in einer Ausstellung in den Räumen der Landeszentrale Karikaturen, Collagen, Zeichnungen, Gemälde und Fotografien gezeigt werden, so ist dies weit mehr, als bisher auf Postkarten gedruckt wurde. Diese begleitende Broschüre stellt eine Auswahl der besten Arbeiten vor: Kunst, die sich einmischt und gegen Gewalt aufruft.
Wie konkret sich reale Gewalt ereignen kann, wird in den Protokollen geschildert, die nach dem brutalen Zusammenschlagen einer Schülerin in Frankfurt (Oder) entstanden sind. Lehrerin, Sozialarbeiterin, Eltern und Schüler haben danach nicht weggesehen, sondern sehr ehrlich und engagiert versucht, Ursachen zu finden. Ein ganz anderer Bericht beschließt diesen Katalog. Schüler des fakultativen Religionsunterrichtes aus Angermünde haben die Initiative ICH SEHE NICHT WEG! zu ihrer Sache gemacht.
Ihre Erlebnisse und Erfahrungen machen Mut und zeigen den ideenreichen Umgang mit dem Thema, das auch heute, 15 Monate nach dem Start der Initiative, nicht inaktuell geworden ist. Sie sind dafür mit der „Angermünder Elle“ ausgezeichnet worden, dem Preis für Zivilcourage der Stadt Angermünde.
Die Initiative soll nicht beendet werden. Vielleicht erscheint in einem Jahr die nächste Publikation mit neuen Kunstwerken und Dokumentationen – für Zivilcourage und gegen Gewalt.
Martina Schellhorn
Brandenburgische Landeszentrale
für politische Bildung
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